Zweimal Weihnachten in London

Benjamin Fröhlich wohnt seit acht Jahren in Tottenham. Für das Fest kann er nicht in die Schweiz kommen.

Raphael Karpf
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Benjamin Fröhlich. In Mutschellen aufgewachsen, wohnt der Sänger und Schauspieler seit acht Jahren in London.

Benjamin Fröhlich. In Mutschellen aufgewachsen, wohnt der Sänger und Schauspieler seit acht Jahren in London.

Bild: zvg

Weihnachten hat Benjamin Fröhlich vergangenes Wochenende gefeiert. In seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Tottenham, zusammen mit seinem Lebenspartner und der Mitbewohnerin. Sie haben gekocht und Geschenke ausgetauscht. Das Fest haben sie vorgezogen, weil Fröhlich am 24. mit seiner Familie in Widen feiern wollte.

Dort ist der heute 37-Jährige aufgewachsen. In Baden ging er in die Kanti, in Zürich hat er studiert: Schauspieler und Sänger. Vor acht Jahren zog es ihn auf die Insel. London, West End, die grossen Theater: Sie haben Fröhlich angezogen. Inzwischen hat Fröhlich selbst Stücke geschrieben. Er hat bei x Produktionen mitgeholfen. Und er ist bei so bekannten Musicals wie «Rent» auf der Bühne gestanden. Seit knapp einem Jahr steht West End aber still, Aufführungen werden frühestens wieder im Juni stattfinden. «Wir haben versucht, im Kleinen aufzutreten. Das war aber natürlich schwierig. Gerade weil sich die Lage andauernd verändert.»

Also hat Fröhlich sich angepasst. Er hat «Die Zauberorgel», ein Familienmusical von Jörg Schneider, auf Englisch übersetzt. Und daraus mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, alle jeweils von sich zu Hause aus, ein Werk geschaffen. Zu sehen sind miteinander redende und singende Köpfe, per Zoom aufgenommen. Eingebettet ist das Ganze in einer virtuellen Welt. «Als Künstler findet man immer etwas, um kreativ zu sein», sagt Fröhlich. «Die Frage ist nur, ob man dafür auch bezahlt wird.»

Aufgeben möchte, und muss, Fröhlich aber nicht. Künstler seien in England fast alle freischaffend, erzählt er. Das war in dieser Situation, nebst den Schwierigkeiten, auch ein Vorteil: Alle Freischaffenden, aus den verschiedensten Branchen, haben zusammen eine starke Lobby gebildet. Diese hatte offenbar Erfolg. «Es war ein Kampf und ist es immer noch. Aber ich hatte Glück und bekam vom Staat zumindest eine kleine Unterstützung.»

Der Flug in die Schweiz war bereits gebucht

Seit im Süden Englands eine mutierte Version des Coronavirus entdeckt wurde, ist London im Lockdown. Die Läden sind geschlossen, Besuche in anderen Haushalten verboten. Auch über Weihnachten. Damit sind auch Fröhlichs Weihnachtspläne gestorben. Der Flug am 24. war bereits gebucht. Er wäre nach Widen gekommen, zu seinen Eltern und Geschwistern, sie hätten zusammen gekocht (jedes Jahr etwas anderes, jedes Familienmitglied steuert jeweils etwas zum Festmahl bei) und Geschenke unter dem Baum ausgetauscht. «Das Fest an sich ist mir ja eigentlich egal. Aber das Leben und die Familie hätte ich gerne gefeiert. Sie vermisse ich.» Stattdessen feiert er Weihnachten in London – nochmals. Nur im kleinen Rahmen diesmal. Und dann? «Ich bin hoffnungsvoll, dass es wieder anders wird und ich wieder auf Bühnen stehen kann.» Bis es so weit ist, plant und schreibt er eigene Produktionen. Und er hat sich um eine Teilzeitstelle in einer anderen Branche beworben: Vor dem Schauspielstudium hat er vier Jahre Medizin studiert. Er hat sich gemeldet, um bei den Impfungen in England mitzuhelfen.