Integration
Wie zwei Flüchtlinge im Aargau einen Job fanden – und warum es so wenige schaffen

Im Aargau leben heute ungefähr 2500 Flüchtlinge, die arbeiten dürften. Gut ein Viertel hat tatsächlich eine Stelle. Wie Abdulahi Ali und Gyentsen Mirutsang eine gefunden haben – und warum die Quote nicht höher ist.

Mario Fuchs
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Abdulahi Ali, Schreinerpraktiker, in der Produktion der Türenfabrik Safenwil links, rechts Gyentsen Mirutsang, Spezialreiniger, auf der Coop-Baustelle Schafisheim

Abdulahi Ali, Schreinerpraktiker, in der Produktion der Türenfabrik Safenwil links, rechts Gyentsen Mirutsang, Spezialreiniger, auf der Coop-Baustelle Schafisheim

Sandra Ardizzone

Abdulahi Ali, 20, Somalia, vorläufig aufgenommen, will nichts trinken. «Für mich ist gut, danke», sagt er und lächelt zur Servicefachfrau hoch. An diesem regnerischen Mainachmittag sitzt er im «Wasserschloss», der Kantine des Vereins Lernwerk in Vogelsang, 100 Meter neben dem Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat, und erzählt sein Leben in einem Fluss.

Kurzversion: mit 16 Jahren allein in die Schweiz gereist, Ankunft in Basel, Unterkunft im Aargau. Das war vor vier Jahren, Abdulahi sprach Somalisch, Arabisch, etwas Englisch – aber kein Deutsch. Es war der Moment, als sich sein starker Wille, der ihn auf der Flucht vor der al-Shabaab-Miliz über das Mittelmeer gebracht hatte, ein erstes Mal in der Schweiz auszahlte: «Ich wollte diese Sprache unbedingt lernen.» Ein Platz im Integrationsjahr des Kantons blieb ihm mit Asylstatus N verwehrt, aber Abdulahi liess nicht locker.

Ein Landsmann gab ihm einen Tipp: Er solle sich beim «Team 1155» melden. Die vom Kanton finanzierte Fachstelle unterstützt Jugendliche in schwierigen Situationen auf dem Weg zu einer Lehrstelle. Diese leitete ihn weiter ans Lernwerk, wo sich Marianne Maurer, Leiterin Lehrbetriebsverbund, zuerst dachte: «Der ist ja noch überhaupt nicht lange in der Schweiz. Reicht sein Deutsch denn schon für eine Lehre?» Jetzt sitzt Herr Ali neben Frau Maurer. Sie lachen darüber, wie er «mindestens einmal im Monat» angerufen hatte, um zu fragen, ob sie endlich eine Lehrstelle für ihn gefunden habe. «Ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussieht. Und ich wollte nicht einfach zuschauen, was mit ihr passiert», sagt er.

Angst vor der Berufsschule

Seine Hartnäckigkeit nützte: Zwei Jahre nach Einreise konnte er so gut Deutsch, dass ihm der Verein Lernwerk nach erfolgreicher Schnupperlehre einen Lehrvertrag in einem seiner Verbundbetriebe gab: Türenfabrik Safenwil, Schreinerpraktiker, eidgenössisches Berufsattest. Abdulahi erinnert sich: «Ich hatte ein bitzeli Angst vor der Berufsschule. Wegen der Mathematik. Aber dann ging es ganz gut.» Jetzt steht er kurz vor seinem Lehrabschluss. Nach zweijähriger Ausbildung beginnt er heute die praktische Prüfung. «Ich mache einen Schreibtisch, mit zwei Büchergestellen. Für mein neues Zimmer.»

Abdulahi Ali: «Ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussieht. Und ich wollte nicht einfach zuschauen, was mit ihr passiert.»

Abdulahi Ali: «Ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussieht. Und ich wollte nicht einfach zuschauen, was mit ihr passiert.»

Sandra Ardizzone

Weil ein pensionierter Lehrer ihm einen WG-Platz angeboten hat, kann er wohl bald aus der Asylunterkunft in Unterentfelden ausziehen. Einige der Dutzend Mitbewohner wird er vermissen, nicht aber das laute Gewirr aus Kochen, Fernsehen und Skype-Anrufen, das ihn oft beim Lernen unterbrach.

Mit dem Chef hat er bereits über seine Zukunft gesprochen: «Wenn ich möchte, kann ich weiterarbeiten.» Der Chef verlange viel, aber der Einsatz werde auch honoriert: «Man muss flexibel sein, es gibt manchmal Wochenendarbeit. Aber das mache ich gerne.» Nach der Arbeit geht er regelmässig in einen zusätzlichen Deutschkurs – bezahlt vom Arbeitgeber. «Ich muss immer ein Ziel haben. Ohne Ziel kann ich nicht leben.»

Wohin mit dem ersten Lohn?

Gyentsen Mirutsang, 38, Tibet, anerkannter Flüchtling, nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Sofort fällt auf: Die Finger sind nicht mehr vollzählig. Es ist Freitag, 16.30 Uhr, und weil er schon um 5.30 Uhr aufgestanden war, hätte er seinen Feierabend verdient. Stattdessen nimmt er – Sicherheitsschuhe, Arbeitshose, Poloshirt mit Logo und Namensschild – Platz in einem Sitzungszimmer der Rohr AG Reinigungen in Hausen. Neben ihm schlägt eine Übersetzerin ihren Notizblock auf. Deutsch kann Gyentsen noch nicht gut, das gehörte damals in China nicht zu seiner Lehrer-Ausbildung.

In die Schweiz kam er vor vier Jahren: Basel, Buchs, Wohlen, Villmergen. Frau, Vater und Schwestern musste er zurücklassen – wer in China für mehr tibetischen Lese- und Schreibunterricht demonstriert, hat keine grosse Wahl mehr. Manchmal ruft er in der Heimat an. «So lange es um Alltägliches geht, ist das kein Problem, aber so bald es politisch wird, ist die Verbindung weg», sagt er. Als nach einigen Monaten der Deutschunterricht für ihn beendet war, wunderte er sich: «Ich wollte doch weiter lernen!» Auf gut Glück fragte er auf der Gemeindeverwaltung, ob es für ihn Arbeit gebe.

Gyentsen Mirutsang: «Wenn meine Eltern mit der Ernte beschäftigt waren, musste ich das Haus putzen. Das habe ich immer gerne gemacht.»

Gyentsen Mirutsang: «Wenn meine Eltern mit der Ernte beschäftigt waren, musste ich das Haus putzen. Das habe ich immer gerne gemacht.»

Sandra Ardizzone

«Auch ohne Lohn hätte ich jeden Job genommen.» Am liebsten aber – das wusste er, seit er als Kind das Haus putzte, wenn die Eltern mit der Ernte beschäftigt waren – wollte er in die Reinigungsbranche. Das Lernwerk gab ihm eine Chance, trotz schlechter Deutschkenntnisse. Anna Schütz, Leiterin Arbeitsmarktintegration, erinnert sich: «Es war sofort klar, dass er das unglaublich gut macht.» Später durfte er bei der Rohr AG Probe arbeiten – wo man ebenso begeistert war. Inhaber René Rohr sagt: «Ich bin sehr froh, dass er bei uns gelandet ist.» Dann wendet er sich zu seinem Mitarbeiter: «Es berührt mich sehr, was Sie erlebt haben. Wenn Sie etwas nicht lösen können, können Sie immer zu mir kommen.»

Jetzt ist Gyentsen fest angestellt, arbeitet bereits in der anspruchsvolleren Spezialreinigung. Anfang Mai konnte er eine Wohnung in Untersiggenthal beziehen. Bis es so weit war, musste er viel lernen und herausfinden: «Wie komme ich mit dem Bus frühmorgens nach Hausen? Wie verpflege ich mich am Mittag? Was mache ich mit dem Lohn, wenn die Gemeinde Geld zurückfordert?» Wenn er sich im Deutsch entwickelt, könne er es bis zu einer Kaderstelle bringen, sagt Rohr und lobt ihn als «Musterbeispiel». Gyentsen bedankt sich ausführlich bei seinem Chef. Er hoffe, eines Tages nach Tibet zurückkehren zu können. «Dann möchte ich mein eigenes Reinigungsunternehmen aufbauen, wie Herr Rohr!», sagt er und lacht. Der Chef lacht mit. «Dann werde ich aber Verwaltungsrat bei Ihnen!»

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