Analyse

Wie gut der Aargau die Coronakrise meistert – eine Zwischenbilanz

Leerer Theaterplatz in Baden: Auch über Ostern?

Leerer Theaterplatz in Baden: Auch über Ostern?

Behörden, Bevölkerung und die Wirtschaft befinden sich im Coronanotstand. AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli schreibt in seiner Zwischenbilanz: «Die Disziplin der Bevölkerung ist auch ein Zeichen, dass sie den Behörden in dieser Krise vertraut.»

Mit Zuckerbrot und Peitsche hat uns Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ins Osterwochenende entlassen. «Grossartig, wir können stolz sein», lobte sie die Bevölkerung, mahnte uns in der Manier einer strengen Lehrerin aber gleichzeitig: Nur wenn wir diszipliniert bleiben, winken Lockerungen bei den Coronamassnahmen. Wir bleiben also brav zu Hause und stellen uns die Frage: Was lief bei uns im Aargau bisher gut, was weniger?

Gesundheit: Krisenmanagement gut, mehr Spielraum für Spitäler

Das Wichtigste zuerst: Im Aargau hat sich die Zahl der aktuell Corona-Erkrankten etwas stabilisiert und 21 der 100 Betten mit Beatmungsgeräten werden zurzeit beansprucht. Zum Aufatmen ist es noch zu früh, wie uns die Virologen einimpfen. Es müsste aber viel falsch laufen, sollte das Worst-­Case-Szenario mit bis zu gleichzeitig 600 schwersten Fällen noch eintreten. Jetzt zeigt sich, wie gut unsere Spitäler aufgestellt sind. Grauenhafte Bilder wie aus Italien müssen wir kaum befürchten. Auch das Krisenmanagement mit Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati an der Spitze funktioniert. Obwohl der SVP-Regierungsrat durchblicken lässt, dass er nicht immer einverstanden war mit dem Kurs des Bundesrates, setzte er die Massnahmen im Aargau von Anfang an vorbildlich ohne Murren um; militärisch, ganz Major eben.

Was steht an? Spitäler und Ärzte sollten bald wieder «normale» Patienten behandeln und operieren dürfen. Es ist absurd, wenn Spitäler in der Coronakrise gleichzeitig Kurzarbeit anmelden müssen. Wenige Stunden vor dem Lockdown hatte Gallati dem Kantonsspital Baden noch schnell eine Bewilligung für Operationen erteilt, die der Bundesrat später untersagte. Hier darf der Gesundheitsdirektor selbstbewusst anknüpfen. Spitäler sind Sache des Kantons. Solange das Coronaregime funktioniert, soll er seinen Spielraum verantwortungsvoll nutzen.

Schule: Alle ziehen mit, nur digital gibts noch keine Bestnoten

Ähnliches gilt für die Schule. Auch hier haben die Kantone die Hoheit. Als der Bundesrat alle Schulen für geschlossen erklärte, wurde Bildungsdirektor Alex Hürzeler auf dem falschen Fuss erwischt. Er war wie viele überrascht vom Ausmass des Entscheids und musste von heute auf morgen die Aargauer Schulen umorganisieren. Nach einem holprigen Start hat das Bildungsdepartement zusammen mit Schulen und Lehrern den improvisierten Unterricht – soweit von aussen beurteilbar – gut aufgegleist. Jetzt ist wichtig, dass der Bildungsdirektor zusammen mit seinen Amtskollegen beim Bund Druck und Vorschläge macht, wie bald wieder Unterricht im Schulhaus möglich wird. Kinder kann man auf die Dauer nicht zu Hause einsperren.

Noch etwas offenbart die Coronanot­lage: In Sachen Digitalisierung haben wir Nachholbedarf. Dabei ist die Kluft zwischen den Schulen, ja sogar einzelnen Lehrern, enorm. Die einen haben digitales Lernen schon vor Jahren in den Unterricht integriert, für andere ist «App» immer noch ein Fremdwort; viele werden durch die aktuellen Umstände quasi zwangsdigitalisiert. Es ist nun Aufgabe der Schulbehörden, diesen Digitalisierungsschub konsequent fortzusetzen.

Wirtschaft: Not macht erfinderisch – und bringt Schwächen ans Licht

Hunderte lokale Gewerbler, Selbstständige und Angestellte trotzen dem Lockdown von der ersten Stunde an mit Eigeninitiative und Kreativität. Heimlieferdienste schossen wie Pilze aus dem Boden, Netzwerke für Nachbarschaftshilfe wurden spontan geknüpft, Firmen-Websites zu Online-Handel-Plattform umgerüstet. Auch die Behörden straften die Klischees Lügen und handelten schnell. Der Kanton richtete ein unbürokratisches Kurzarbeitsregime ein und stellte 300 Millionen Franken in Aussicht für all jene, die zwischen die Maschen fallen bei den Notkrediten des Bundes.

Schnelle Hilfe ist entscheidend, damit der Lockdown betroffenen Firmen und Selbstständigen nicht das Genick bricht. Schliesslich sind die KMU als Rückgrat unserer Wirtschaft system­relevant. Man reibt sich allerdings die Augen, wie selbstverständlich nach À-fonds-perdu-Beiträgen gerufen wird, gerade auch von jenen, die sonst möglichst wenig Staat fordern. Natürlich, der Staat hat mit seiner Notverordnung viele Geschäfte abgewürgt, also steht er auch in der Verantwortung. Aber der Fricker Bäckermeister Markus Kunz traf einen wunden Punkt, als er in dieser Zeitung kritisierte, zu viele KMU würden von der Hand in den Mund leben und hätten nicht vorgesorgt für eine solche Krise.

45 Lockdown-Bilder aus dem Aargau

Bevölkerung: Zunehmend diszipliniert mit Drang nach draussen

Und die Bevölkerung? Sie hat sich den Einschränkungen im Alltag Schritt für Schritt gefügt. Zuerst teils störrisch und ungläubig, mit zunehmendem Ernst aber überwiegend diszipliniert. Das ist auch als Zeichen des Vertrauens in die Politik und Behören zu werten, das in normalen Zeiten gerne in Frage gestellt wird. Nur mit dem Zuhausebleiben tun sich die Aargauerinnen und Aargauer offensichtlich schwerer als andere. Laut einer Google-Auswertung von Handydaten drängt es die Menschen in unserem Kanton besonders häufig nach draussen.

Alle hoffen nun auf Lockerungen, die der Bundesrat ab dem 26.April in Aussicht stellt. Wenn dann tatsächlich weitere Läden, Betriebe, ja vielleicht sogar Schulen unter Bedingungen wieder öffnen, ist noch mehr Disziplin von uns allen gefragt. Der wirkliche Härtetest steht also noch aus.

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