Medienkompetenz
Wer online Opfer produziert, muss zur Strafe in den Internetkurs

Nacktbilder weiterverschickt oder auf Facebook gemobbt? Wer online straffällig wird, muss zum Kurs und lernt, warum das Versenden von Nacktbildern illegal sein kann. Bisher mussten im Aargau 52 Jugendliche in einen solche Kurs.

Manuel Bühlmann
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Fast jeder Jugendliche in der Schweiz besitzt ein Smartphone, nicht alle halten sich im Umgang damit an die Gesetze.

Fast jeder Jugendliche in der Schweiz besitzt ein Smartphone, nicht alle halten sich im Umgang damit an die Gesetze.

Keystone

Eine Bewegung mit dem Daumen kann reichen, um straffällig zu werden. Innert Sekunden sind das Nacktfoto der Exfreundin, das Pornovideo, die Drohung über das Smartphone verschickt. Auf den schnellen Klick folgt für Opfer oft eine lange Leidenszeit.

Dessen seien sich die meisten Täter gar nicht bewusst, sagt Andy Schär. Der Pädagoge leitet im Kanton Aargau Medienkompetenzkurse für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, die im Internet straffällig geworden sind, und sagt: «Viele sind überrascht, wenn sie hören, dass sie online Opfer produzieren. Mobbing beispielsweise ist für die Betroffenen eine Katastrophe, doch das wissen die Täter oftmals nicht.»

54 Teenager wurden bislang verpflichtet, an zwei Nachmittagen in ihrer Freizeit an einem Medienkompetenzkurs teilzunehmen, den die Jugendanwaltschaft zusammen mit der Pädagogischen Hochschule FHNW entwickelt hat. Die Idee dahinter: Wer erstmals straffällig wird, soll nicht nur bestraft, sondern auch geschult werden. «Wir wollen ihnen das Know-how für den Umgang mit dem Internet in die Hand geben», sagt Günter Marz, Sozialarbeiter bei der Aargauer Jugendanwaltschaft.

«Eine grosse Dunkelziffer»

Wie dringend dieses Anliegen ist, unterstreichen Erkenntnisse aus der jüngst veröffentlichten «James-Studie» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Demnach besitzen 99 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz ein Mobiltelefon, nahezu ausschliesslich Smartphones. Die Teenager sind durchschnittlich 21⁄2 Stunden online, am Wochenende gar 3 Stunden 40 Minuten – ein Anstieg um 25 Prozent innert zweier Jahre.

Das schlägt sich auch auf die Zahl der Fälle von illegal verschickten Nacktfotos, Videos und Drohungen nieder. «Wir sind immer mehr mit diesen Anzeigen konfrontiert», sagt Günter Marz. Genaue Zahlen gibt es keine, weil in der Statistik nicht unterschieden wird, ob ein Delikt online oder offline verübt worden ist. Marz geht davon aus, «dass diese Verfehlungen zunehmen und es eine grosse Dunkelziffer gibt». Die Medienkompetenzkurse sollen dieser Entwicklung entgegenwirken. Inwiefern sie dies tun, lässt sich nach vier Jahren nicht abschliessend beurteilen.

Zwar sei es schwierig, die Wirkung genau zu messen, sagt Günter Marz. Doch die Tendenz sei klar: «Die grosse Mehrheit der Kursteilnehmer kommt kein zweites Mal.» Und: Die Rückmeldungen von Jugendlichen, Eltern und Schulen seien überwiegend positiv. Das bestätigt auch Kursleiter Andy Schär: «Die Teilnahme ist Pflicht, doch wenn die Jugendlichen im Kurs sind, interessieren sie sich sehr für das Thema.»

Die Teilnehmer – grossmehrheitlich junge Männer – wüssten zwar technisch gut Bescheid, hätten aber vielfach keine Ahnung, was rechtlich erlaubt ist und was nicht. Schär erklärt ihnen dann das Recht am eigenen Bild oder dass es bereits als Weitergabe von Pornografie gilt, wenn Fotos von Geschlechtsteilen verschickt werden, was für unter 16-Jährige generell verboten ist, und warnt davor, dass das Internet nie vergisst.

«Ich wünschte mir, in der Schule würde mehr über diese Themen gesprochen», sagt Schär. Bei ihm im Kursraum sassen schon Jugendliche, die über Whatsapp Leute mit dem Tod bedrohten, Kinderpornografie auf Facebook posteten oder Nacktbilder ihrer Ex-Freundinnen an ihre Kollegen verschickten. «Die meisten haben einen grossen Schreck, erwischt worden zu sein.» Dazu komme, dass sie sich im Kurs mit ihrer Tat auseinandersetzen müssen – «das ist unangenehm». Der Lerneffekt sei bei den Kursen grösser als etwa bei Arbeitseinsätzen, sagt Andy Schär. «Kompetenzfördernde Strafen liessen sich auch in anderen Bereichen finden.»