Künstliche Intelligenz
Wenn der Mensch überflüssig wird: Wie Digitalisierung die Sozialversicherungen herausfordert

Künstliche Intelligenz wird schon bald Tausende von Jobs kosten. Eine gewaltige Herausforderung – auch für Sozialversicherungen.

Sébastian Lavoyer
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Das Ende der Dummheit naht. So prophezeit es Zukunftsforscher Lars Thomsen. Was er damit meint? Schon bald, in drei bis fünf Jahre, so seine Prognose, werden wir mit unseren Computern sprechen, Dialoge führen. Sie werden unsere E-Mails durchforsten, Wichtiges von Unwichtigem trennen, einzelne Anfragen gleich selbst beantworten, anderes dem Anwender zur Entscheidung überlassen. Maschinen werden lernfähig, wir impfen ihnen in Form von Software Intelligenz ein. Künstliche Intelligenz.

Die Digitalisierung, so Thomsen, sei längst in vollem Gange, der damit verbundene Umbruch am Geschehen. Künstliche Intelligenz, kurz KI, im Zusammenspiel mit der Robotisierung des Alltags wird den nächsten Bruch in der Geschichte der Menschheit markieren. «Routinetätigkeiten wie zum Beispiel das Ausfüllen der Steuererklärung wird künftig der Computer erledigen. Schneller, zuverlässiger und billiger, als es ein Mensch je machen kann», sagt der Zukunftsforscher im Rahmen des Arbeitgeberforums der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Aargau (SVA).

Das tönt einerseits wahnsinnig verlockend. Andererseits wird es Folgen von kaum abschätzbaren Ausmassen haben. Was passiert mit all den Leuten, die heute ihr Geld mit solchen Tätigkeiten verdienen? Wie jede technologiegetriebene Veränderung werden auch KI und Robotik ihre Opfer fordern. Stellen werden gestrichen werden. Menschen werden ihre Arbeit verlieren und sich neu orientieren müssen. Da kommen grosse Herausforderungen auf unsere Gesellschaft, insbesondere auch auf die Sozialversicherungen. «Wir gehen ganz klar von steigenden Volumen aus», sagt Nancy Wayland Bigler, CEO der SVA Aargau.

Mit intelligenter Technologie die Zukunft meistern

Das liegt zum einen am technologischen Fortschritt. Zum anderen aber daran, dass sich die Sozialversicherungen durch verschiedene Revisionen auch selbst entwickelt haben. «Der Fokus liegt künftig auf jungen Menschen und Menschen mit psychischen Problemen», sagt Wayland. Schon heute machen psychische Probleme rund 40 Prozent aller «Eingliederungsmassnahmen», so der Fachbegriff, aus. Allein 2018 hat die SVA Aargau 3000 derartige Massnahmen durchgeführt. In rund zwei Dritteln der Fälle mit Erfolg. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Massnahmen umso erfolgreicher sind, je früher man Fachleute der Sozialversicherungen involviert. Aber, so Wayland: «Wir werden in der Regel viel zu spät kontaktiert.»

Über die Gründe kann sie nur spekulieren. Wayland geht davon aus, dass es falsche Hemmungen gebe, die IV-Stelle in einem solchen Fall zu kontaktieren. Dabei wäre das Gesetz ziemlich deutlich: Nach vier Wochen Arbeitsunfähigkeit kann und soll man mit der IV Kontakt aufnehmen. «Es geht nicht immer gleich um eine IV-Rente, wenn man mit uns Kontakt aufnimmt, im Gegenteil», sagt Wayland. Man habe eine Hotline für Arbeitgeber eingerichtet, weil diesen Veränderungen zuerst auffallen würden. Aber prinzipiell können sich bei Problemen alle melden. Kostenlos und ohne den ganzen IV-Apparat unwiederbringlich Richtung Rente rattern zu lassen.

Die drohenden Umbrüche durch den technologischen Wandel werden auch für die SVA zur Herausforderung. Wenn weniger Menschen Arbeit haben, zahlen weniger Steuern und zugleich werden mehr Menschen auf die Dienste der Sozialversicherungen angewiesen sein. Wie soll das aufgehen? «Das ist eine Frage, die uns sehr beschäftigt», sagt Wayland. Man sei bestrebt, möglichst viele Prozesse zu automatisieren, Plattformen anzubieten, auf denen sich die Kunden selbst helfen können. «Wir versuchen, uns mit intelligenter Technologie auf den Weg zu machen, damit die Sozialversicherungen trotz allem bezahlbar bleiben», beteuert die SVA-Geschäftsführerin. So habe man zum Beispiel das Prämienverbilligungsverfahren automatisiert. Seit 2016 könne man Prämienverbilligung online beantragen. Seit 2018 werde das sehr oft genutzt.

Bei der Sozialversicherung gibt es nur gut oder schlecht

Das tönt alles vernünftig, gut und schön. Doch googelt man die SVA, kriegt man ein differenzierteres Bild. Von «An Besprechungen wird geheuchelt, dass man sich das kaum vorstellen kann» bis «Sehr kompetente Beratung» finden sich unterschiedlichste Bewertungen. Nancy Wayland sagt, dass sie sich die Rezensionen regelmässig anschaue. Weil sie auf Feedback angewiesen sei. Wayland sagt: «Spannend ist, dass es eigentlich nur sehr gut oder sehr schlecht gibt.» Die Vermutung liegt nahe, dass die Beurteilung eng damit zusammenhängt, ob jemand Unterstützung bekommt oder nicht. Daran dürfte auch das Ende der Dummheit kaum etwas ändern. Denn so intelligent Maschinen auch werden, der Mensch bleibt Mensch.

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