Kinolandschaft
Warum Kinogiganten den Aargau umzingeln statt einnehmen

Bis auf ein Multiplex in Spreitenbach haben die grossen Anbieter bisher verzichtet, sich im Kanton zu installieren.

Jocelyn Daloz, Sébastian Lavoyer
Drucken
Teilen
Das Kino Pathé in Spreitenbach

Das Kino Pathé in Spreitenbach

Severin Bigler / BAD

Von den drei grössten nationalen Akteuren – Pathé, Blue Cinema und Arena Cinemas – hat bloss Pathé einen Standort auf Aargauer Boden: das Multiplex beim Shoppi Tivoli in Spreitenbach. Wir haben nachgefragt, weshalb die französische Firma hier alleine steht: Ist den Grossanbietern dieser Markt zu klein?

Die kurze Antwort lautet: Sie müssen nicht direkt im Aargau präsent sein, um die dortige Kundschaft abzuholen. Sie sind auch nicht speziell daran interessiert, kleinere Säle aufzukaufen oder zu eröffnen, wie Torsten Wagner, Pressesprecher von Pathé Cinémas, erklärt: «Wir haben Multiplexkinos in Ebikon, Basel, Bern und seit 2019 in Spreitenbach. Der Kanton liegt also perfekt eingebettet im Bermuda-Viereck, wie wir es nennen.» Pathé rechnet für jedes Multiplexkino mit einem Einzugsgebiet von 30 Minuten Anfahrtsweg.

Deshalb werden grosse Einrichtungen sehr oft in Agglomerationsgebieten gebaut: «Beim Standort in Ebikon liegt unser Hauptfokus nicht explizit bei Luzern, sondern bei den umliegenden Regionen bis nach Zug.»

Wo stehen die anderen Grossanbieter rund um den Aargau?

Blue Cinema ist in Basel, Bern und Biel vertreten. Im Oktober hätte Arena Cinemas, die in Zürich sehr präsent ist, ein Multiplexkino in Basel eröffnen wollen, musste aber angesichts der Krise abwarten.

Arena «plane ­Kinos nicht einfach so», wie Geschäftsführer Patrick Tavoli sagt. Das bestätigt auch Wagner von Pathé: «Von der Idee, in Spreitenbach ein Multiplexkino zu bauen, bis zur Eröffnung sind acht Jahre verstrichen.» Pathé hat in drei Jahren 60 Millionen in drei Standorte investiert; die jetzige Strategie sei, die bestehenden Infrastrukturen zu verstärken. Blue Cinema will seine Strategie nicht preisgeben.

Blockbusters statt Arthouse-Cinema

Die Kinogiganten setzen auch einen anderen Fokus als Familienbetriebe und die mit viel Leidenschaft geführten Projekte im Aargau. Arthouse-Filme findet man da weniger. Pathé-Pressesprecher Wagner sagt:

Unsere Technologie ist darauf aufgelegt, durch Blockbusters mit beeindruckender Bildgewalt starke Emotionen auszulösen

Eine dichte und diversifizierte Kinolandschaft in der Schweiz

René Gerber von Pro Cinema erklärt, dass «Kein Schweizer länger als 20 Minuten ins Kino» brauche. Die 609 Säle gehören 193 Firmen. Im Vergleich dazu gäbe es in Deutschland kaum über 50 Unternehmen, sagt Gerber.

Doch es drohen düstere Zeiten. Soeben kündigte Warner an, ihre Filme ab 2021 gleichzeitig zum Kinostart auch auf der Streamingplattform HBO Max zu zeigen. Zahlreiche Zeitungen sprechen vom Todesstoss für die Kinobranche. Wobei HBO Max hierzulande noch gar nicht verfügbar ist. «Unter Umständen könnte das ein Vorteil sein», meint Gerber. Und er analysiert: Warner sei traumatisiert von den tiefen Einnahmen von «Tenet» im Sommer.

Aber in Europa sei der Film relativ gut gelaufen. Und es sei gut möglich, dass die Filme in Europa auch nächstes Jahr gut laufen werden, weil Warner das Publikum nicht online abholen kann. Darüber hinaus sind Wirtschaftsprognosen reines Kaffeesatzlesen.