Manieren

«Und wer ist dieser Typ?» – an einem Knigge-Kurs für Kinder

«Und wer ist dieser Typ?» – an einem Knigge-Kurs für Kinder

Stehapéro, Händeschütteln und Spaghetti aufdrehen: Was die Kinder wie über Knigge und Manieren lernen.

Ellenbogen vom Tisch! Sprich nicht mit vollem Mund! Spiel nicht mit dem Essen! Gut möglich, dass diese Hinweise bei Kindern zu einem Ohr rein, zum anderen aber auch wieder raus gehen. In diesem Fall hilft Katrin Künzle weiter. Sie ist Kniggetrainerin und gibt Kurse für Kinder. Ein Augenschein.

Ein Seminarraum in einem Hotel in Baden, am weiss gedeckten Tisch sitzen acht Kinder. «Ich weiss gar nicht, was da passiert!», sagt Jon.

Damit ist er nicht allein. Die Kinder sitzen an diesem Tisch, weil ihre Eltern es wollten – oder die Grossmutter. Sie haben den Nachwuchs für den Kurs «Kniggkids – Knigge und Tischmanieren für Kinder» angemeldet. 

Oben am Tisch steht Kathrin Künzle. Und ein golden gerahmtes Bild von einem älteren Herrn mit Halbglatze und weissen Haaren. «Wer ist dieser Typ?», fragt eines der Kinder frei heraus. Womit der die Gruppe bereits mitten im Thema ist. Der Mann auf dem Bild ist nämlich Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge und die Frage liesse sich auch anders formulieren, korrigiert Kathrin Künzle. Zum Beispiel: «Wer ist dieser Herr auf dem Bild?»

Spaghetti wickeln

Nach einer Vorstellungsrunde – Konrad spielt Geige, Lorenz Cello und beide Landhockey, Lena wird «praktisch jeden Tag» von ihrer Mutter korrigiert und Nina will Regeln lernen – geht es zum praktischen Teil. Die Kinder lernen verschiedene Begrüssungsformen kennen und üben den richtig dosierten Händedruck.

Anschliessend können sie die Hotelküche besichtigen, nehmen einen Apéro am Buffet, decken den Tisch samt viel Besteck und Brottellerchen und essen schliesslich ein Dreigangmenü, das nicht unabsichtlich Spaghetti enthält. Kathrin Künzle zeigt den Kindern, wie sich Spaghetti ohne Löffel auf die Gabel wickeln lassen. Und natürlich auch, wie man sich mit Haltung an einen Esstisch setzt und was dann mit der Serviette passiert.

«Zum einen Ohr rein, zum anderen raus»

Kathrin Künzle ist Knigge-Trainerin, Berufsbildnerin und Inhaberin einer eigenen Firma. Vor 16 Jahren ging es ihr wie den Eltern der Kinder, die jetzt an diesem Tisch sitzen. Sie hat versucht, ihren Kindern beizubringen, was sich bei Tisch gehört und was nicht. «Aber ich habe gemerkt, das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.»  Unterstützung hätte sie sich damals gewünscht. Und so war die Idee für den «Kniggkids»-Kurs geboren.

Katrin Künzle zeigt, wie sich Spaghetti am besten auf die Gabel wickeln lassen.

Katrin Künzle zeigt, wie sich Spaghetti am besten auf die Gabel wickeln lassen.

Die Kurse, die Künzle mittlerweile auch für Jugendliche oder Erwachsene anbietet, kommen gut an. Vor allem in der Adventszeit, wie Künzle sagt. Offenbar steigt mit der Anzahl der Festessen auch die Nachfrage nach guten Manieren.

Die Welt ein Stück besser machen

Das Brot nicht schneiden, sondern brechen, die Serviette auf den Schoss legen und Messer und Gabel nach dem Essen in der Zwanzig-nach-vier-Position in den Teller legen – Knigge selbst habe nie so konkrete Regeln formuliert, erklärt Kathrin Künzle den Kindern. Lediglich Empfehlungen habe er abgegeben zum Umgang mit Mitmenschen. Dass sich diese wohl fühlten, das sei das Ziel. «Mit gutem Benehmen macht ihr die Welt ein kleines bisschen besser.»

Die Glaceschälchen sind ausgelöffelt, jetzt kann die Serviette wieder vom Schoss auf den Tisch, draussen warten schon die Eltern, die beim nächsten Essen ganz bestimmt von ihren Kindern zurechtgewiesen werden. Jon verabschiedet sich von der Kursleiterin, er bekommt ein Diplom und einen Händedruck, und sagt: «Ja aso Sie, ich komme wieder, das Essen war gut.»

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