Teuerung
Inflation oder nicht? Chefökonom der Aargauischen Kantonalbank und Immobilienspezialist sind sich nicht einig

Mehr als 600 Politiker, Bankkundinnen, Vertreter der Bauwirtschaft und Finanzexpertinnen trafen sich zum Bau- und Wirtschaftskongress von Bauen Aargau und Aargauischer Kantonalbank. Bei den Referaten zeigte sich: AKB-Chefökonom Marcel Koller und Immobilienexperte Donato Sconamiglio beurteilen die Frage der Inflation unterschiedlich.

Fabian Hägler
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Inflation oder nicht? AKB-Chefökonom Marcel Koller (rechts) und Immobilienexperte Donato Sconamiglio beurteilten diese Frage am Bau- und Wirtschaftskongress im Campussaal Brugg-Windisch unterschiedlich.

Inflation oder nicht? AKB-Chefökonom Marcel Koller (rechts) und Immobilienexperte Donato Sconamiglio beurteilten diese Frage am Bau- und Wirtschaftskongress im Campussaal Brugg-Windisch unterschiedlich.

Bilder: Valentin Hehli / Montage AZ

«Wir handeln persönlich» – dies ist einer der Leitsätze der Aargauischen Kantonalbank (AKB), und diesen Satz zitierte Direktionspräsident Dieter Widmer auch im Campussaal Brugg-Windisch, als er rund 650 Gäste zum Bau- und Wirtschaftskongress begrüsste. Auch in der Krise habe die AKB den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden aufrechterhalten, sagte Widmer und gab seiner Freude Ausdruck, endlich wieder einmal einen Grossanlass physisch durchführen zu können.

«Freude herrscht» – das sagte alt Bundesrat Adolf Ogi, als er im August 1992 mit Astronaut Claude Nicollier telefonierte, der damals als erster Schweizer ins Weltall flog. Mit demselben Ausspruch begann Marcel Koller, Chefökonom der AKB, sein Referat zur aktuellen wirtschaftlichen Lage und zu den Konjunkturprognosen. Freude hatte Koller einerseits am vollen Saal und der Veranstaltung mit Zertifikatspflicht, die es endlich wieder erlaube, in bekannte Gesichter zu schauen.

AKB-Chefökonom: Die Schweiz wirtschaftlich wieder auf Vorkrisen-Niveau

Grundsätzlich positiv beurteilt er aber auch die derzeitige wirtschaftliche Situation. Die Pandemie habe zwar das Wachstum massiv einbrechen lassen, die Schweiz sei heute aber praktisch wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Krise, sagte Koller. Für das laufende Jahr rechnet er mit einem Wachstum von rund 4 Prozent, für 2022 mit einem Plus von 3 Prozent – immer unter der Voraussetzung, dass kein erneuter Lockdown mit massiven Einschränkungen für die Wirtschaft verhängt wird.

Marcel Koller, Chefökonom der Aargauischen Kantonalbank, sieht keine grosse Gefahr, dass die Inflation in der Schweiz stark ansteigt.

Marcel Koller, Chefökonom der Aargauischen Kantonalbank, sieht keine grosse Gefahr, dass die Inflation in der Schweiz stark ansteigt.

Valentin Hehli / AGR

Chefökonom Koller räumte ein, dass die Probleme bei den internationalen Lieferketten, die teilweise fehlenden Rohstoffe und die massiv steigenden Energiepreise das Wachstum momentan bremsen und auch die Konsumentenstimmung trüben. Er relativierte aber den Effekt der derzeit oft diskutierten Inflation, also der allgemeinen Teuerung. Diese war laut Koller in der Schweiz im Jahr 2020 mit –0,7 Prozent negativ, die Waren und Dienstleistungen wurden also billiger.

Im laufenden Jahr rechnet der AKB-Chefökonom mit einer Inflation von +0,7 Prozent, für 2022 mit rund 1,2 Prozent. Beides liege unter dem Wert von 2 Prozent, den die Nationalbank als Schwelle für die Inflation festgelegt habe. Angst vor einer starken Teuerung in der Schweiz sei nicht angebracht, sagte Koller. Er gehe davon aus, dass sich die Energiepreise im ersten Quartal 2022 normalisieren dürften. Auch die Lieferprobleme mit fehlenden Kapazitäten beim Seetransport sieht Koller als vorübergehende Schwierigkeiten, die im kommenden Jahr ebenfalls behoben sein sollten.

Immobilienexperte: Noch nie erlebt, dass es immer nur aufwärtsging

Grund zur Freude sah auch Donato Scognamiglio, CEO und Partner beim Immobilienbewerter IAZI – allerdings nur für Hausbesitzer. Im letzten Jahr habe sich der Wert eines Einfamilienhauses im Aargau um rund 5 Prozent erhöht, hielt er fest. Das sei erfreulich für die Eigentümer, die verkaufen wollten, sagte Sconamiglio, doch er brachte zwei Einschränkungen an. «In den letzten Jahren sind die Immobilienpreise stetig gestiegen, aber ich habe noch nie erlebt, dass ich auf einen Berg geklettert bin, und es immer nur hochging.»

Donato Scognamiglio, CEO und Partner des Immobilienbewerters IAZI, geht von weiteren Preissteigerungen im Bausektor aus.

Donato Scognamiglio, CEO und Partner des Immobilienbewerters IAZI, geht von weiteren Preissteigerungen im Bausektor aus.

Valentin Hehli / AGR

Und für Leute, die eine Immobilie kaufen wollten, sei dies sehr schwierig. «Versuchen Sie das mal, wenn Sie auf dem Sparheft einen Negativzins von –0,75 Prozent haben, eine Teuerung von 0,7 Prozent dazukommt und die Hauspreise jedes Jahr steigen», sagte der Immobilienexperte. Er hoffe, dass AKB-Chefökonom Koller recht behalte mit seiner Prognose, dass die Inflation in der Schweiz nicht stärker ansteigen werde.

«Was ist es denn anderes als Inflation, wenn die Preise pro Jahr um 5 Prozent steigen?»

Sconamiglio selbst ist weniger optimistisch und gibt zu bedenken, dass gerade die massiven Preissteigerungen bei den Immobilien und der Energie zu wenig gut abgebildet würden. «Experten sagen mir dann immer, ich dürfe nur die Kernteuerung betrachten, aber es geht ja nicht nur um einen Warenkorb mit dem Preis für Rüebli», sagte er. Wenn die Preise für Häuser um 5 Prozent pro Jahr stiegen, «was ist das denn anderes als Inflation», fragte der Referent. Wenn die Rohstoffe wie Bauholz knapp seien und sich die Lieferung verzögere, sei aus seiner Sicht auch in der Bauwirtschaft mit höheren Preisen zu rechnen.

Nach den Auftritten von Koller und Sconamiglio hielt Andréa Belliger, Direktorin des Instituts für Kommunikation und Führung in Luzern und Bankrätin der AKB, ein Referat zum Thema «Neue Arbeitswelten jenseits von Homeoffice und Zoom-Apéros». Darauf referierte Peter Stämpfli, Verwaltungsratspräsident der Stämpfli Kommunikation in Bern, unter dem Titel «Führung am Wendepunkt». Schliesslich stellte Landammann und Baudirektor Stephan Attiger den Kanton als Arbeitgeber vor – dies unter dem Motto: «Fit für die Zukunft dank der neuen HR-Strategie».

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