Serie Frauenstimmen
«Unvorstellbar, dass Frauen in einem Land mit so vielen Errungenschaften erst 1971 das Stimmrecht erhalten haben»

In den 90er-Jahren kam die Aargauerin Ligia Vogt aus Venezuela in die Schweiz. Sie war überrascht über die späte Beteiligung der Frauen in der Politik. Ihre Verwandten und andere Frauen aus ihrem Umfeld waren in Venezuela seit 1940 im Untergrund politisch aktiv und trugen zur Erlangung des Frauenwahlrechts bei, das 1947 in Venezuela mit Verspätung errungen wurde.

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Ligia Vogt wünscht sich faire Budgets für Frauenhäuser.

Ligia Vogt wünscht sich faire Budgets für Frauenhäuser.

Iris Krebs

Wer sind Sie?

Ich bin Ligia Vogt, stolze Venezolanerin. Ich bin auch eine glückliche und dankbare Adoptivtochter der Schweiz. Seit 2005 bin ich Teil von Nosotras-Aargau, einer Organisation, die Migrantinnen bei der Integration und in Fällen von häuslicher Gewalt hilft. Seit 2018 bin ich Teil von Nosotras-Radio und seit 2020 von dem sich im Aufbau befindenden Projekt Femme Sapiens.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?

Ich interessiere mich besonders für alle Fragen, die mit der Präsenz von Frauen in der Gesellschaft zu tun haben. Dazu gehören Fragen der Rechte der verschiedenen Geschlechter, der Politik, der Relevanz von Migrationsfragen, der Vorbeugung aller Arten von Gewalt, der Notwendigkeit von Respekt und Toleranz und der Geschichte und ihrer Bedeutung für den Aufbau der Zukunft.

Was haben Sie im Jahr 1971, als in der Schweiz das Frauenstimmrecht
eingeführt wurde, gemacht?

Ich war damals in der 3. Klasse, in einer Grundschule in Caracas. Meine beiden Mütter, meine Grossmutter mütterlicherseits und andere Frauen in meinem Umfeld waren seit 1940 im Untergrund politisch aktiv und trugen, soweit sie konnten, zur Erlangung des Frauenwahlrechts bei, das 1947 in Venezuela mit Verspätung errungen wurde. Deshalb war ich, als ich in den 90er-Jahren in die Schweiz kam, sehr überrascht über die geringe und späte Beteiligung von Frauen in der Politik. Noch heute ist es für mich unvorstellbar, dass Frauen in einem Land mit so vielen Errungenschaften und Fortschritten erst 1971 das Stimmrecht erhalten haben. Es ist offensichtlich ein Widerspruch, dass ein so wunderbares Land entstanden ist, ohne die gleichberechtigte Teilnahme der Frauen und ohne Würdigung und Dokumentation ihrer Beiträge.

Chancengleichheit, was braucht es dazu?

Unabhängig von unserer Ideologie brauchen wir Frauen absolute Klarheit in unseren geschlechtsspezifischen Zielen, Einigkeit in unseren Forderungen, in unseren Kämpfen und in unserem politischen Willen, Räume zu besetzen und Rechte zu erlangen, die uns, nur weil wir Frauen sind, immer noch verwehrt werden. Wir brauchen mehr Frauen in allen Bereichen der Politik und Entscheidungsfindung, in der staatlichen Verwaltung, Wirtschaft und in allen Disziplinen. Vor allem aber müssen wir uns klar sein, dass wir, weil wir Frauen sind, eine geschlechtsspezifische Solidarität zwischen uns haben müssen. Es ist nicht hinnehmbar, dass die Mehrheit kämpft und sich exponiert, und dass ein kleiner Teil diese Kämpfe verzerrt.

Was brauchen wir für die Chancengleichheit im Aargau?

Die Fachstelle für Gleichstellung muss wieder in Betrieb genommen werden, aber subito!

Wovon träumen Sie?

Ich träume davon, dass die Schweizerinnen und Schweizer ihr aussergewöhnliches Land wirklich lieben, schätzen, pflegen und respektieren, und ich hoffe, dass die Fehlentscheidungen in anderen Ländern uns zeigen, wie man es hier nicht machen sollte. Ich träume davon, dass wir die armen Schweizer in der Schweiz wertschätzen, die Bäuerinnen und Bauern, die ignorierten Schweizer in den Bergen. Ich träume davon, dass wir mehr Vertrauen in die jüngeren Generationen sowie in die Weisheit unserer älteren Generationen haben, dass wir erkennen und davon ausgehen, dass dieser Moment mehr Inklusion, mehr Solidarität erfordert, und dass wir sie unterstützen, und zwar ganz konkret. Wie die meisten träume auch ich davon, dass wir unser gemeinsames Zuhause, die Erde, respektieren und erhalten.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Im privaten Bereich bin ich unendlich stolz und dankbar für meine Kinder, meine Familie und meine Vorfahren. Ausserdem bin ich stolz auf das Privileg, so viele wertvolle Menschen kennen gelernt zu haben. Besonders stolz bin ich auch auf das gestiegene Bewusstsein und das wachsende Engagement der Frauen im Kanton Aargau in den letzten Jahren.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Frauen über ihren Körper entscheiden können oder dass Karriere und Familie vereinbar sind, wenn die Frau es auch so will. Ich wünsche mir eine menschliche Behandlung von Opfern. Es darf nicht sein, dass Opfer wie Kriminelle behandelt werden. Nicht zuletzt braucht es faire Budgets für die Frauenhäuser.

Haben Sie einen persönlichen Leitsatz?

Ich bin nicht überrascht von der Bosheit der Bösen, ich bin überrascht von der Gleichgültigkeit der Guten.