Podiumsdiskussion
Kann Wasserstoff unser Klima retten? Ein Produzent schwärmt, ein Umweltpionier ist skeptisch und Zuschauer verlassen wegen SVP-Nationalrat den Saal

Kann dank Wasserstoff genügend erneuerbare Energie gespeichert werden, um die Energiewende zu schaffen? Darüber diskutierten mehrere Experten und Politikerinnen in der Umweltarena in Spreitenbach. Einig wurden sie sich nicht, dafür wurde die Diskussion umso hitziger geführt.

Raphael Karpf
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Das Eniwa-Wasserkraftwerk an der Aare. Dort betreiben die Eniwa AG und das Unternehmen H2 Energy AG gemeinsam eine Wasserstoff-Produktionsanlage. (Symbolbild)

Das Eniwa-Wasserkraftwerk an der Aare. Dort betreiben die Eniwa AG und das Unternehmen H2 Energy AG gemeinsam eine Wasserstoff-Produktionsanlage. (Symbolbild)

Keystone

Anfang Woche veröffentlichte der Weltklimarat seinen neusten Klimabericht. Die Prognosen sind einigermassen düster. Ohne drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen wird die globale Erwärmung um zwei Grad noch dieses Jahrhundert überschritten werden. Mit extremen Folgen auch für die Schweiz: noch mehr Starkniederschläge, noch mehr Hitzewellen.

Insofern hatte Ruedi Meier, Präsident des Vereins «energie-wende-ja», seinen Termin gut angesetzt. Am Dienstagabend hatte er Experten und Politikerinnen zur Diskussion in die Umweltarena nach Spreitenbach eingeladen.

Eigentlich, sagte Meier einleitend, sei die Energiewende in der Schweiz ganz einfach zu bewerkstelligen. Fotovoltaikanlagen hätten genügend Potenzial, um so viel Strom zu produzieren, dass weder fossile Brennstoffe noch Kernkraftwerke benötigt würden. Das Ganze hat nur einen Haken: Mit viel mehr Fotovoltaikanlagen hätten wir im Sommer viel zu viel, im Winter aber zu wenig Strom. Es fehlen marktreife Technologien, um solche Strommengen effizient speichern zu können. Was tun?

Ruedi Meier, Präsident des Vereins «energie-wende-ja».

Ruedi Meier, Präsident des Vereins «energie-wende-ja».

Bild: Markus Hubacher

Um genau um diese Frage sollte sich die Diskussion drehen. Insbesondere darum: Welchen Beitrag kann Wasserstoff leisten?

Am Ende des Abends wurde nur eines klar: Wasserstoff wird eine Rolle spielen. Aber welche genau, darüber hätte die Uneinigkeit unter sämtlichen Anwesenden kaum grösser sein können.

Ein Wasserstoffproduzent schwärmt vom Wasserstoff

Da war zum einen Hans Michael Kellner, Geschäftsführer der Messer Schweiz AG aus Lenzburg. Das Unternehmen ist einer der grössten Wasserstoffproduzenten der Schweiz. Wasserstoff sei kein Allheilmittel, begann er seine Ausführungen. Dann hielt er einen begeisterten, 30-minütigen Vortrag über die Vorteile von Wasserstoff.

Hans Michael Kellner, Geschäftsführer des Gasherstellers Messer Schweiz AG in Lenzburg. Kellner steht vor der Anlage für die Wasserstoff-Produktion.

Hans Michael Kellner, Geschäftsführer des Gasherstellers Messer Schweiz AG in Lenzburg. Kellner steht vor der Anlage für die Wasserstoff-Produktion.

Bild: Alex Spichale

Der überschüssige Strom aus den Fotovoltaikanlagen kann verwendet werden, um aus Wasser Wasserstoff herzustellen. Das Gas kann, ohne dass es viel Platz brauchen würde, gelagert und später mit einer Brennstoffzelle wieder in Strom umgewandelt werden. Dabei entsteht kein umweltschädliches CO2, sondern einzig Wasser.

Überschüssiger Wasserstoff könnte sogar in Erdgas-Pipelines gepumpt werden, so Kellner weiter. Zu fünf Prozent des Gesamtvolumens ist das heute schon möglich, ab nächstem Jahr sollen es zehn Prozent sein. Der Vorteil: Damit würde etwas weniger umweltschädliches Erdgas verbrannt werden.

Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter.

Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter.

Bild: Britta Gut

Doch dieser Idee nahm die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter schnell den Wind aus den Segeln. Denn damit würde nach wie vor Erdgas zum Einsatz kommen:

«Wir müssen den CO2-Ausstoss aber nicht nur ein wenig reduzieren. Wir müssen bis 2050 auf Netto Null kommen.»

Eine Wasserstoffanlage in jedem Haus?

Doch Kellners Vision ist eigentlich sowieso eine andere: Jeder Haushalt mit einer Fotovoltaikanlage solle selbst Wasserstoff produzieren. Damit könnte man das eigene Wasserstoffauto betanken. Und den Zapfhahn gleich anderen Autofahrern anbieten. Das Problem der fehlenden Tankstellen für Wasserstoffautos wäre auf einen Schlag gelöst.

Doch dieser Vision konnte sonst keiner der Anwesenden viel abgewinnen. Denn es hat einen Grund, dass sich Wasserstoff bisher nicht wirklich durchgesetzt hat. Strom via Wasserstoff zu speichern ist nicht effizient. Je nach Technologie geht bei den ganzen Umwandlungsprozessen mehr als die Hälfte des Stroms verloren. Das kritisierte Nationalrätin Suter:

«Es wäre naiv zu glauben, man könnte zu Hause etwas Wasserstoff herstellen, um das Auto zu betanken. Dann würde man besser direkt ein Elektroauto laden. Alles andere ist vollkommen ineffizient.»

Sowieso versuchte Wasserstoffproduzent Kellner, das Wort Wirkungsgrad tunlichst zu umgehen. Lieber sprach er von der Stromausbeute. Das brachte ihm die Kritik aus dem Publikum ein, nur ein guter Verkäufer zu sein. Kellners Argument war allerdings: Wird die Stromproduktion weiter hochgefahren, wird künftig im Sommer Strom produziert werden, der gar nicht verwendet werden kann. Denn das Stromnetz ist irgendwann ausgelastet. Dieser Strom wäre verloren.

Neue Speichermöglichkeiten wie zum Beispiel Wasserstoff würden ermöglichen, dass das nicht passiert. Oder anders ausgedrückt: Lieber ineffizient Strom speichern als gar nicht. Wobei Kellner auch das Wort ineffizient selbstverständlich nie in den Mund nahm.

Solche Anlagen wären sehr teuer

Auch aus einem weiteren Grund hielten die Anwesenden Kellners Vision für unrealistisch. Denn solche Anlagen zu Hause sind teuer. Ein Preisschild nannte Kellner nicht. Auf die konkrete Frage von Moderator Ruedi Meier, ob er sich das denn leisten könnte, antwortete Kellner: «Kommt darauf an, wie gross Ihr Portemonnaie ist.»

Initiant der Umweltarena Spreitenbach Walter Schmid.

Initiant der Umweltarena Spreitenbach Walter Schmid.

Bild: Walter Schwager

Direkter drückte es ein anderer Podiumsteilnehmer aus: Walter Schmid. Er ist Umweltpionier, Initiant der Umweltarena und des ersten Mehrfamilienhauses, das nur mit dem Strom auskommt, den es selbst produziert. Für dieses Mehrfamilienhaus setzte Schmid zur Stromspeicherung unter anderem auf Wasserstoff. Doch das kostete. Wenn er im Alltag Altbauten saniert, setzt er nicht auf diese Technologie. Er sagt:

«Ich empfehle niemandem, zu Hause selbst Wasserstoff zu produzieren. Das rechnet sich nicht.»
Der Solothurner SVP-Nationalrat Christian Imark.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Christian Imark.

Bild: Alessandro Della Valle

Anwesend war auch der Solothurner SVP-Nationalrat Christian Imark. Mit ihm ging hin und wieder der Politiker durch. Während die anderen über Strom diskutierten, bezeichnete er Energieministerin Simonetta Sommaruga als Lügnerin, es sei eine Frechheit, würde so kurz nach dem Nein zum CO2-Gesetz das Benzin verteuert, man stelle sich den Aufschrei vor, ein SVP-Bundesrat hätte das getan.

Dieser Exkurs brachte ihm nicht besonders nette Zwischenrufe aus dem Publikum ein, zwei verliessen gar den Saal. Inhaltlich stellte sich Imark nicht gegen den Ausbau von Fotovoltaikanlagen. Wichtiger sei es aber, genauer hinzuschauen, wie der Bund nachhaltige Projekte finanzieren würde:

«Die ganze Übung muss weg von der Ideologisierung der Technologien, hin zu einer effizienten Verteilung der Gelder.»

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