Obergericht
Autokönig Santoro – zehn Jahre und wohl noch lange kein Ende

Der ehemalige Luxus-Autohändler Ricardo Santoro aus Dintikon sah sich auch in der zweiten Verhandlung vor dem Aargauer Obergericht als Unschuldslamm. Doch gefälschte Unterschriften sahen Staatsanwaltschaft und Privatkläger als weiteren Beweis für dunkle Machenschaften.

Toni Widmer
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Riccardo Santoro, ehemaliger Autohändler aus Dintikon. (Archiv: 24.4.2014)

Riccardo Santoro, ehemaliger Autohändler aus Dintikon. (Archiv: 24.4.2014)



Emanuel Per Freudiger / AGR

Die Blase platzte im Frühling 2011: Ende Mai 2011 fuhren bei der SAR Premium Cars AG am Kreisel in Dottikon/Dintikon 17 Sattelschlepper vor und luden über 60 Luxusautos auf. Es kam zu wüsten Szenen. Unter anderem prügelte sich «Eigentümer» Riccardo Santoro mit einem Chauffeur. Angeordnet hatte die Beschlagnahmung der Bentleys, Maseratis, Ferraris und anderen hochpreisigen Nobelmarken die damalige Fidis Finance, die Finanzierungs- und Leasinggesellschaft der Fiat-Gruppe. Dieser, wurde damals in der Branche vermutet, schulde die SAR Premium Cars AG viel Geld. Der Autohändler habe Autos ausgeliefert, jedoch nicht nötige Geld an die Fidis weitergeleitet.

Untersuchung bringt Aargauer Staatsanwaltschaft an die Grenzen

Wenige Tage nach der Aktion tauchte Riccardo Santoro mit seiner Frau unter und die Fidis reichte Strafklage wegen Betrug ein. Topbanker, Millionäre und hochbezahlte Sportler standen vor verschlossenen Türen. Während zehn Jahren hatten sie sich zuvor beim Dintiker «Autokönig» die Klinke in die Hand gedrückt. Alle wollten von den extrem günstigen Leasingzinsen und der kurzen Laufzeit der Verträge profitieren. Insider hatten allerdings schon länger gemunkelt, Santoros Konzept könne nicht aufgehen.

Tatsächlich weitete sich sie Sache zum grössten Aargauer Wirtschaftskriminalfall seit Jahrzehnten aus. Er brachte die Staatsanwaltschaft an die Kapazitätsgrenzen, sie musste gar Personal aufstocken. Riccardo Santoro wurde angeklagt und im Januar 2019 vom Bezirksgericht Lenzburg wegen gewerbsmässigem Betrug, Misswirtschaft, Veruntreuung, Urkundenfälschung und ungetreuer Geschäftsbesorgung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Über 30 Millionen Franken soll der Autohändler innerhalb weniger Jahre in den Sand gesetzt, beziehungsweise an Schulden angehäuft haben. Der Fidis Finance AG wurde vom Bezirksgericht ein Schadenersatz von 12,6 Mio. Franken zugesprochen.

Obergericht setzte eine zweite Verhandlung an

Riccardo Santoro beteuert weiterhin seine Unschuld. Er sieht sich als Unschuldslamm und beteuert, die Fidis hätte von sämtlichen Vorgängen in seiner Firma gewusst und sogar das zweifelhafte Geschäftsmodell mitentwickelt. In der ersten Berufungsverhandlung vor dem Aargauer Obergericht erklärte er Mitte Mai 2021, dass er bis heute an sein Geschäftsmodell glaube. Er gab aber zu, mit der Zeit jedoch mit dem zunehmenden Erfolg überfordert gewesen zu sein und es verpasst zu haben, das Konzept entsprechend anzupassen.

Staatsanwaltschaft und Privatkläger blieben bei ihren Anschuldigungen. Santoro gäbe allen anderen die Schuld an der Misere seiner Firma – den ehemaligen Mitarbeitenden, der Fidis, nur nicht sich selbst. In seiner juristischen Abwehrschlacht gehe er jetzt mit haltlosen Behauptungen auf alles und alle los. Damit wolle er Chaos stiften und so von seinen Taten abzulenken, erklärte der Staatsanwalt und forderte vom Obergericht, die vom Bezirksgericht gefällte Strafe um eines auf sieben Jahren zu erhöhen. Der Anwalt von Privatklägerin Fidis stiess ins gleiche Horn. Santoros Anschuldigungen gegen das von ihm vertretene Unternehmen seien erstunken und erlogen. Die Fidis habe von den ganzen Machenschaften nichts gewusst.

Das Gericht kam über 10 Stunden Verhandlung vorerst zu keinem Urteil und setzte eine weitere Sitzung an. Man wolle in der Zwischenzeit neue Beweise sichern. Am Freitag, 25. Juni, hat diese zweite Verhandlung stattgefunden. Und obwohl insgesamt ein Dutzend Zeuginnen und Zeugen befragt wurden, zum Teil via Skype, hat sich – so das vorgezogene Fazit des Berichterstatters – am Abend kaum die grosse Wende abgezeichnet. Es ist davon auszugehen, dass Riccardo Santoro und sein ehemaligen Autoimperium auch eine nächste Instanz beschäftigen wird. Es sei denn, das Obergericht beschliesse den von seinem Verteidiger geforderten Freispruch.

Eine Unterschrift echt, die andere gefälscht

Der Verlauf der Verhandlung ist schnell erzählt: Mehrere Zeuginnen und Zeugen wurden mit Unterschriften auf doppelt ausgestellten, inhaltlich identischen Leasingverträgen konfrontiert. Das Resultat der Befragungen war stets dasselbe: Auf dem einen Exemplar waren die Unterschriften echt, auf dem zweiten vermutlich oder sicher gefälscht. Staatsanwalt und Privatkläger sahen das als weiteren Beweis für die dunklen Machenschaften des Autokönigs, der Verteidiger hingegen als Bestätigung von Santoros Aussagen, Fidis hätte über alle seine Aktionen Bescheid gewusst. Welchen Schluss das Obergericht aus der ersten und zweiten Verhandlung zieht, ist noch offen. Das Urteil wird in einigen Tagen eröffnet.

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