Unwetter im Aargau
Monstergewitter lassen sich auch heute kaum voraussagen

Innerhalb von zwei Stunden entleerten sich am Samstag vier Gewitterzellen, die sich wie an der Perlschnur gezogen über Zofingen bewegten. Solche Phänomene vorauszusagen, ist schwierig.

André Widmer
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Auf dem Radarbild sind die heftigen Niederschläge (pink) gut sichtbar, die am Samstagabend in der Region Zofingen niedergingen.

Auf dem Radarbild sind die heftigen Niederschläge (pink) gut sichtbar, die am Samstagabend in der Region Zofingen niedergingen.

zvg

Man wusste bereits am Samstagmorgen, dass bei diesen Temperatur- und Druckbedingungen mit heftigen Gewittern zu rechnen ist. Aber: «Wo genau sie niedergehen, kann auch im 21. Jahrhundert nicht im Detail gesagt werden, da die Atmosphäre viel zu komplex ist, um sie eins zu eins auf Computern nachzubauen». Das sagt Felix Blumer, Meteorologe beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF.

Das Problem: Um detaillierte Informationen zu einzelnen Gewitterzellen zu haben, müsse man nicht nur die Atmosphäre genauer kennen, sondern auch den Boden – wie einzelne Felder oder Wald. «Bereits kleine Unterschiede können sich auf die Zugbahn von Gewitterzellen auswirken.» Diese Zellen seien teilweise stark pulsierend, mal stärker, mal schwächer. Das Pech für die Region: «In diesem Fall waren sie im Raum Zofingen ganz stark», erläutert Blumer weiter.

Quellwolken aus dem Burgund

Doch wie genau entstand nun das Unwetter, das in und um Zofingen derart wütete? Der Samstag bedeutete das Ende einer mehrtägigen Hitzeperiode. Entlang der Aare lagen die Tiefstwerte in der Nacht bei 16 Grad, auf dem Jura bei 20 Grad.

«Noch entscheidender war, dass es nördlich des Juras schon in der Früh sehr warm war. In der Ajoie lagen die Tiefsttemperaturen in der Nacht bei 20 Grad», so Blumer. Bereits am Morgen gab es viel Sonnenschein im Mittelland, auf den Jurahöhen – und im Burgund in Frankreich.

Dann verschob sich das Hoch zugleich Richtung Osten. Zuerst entwickelten sich im Burgund, später auch im Jura flachere Druckverhältnisse. Unter diesen Voraussetzungen konnte die heisse Luft sehr schnell aufsteigen.

«In den höheren Schichten kondensierte sie, und es bildeten sich mächtige Quellwolken. Diese wuchsen immer höher, bis es zur Übersättigung kam und die Wolken mit kräftigen Schauern, teilweise auch Hagel, ausleerten», so Blumer.

In einer Westströmung seien Quellwolken vom Burgund über den Jura in den Raum Zofingen geführt worden. Das Pech für die Region: «Innerhalb von zwei Stunden entleerten sich gleich vier Zellen rund um Zofingen, die wie an der Perlschnur gezogen von Westen nach Osten die Gegend überquerten.» Solche Unwetter wie nun in Zofingen könnten sich alle zwei bis drei Jahre in der Schweiz auf der Alpennordseite ereignen.

Das meteorologisch Spezielle macht Experte Felix Blumer insbesondere bei den Auswirkungen aus. «Einerseits wurde ein stark bewohntes Gebiet getroffen mit einer hohen Bodenversiegelung, andererseits verstopfte Hagel teilweise die Abflüsse.»

Nicht überall Rekordwerte

In Zofingen selber existiert keine Wetterstation von Meteo Schweiz (SMA), doch im benachbarten Oberaargau, genauer in Wynau, sowie in Unterkulm im Wynental wurden in einer Stunde 77 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen. In Wynau war dies Rekord, in Unterkulm fielen im Jahre 1994 beim dortigen «Jahrhunderthochwasser» sogar 94,9 Liter pro Stunde.

«Es macht den Anschein, dass sich solche Ereignisse häufen», sagt SRF-Wettermann Blumer. Er sieht eine Verbindung zur Klimaerwärmung. «Da warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann als kalte, steht in einer wärmeren Atmosphäre auch mehr Wasserdampf zur Verfügung, der kondensieren kann. Gerade bei grosser Hitze sind solche Unwetter mit Starkniederschlägen gar nicht so selten».

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