Gedenkjahr 1415–2015
«Man kann den Aargau auch als Schweiz im Kleinen bezeichnen»

Vor 600 Jahren haben die Eidgenossen den Habsburgern den Aargau entrissen. Das kantonale Gedenkjahr erinnert an die weitreichenden Folgen dieser Eroberung.

Jörg Meier
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Die einst mächtige Festung Stein in Baden ist heute nur noch eine Ruine, aber immer noch ein Wahrzeichen der Bäderstadt. Bei der ersten Zerstörung im Jahre 1415 raubten die Eidgenossen auch das habsburgische Archiv.

Die einst mächtige Festung Stein in Baden ist heute nur noch eine Ruine, aber immer noch ein Wahrzeichen der Bäderstadt. Bei der ersten Zerstörung im Jahre 1415 raubten die Eidgenossen auch das habsburgische Archiv.

Alex Spichale
Bruno Meier, Historiker

Bruno Meier, Historiker

AZ

Und die Menschen, die hier lebten, mussten als Habsburger Untertanen gegen die Eidgenossen in die Schlachten ziehen. Als die Eidgenossen dann im Jahre 1415 den Habsburgern den Aargau entrissen, änderte sich an den Lebensumständen der Aargauerinnen und Aargauer indes wenig: Sie blieben weitere 400 Jahre lang Untertanen. Einzig die Obrigkeit hatte gewechselt.

Erst im Jahre 1803 wurde der Aargau als vollwertiges Mitglied in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Deshalb gibt es auch keinen Grund für eine rauschende 600-Jahr-Feier. Aber das Jahr 2015 soll nach dem Willen des Kantons zum Gedenkjahr mit vielfältigem Erlebnisprogramm werden. Dafür gibt es gute Gründe.

Die Schweiz im Kleinen

Die heutigen vier Regionen des Aargaus gehen zurück auf die Gebietsaufteilung nach der Eroberung durch die Eidgenossen: Die Freien Ämter und die Grafschaft Baden wurden gemeinsam verwaltet, den Berner Aargau annektierte Bern, das ferne Fricktal war nicht tangiert und blieb österreichisch. «Durch diese Aufteilung entstanden die vier Regionen, die bis heute Bestand haben und den Aargau zum Kanton der Regionen gemacht haben», erklärt der Historiker Bruno Meier.

Und wer im Aargau lebt, spürt die unterschiedlichen Befindlichkeiten tagtäglich: Die Freiämter fühlen sich oft als unverstandene Randregion und schielen gerne nach Luzern und Zug, die Fricktaler fragen sich regelmässig, ob sie der Jura mit dem Restaargau verbindet oder eher von ihm trennt; das selbstbewusste, urbane Baden konkurriert mit dem aufbrechenden und schnell wachsenden Aarau; jede Region sieht sich mit ihren Vorzügen gerne im Mittelpunkt; jede Region wehrt sich, wenn sie glaubt, sie komme zu kurz.

Diese regional unterschiedlichen Befindlichkeiten tragen dazu bei, dass sich auch nach 600 Jahren noch immer keine rechte aargauische Identität einstellen will. Auch das Regieren dieses Kantons der Regionen erfordert viel Geschick.

Und sogar auf die Aargauer Zeitung wirkt die Eroberung von 1415 auch heute noch nach: Jede Region des Aargaus erhält täglich ihre eigene, massgeschneiderte Ausgabe.

Kitt für die Eidgenossenschaft

«Der Aargau ist ein erfolgreicher Kanton. Das Zusammenspiel der verschiedenen Regionen. Konfessionen und Mentalitäten funktioniert gut und trägt zum Erfolg des Kantons bei. Man kann durchaus den Aargau auch als Schweiz im Kleinen bezeichnen», sagt Historiker Meier, der überzeugt ist, dass das historisch gewachsene «Aargauer Modell» auch in Zukunft funktionieren wird. Aber auch für die junge Eidgenossenschaft war das Jahr 1415 mit der Eroberung des heutigen Aargaus wichtig.

Wie wichtig, erklärte Thomas Maissen, Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris, bereits im Gespräch mit der AZ: «Die eidgenössischen Orte erobern den Aargau von den Habsburgern und bekommen so zum ersten Mal eine gemeinsame Aufgabe. Bis dahin haben sie ein loses Bündnis gebildet, von denen es im Mittelalter viele gibt. Meistens sind diese Bündnisse bald wieder zerfallen. Ohne die Klammer im Innern namens Aargau hätte der Eidgenossenschaft Ähnliches geblüht. So aber ist sie etwas Dauerhaftes geworden.»

Vielleicht wäre also die alte Eidgenossenschaft ohne den «Aargau» auseinandergebrochen. Das gemeinsam zu verwaltende neue Territorium aber führte dazu, dass sich die Abgesandten regelmässig im Rahmen der Tagsatzung in Baden trafen. Die Stadt wurde dadurch zum verbindenden Zentrum der damals noch wenig gefestigten Eidgenossenschaft.

Gedenkjahr beginnt in Zofingen

Gute Gründe also sowohl für den Aargau als auch den Rest der Schweiz für ein intensives Gedenkjahr, dem der Kanton mit einem vielfältigen Erlebnisprogramm Rechnung trägt. Es richtet sich an alle Aargauerinnen und Aargauer, aber auch an die Bevölkerung der Nachbarkantone Bern, Solothurn, Luzern und Zürich. Am 17. April wird das Gedenkjahr unter dem Motto «Die Eidgenossen kommen» von Landammann Urs Hofmann in Zofingen eröffnet – auf den Tag genau 599 Jahre und 364 Tage nachdem die Habsburger die Stadt den Bernern übergeben haben.

Lesen Sie den Kommentar dazu hier.

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