Die Wahl-Glosse
Lonely Urs – verliebt unterwegs. Eine Art Filmbesprechung

Meistens haben Kurzfilme kein grosses Publikum. Aber es gibt Ausnahmen. Dazu gehört eine überraschende Produktion aus dem Aargau. Das kleine Werk erscheint auf den ersten Blick absolut unspektakulär. Der Held beziehungsweise Anti-Held heisst Urs.

Jörg Meier
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Schon über 70 000 Aargauerinnen und Aargauer haben sich den Film in den letzten Tagen angeschaut, der exakt 163 Sekunden dauert.

Eine Handlung ist nicht auszumachen, die Dramaturgie bleibt flach und abstrakt. Und weil es sich offensichtlich um eine Low-Budget-Produktion handelt, muss der Film mit einem einzigen Protagonisten auskommen. Einige Statisten sind auch dabei und ganz viel Aargauer Landschaft.

Der Held, der wache Zuschauer erkennt nach und nach, dass der Held nur Urs heissen kann, tut nicht viel. Und was er tut, das tut er ohne Hast. In sich ruhend nimmt er sich Zeit, studiert viel am Leben und an den Dingen herum. Diese Message wird durch die konsequente Slow-Motion verstärkt. Wir sehen also den Helden Urs, wie er entschlossen mächtige Treppen hochsteigt, wie er wichtige Dokumente liest und dazu denkt; ab und zu schaut er in die Weite und sieht dabei ein bisschen traurig und einsam aus. Fast tut er einem ein wenig leid, wie er mutterseelenalleine durch das grosse Haus wandelt, mit diesem rätselhaft melancholischen Blick, dieser scheuen Fröhlichkeit. Nein, das ist kein Held, Urs ist der klassische Antiheld.

Doch so gemächlich ausbalanciert der Film auch daherkommt, es bleibt keine Zeit, um weiter über die Einsamkeit des Einzelgängers Urs nachzudenken. Neue Rätsel ziehen uns in den Bann. Denn Urs öffnet oder schliesst ständig irgendwelche zweiflügligen Türen. Die sechsfache Verstärkung der Tür-Metapher will uns sicherlich irgendetwas sagen. Doch was genau? Wozu die vielen Türen, durch die Urs mit Leichtigkeit schreitet, warum schliesst er die einen und andere nicht? Was lauert da für ein Geheimnis?

Bevor die aufkommende Beklommenheit uns den Schnauf nehmen kann, kommt der abrupte Schnitt und wir finden Urs in der freien Natur. Er ist trotz seiner gründlichen Bedächtigkeit ein Rastloser, ein Getriebener. Der Offsprecher hilft uns, das Warum zu ergründen: Wir erfahren, dass der Held verliebt ist – und diese grosse Liebe treibt ihn um. Urs wandert hoffnungsvoll der untergehenden Sonne entgegen, er rennt, er schwimmt – und wir fragen uns, was das hinter ihm bedrohlich auftauchende Schiff zu bedeuten hat.

Dann nimmt der Film eine entscheidende Wendung. Hier spürt man deutlich die gestaltende Hand des Regisseurs, dessen eindrückliche Bildsprache jeden Dialog überflüssig macht. Anti-Held Urs, der bisher als Lonely Urs unterwegs war, trifft endlich Menschen: bei der Linde von Linn, in der Stadt, am Markt. Wir freuen uns mit ihm, denn alles wird gut. Wir sind gerührt, so gerührt, dass wir den Epilog gar nicht mehr richtig wahrnehmen: Denn da steht Urs in Bremgarten und richtet sich direkt an uns Zuschauer. Und er tut dies mit einem raffinierten technischen Kniff: Bisher war nur seine Stimme aus dem Off zu vernehmen; doch das Schlussfeuerwerk spricht Protagonist Urs direkt aus der Szene. Wir sind dermassen überrascht und überwältigt, dass die Botschaft verloren geht. Aber das spielt gar keine Rolle, was gibt es denn da noch zu sagen? Wir wissen es ja längst: Da spricht ein hoffender Mann zu uns.

Deshalb: Wer es noch nicht getan hat, unbedingt den Film anschauen!

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