Heitere Open Air
Lärmvorschriften am Heitere: Der Schall folgt eigenen Gesetzen

Das Publikum am Heitere wird dank moderner Technologien gezielt beschallt. Maximal 100 Dezibel dürfen es im Schnitt sein. Der Schall – vor allem der langwellige Bass – geht derweil seine eigenen Wege.

Michael Flückiger
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Hinter den Boxentüchern der Parkbühne ist über unzählige Prozessoren gesteuerte Technologie im Einsatz.

Hinter den Boxentüchern der Parkbühne ist über unzählige Prozessoren gesteuerte Technologie im Einsatz.

Ein einziges Mal machte sich die Regionalpolizei diese Woche auf dem Heitere aufgrund einer Lärmstörung bemerkbar. Die Veranstalter pröbelten zur Mittagsstunde beim Soundcheck. «Das war im Eifer des Gefechts, sie stoppten umgehend», hält Repol-Chef Stefan Wettstein fest. Weil die Veranstalter auf dem Heitere zur Selbstkontrolle verpflichtet sind, kann er sich auf den Verkehr und die Einhaltung der Ruhezeiten konzentrieren.

Heitere-Chef Christoph Bill verweist darauf, dass die Tontechniker laut Laser- und Schallschutzverordnung (LSV) dazu verpflichtet sind, die Messgrösse von durchschnittlich maximal 100 Dezibel über den Zeitraum von 60 Minuten einzuhalten. «Wir haben beim Mischpult ein Messgerät installiert, das uns eine genaue Kontrolle erlaubt.» Er unterstreicht aber auch, dass der maximal mögliche Pegel oft nicht erreicht wird. Basslastige Musik werde als lauter wahrgenommen. Er weiss: «Was als Musik, was als Lärm empfunden wird, ist sehr subjektiv geprägt. Dem versuchen wir entgegenzuwirken, indem wir unser Publikum möglichst gezielt beschallen.»

Tatsächlich gehört das Heitere Open Air zu den Ersten, die für die Hoch- und Mitteltöner auf sogenannte Line-Array-Lautsprechersysteme gesetzt haben. Die bananenförmig angeordneten Monitore generieren viel weniger Streuschall als herkömmliche Türme. Was kaum jemand weiss: Ihre Position ist computerberechnet, sie sind auf den Punkt genau eingestellt. Der Zuschauerraum soll möglichst gleichmässig beschallt werden. Heitere-Ton-Chef Andy Grob zeigt die Anlage auf der Parkbühne. Hier hängen zwei Mal zehn Lautsprecher als Line Array über den Köpfen. Dazu kommen 14 doppelreihig angeordnete Bässe mit grossen Tieftontreibern. «Dieses neue System sieht zwar aus wie das Line Array auf der Lindenbühne. Doch birgt es eine viel fortschrittlichere Technologie.»

In jedem Lautsprecher stecken sechs Verstärker und ebenso viele Prozessoren. Damit lässt sich jeder Monitor einzeln ansteuern. Die Hoch- und Mitteltöner blasen den Sound in einem vordefinierten Richtstrahl zylindrisch ins Publikum. Deswegen können die auf 85 Dezibel temperierten Publikums-Erholungszonen neben der Bühne stehen.

Die Line Arrays auf der Parkbühne decken in der Horizontalen 100 Grad und in der Vertikalen 7 Grad ab. Die Beschallungsstrahlen der Hoch- und Mitteltöner überschneiden sich. «Wir erreichen damit eine Verdoppelung der Lautstärke», so Grob. «Vor allem aber trägt der Ton viel weiter und wir haben kaum Verlust.» Wer direkt vor der Bühne steht, hat die Musik lediglich um 1,5 Dezibel lauter am Ohr als jener, der seine Band in 70 Meter Entfernung geniesst. Zum Vergleich: Der Unterschied von einem Dezibel ist für das menschliche Ohr gerade noch hörbar. Am Ausgangspunkt muss es also gar nicht so laut sein, damit es hinten satt klingt. Wie Andy Grob erläutert, bricht das ansteigende Gelände den Sound von der Parkbühne etwas. «Hinter der Hügelkante stürzt er ab und verliert sich rasch. Die Lindenbühne ist anders. Hier findet der Sound immer wieder Boden, sodass es ihn je nach Wind bis nach Reiden hinaustreibt.»

Claudio Romere von Emch+Berger hat schon viele Lärmgutachten erstellt. Es sei sehr wetterabhängig, wo die Musik vom Heitere überall zu hören ist. «Von einem Lärm und Windtrichter kann man im Wiggertal nicht sprechen», meint er. Fürs Heitere sei Westwind der beste Lärmschutz. Präzise Aussagen erachtet er als schwierig, meint aber: «In einem Wohnquartier kann der Schall vielfältig reflektiert werden. Durch zeitverzögerte Nachhalleffekte kann der Eindruck eines Klangbreis entstehen. Das können die Leute als unangenehm empfinden.»