Gerichtsverhandlung
Kiffer sticht mit Messer auf Mutter ein – nun hat er lange Therapie vor sich

Ein 24-Jähriger attackiert seine Mutter mit einem Rüstmesser. Ein Gutachten zeigt: Er tat dies unter Einfluss einer schweren Psychose. Trotz der schweren Verletzungen der Mutter muss er nicht ins Gefängnis. In Freiheit kommt er aber auch nicht.

Manuel Bühlmann
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Mehrmals stach der Angeklagte auf seine Mutter ein (Symbolbild).

Mehrmals stach der Angeklagte auf seine Mutter ein (Symbolbild).

BortN66 - Fotolia

«Hoi Mami.» Küsschen links, Küsschen rechts. Mutter und Sohn begrüssen sich. Eine ganz gewöhnliche Familienszene – wären da nicht die Fesseln an Hand- und Fussgelenken des jungen Mannes. Am Bezirksgericht Kulm treffen sich an diesem Nachmittag Mutter und Sohn, Opfer und Täter.

Am Abend des 10. Juni 2013, kurz vor 20 Uhr, stach Arben (Name geändert) mit einem Rüstmesser auf seine Mutter ein. Er verletzte sie dabei am rechten Ohr, am Hals, an der rechten Schulter, an der Brust, am Rücken und an den Armen. Die Halsschlagader verfehlt er um fünf Zentimeter. «Ich wollte ihr nichts antun, sie hat mir ja auch nichts getan», sagt der 24-jährige Kosovare.

Ob er sich denn noch an den Abend erinnern könne, will Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs wissen. «Ja, leider.» Links, rechts, links, rechts dreht er den Stuhl. Er habe Stimmen gehört, Todesangst gehabt. «Wie in Trance» sei er gewesen. «Ich wollte das nicht, es ist einfach passiert.»

Die Stimmen im Kopf

Das psychiatrische Gutachten hält fest: Arben leidet an paranoider Schizophrenie. Es sei unbestritten, dass die Tat unter dem Einfluss einer akuten Psychose geschah, sagt die Gerichtspräsidentin.

Das heisst: Arben war zum Zeitpunkt der Tat nicht schuldfähig. Daran zweifelt auch die Staatsanwaltschaft nicht. Unbestritten ist deshalb, dass eine stationäre Massnahme nach Artikel 59 des Strafgesetzbuchs nötig ist.

Diese ist für psychisch schwer gestörte Täter vorgesehen. Sie werden therapiert, um die Rückfallgefahr zu verkleinern. Die ist im Fall von Arben hoch, warnen die Gutachter. Zumindest dann, wenn er die Medikamente aussetzen und wieder kiffen würde.

Hundertprozentig hätten seine psychischen Probleme mit den Drogen zu tun, sagt Arben vor Gericht. Den ersten Joint rauchte er als 13-Jähriger. Härtere Drogen folgten – «ich probierte alles aus». Er arbeitete temporär, machte ein Praktikum in einer Garage. Kein Schulabschluss. Keine Ausbildung. Kein Zukunftsplan. «Seit dieser Sache» sei er nun aber clean.

Die Therapie zeigt Wirkung. Jeden Tag holt er im Büro seine Tabletten ab. Aus Holz fertigt er Laternen, Grillanzünder, Seifenschalen. Seit einiger Zeit darf er gemeinsam mit einem Pfleger auf dem Areal spazieren.

Er sei froh um die Hilfe, sagt Arben. «Es geht mir gut in der Klinik.» Wie lange er dort bleiben wird, ist offen. Sein Anwalt fordert, die stationäre Massnahme auf drei Jahre zu beschränken. Das Gericht lehnt ab: Eine Befristung sei weder vorgesehen noch sinnvoll. Die Dauer hänge von der Entwicklung ab.

Das Gesetz schreibt eine zwingende Überprüfung spätestens nach fünf Jahren vor. Die Massnahme kann danach beendet oder um maximal fünf Jahre verlängert werden.

Der lange Weg zurück

Er habe grosse Ziele für die Zukunft, sagt Arben. Automonteur-Lehre, Heirat, Kinder. Und: «Zu meinen Eltern schauen, wenn sie alt sind, so wie sie zu mir geschaut haben, als ich klein war.» Mutter und Vater sitzen hinter ihrem Sohn, verfolgen den Prozess, der über seine Zukunft entscheidet. Das Urteil nehmen Eltern und Sohn gefasst entgegen: eine stationäre therapeutische Massnahme.

Bis ein Gericht deren Aufhebung beschliesst, wird Arben in Therapie bleiben. Er habe einen langen Weg vor sich, sagt Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs zum Angeklagten. «Wir hoffen, dass Sie den Tritt im Leben finden werden.» Arben und sein Anwalt akzeptieren das Urteil.

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