Erst wenige Tage alt ist das Rehkitz, das auf der Wiese liegt. Hier hat sich das junge Tier versteckt, während seine Mutter nicht weit entfernt Futter sucht. Plötzlich hört das Kitz ein bedrohliches Dröhnen, das immer näher kommt. Es tut, was es bei Gefahr immer tut. Es duckt sich instinktiv noch tiefer ins Gras – bis es zu spät ist. Der Mäher des Bauern hat das Tier erfasst.

Über 1500 Rehkitze werden jährlich in der Schweiz von Mähmaschinen getötet. Wobei die Dunkelziffer hoch ist. Die Stiftung Wildtiere und der Bauernverband Aargau versuchen gemeinsam möglichst viele Rehkitze im Aargau vor dem Mäher zu retten. Dazu haben sie auch dieses Jahr die Aktion «Rettet die jungen Wildtiere» lanciert, an der sich über 1000 Bauern und Jäger beteiligen. «Die Weiden werden nicht nur von den Landwirten genutzt», sagt Roland Hunziker, Stiftungsrat bei der Stiftung Wildtiere Aargau, «sondern sind auch ein wichtiger Lebensraum für Wildtiere».

Scheuchen aus Leintüchern

Die Landwirte und Jäger versuchen die Tiere auf der Wiese vor dem Mähen entweder zu verscheuchen oder aufzuspüren und zu versetzten. Dabei haben sich folgende Massnahmen bewährt: Mit Jagdhunden wird die Wiese nach Rehkitz abgesucht und es wird versucht die Rehe zu irritieren, sodass sie die Kitze aus dem hohen Gras holen.

Dazu stellen die Bauern Scheuchen aus Leintüchern oder Düngersäcken auf der Wiese auf oder bringen akustische Sensoren an. «Entscheidend ist auch, dass der Landwirt seine Flächen von innen nach aussen mäht», sagt Hunziker. So werde bereits ein grosser Teil der Wildtiere geschützt. Damit sind nicht nur die Rehkitze gemeint, sondern auch viele andere Kleintiere wie Vögel, Amphibien oder auch Insekten.

Drohnen statt Jagdhunde?

Jetzt wird noch mit Jagdhunden nach den Rehkitzen gesucht, möglich aber, dass ihre Aufgabe bald von der Technik übernommen wird. Seit Neuestem werden an einigen Orten in der Schweiz auch Drohnen mit Wärmebildkameras eingesetzt, um nach Rehkitzen auf Wiesen zu suchen. Für Stiftungsrat Roland Hunziker ist die Technik derzeit aber noch kein Ersatz für die herkömmlichen Methoden. «Die Drohnen sind teuer und zudem eine weitere Lärmquelle für Menschen und Tiere.»

Er hofft auf ein anderes Szenario: Die Rehgeiss ist auf Futtersuche, nahe der Weide, wo sie ihr Junges zurückgelassen hat. Bei einem Blick zu ihrem Nachwuchs irritiert sie eine Veränderung auf der Wiese. Es sind die Leintücher, die der Bauer aufgehängt hat. Die Rehgeiss ahnt Gefahr, eilt zu ihrem Kitz und flüchtet mit ihm in den Wald.