Vor 100 Jahren
Infanteriebrigade 12: Angst vor sozialen Unruhen hatte zum Aufgebot geführt

Die Infanteriebrigade 12 hätte bei Bedarf militärischen Ordnungsdienst in Zürich zu leisten gehabt.

Ueli Wild
Drucken
Die Aargauer galten an sich als äusserst zuverlässige Soldaten. Im Bild Angehörige des Füsilierbataillons 60 beim Üben der Fliegerabwehr durch konzentriertes Gewehrfeuer.

Die Aargauer galten an sich als äusserst zuverlässige Soldaten. Im Bild Angehörige des Füsilierbataillons 60 beim Üben der Fliegerabwehr durch konzentriertes Gewehrfeuer.

Zur Verfügung gestellt

Am 6. Februar 1918, 9 Uhr morgens, mobilisierte die Aargauer Infanteriebrigade 12 im Raum Aarau. Es war der sechste Ablösungsdienst, den die Truppe seit Beginn des Ersten Weltkrieges zu leisten hatte. Der letzte 10-wöchige Dienst lag gerade mal viereinhalb Monate zurück. Trotzdem, schrieb das «Aargauer Tagblatt», zeigten sich in der Truppe keine Anzeichen des Missmutes. Die Mannschaft sei «recht froher Laune», ja «namentlich in der näheren Umgebung des Tambours K. von Entfelden herrschte schon vom frühen Morgen an echte Soldatenfröhlichkeit».

Die Truppe sei sich der Gründe, die zu dem unerwarteten Aufgebot geführt hätten, sehr wohl bewusst, schrieb das «Tagblatt». Dieses Bewusstsein habe wohl «das Gefühl des einigen Zusammengehens zum Schutze des Vaterlandes gegen innere wie äussere Feinde gestärkt». Mit Blick auf die «inneren Feinde» stellte die Zeitung fest: «Es ist eine Truppe, an der die Genossen Platten, Münzenberg, Grimm recht wenig Freude gehabt hätten.»

Die Gründe für das Aufgebot waren effektiv im Innern zu suchen: in der Angst vor Umsturzversuchen, allenfalls nach bolschewistischem Muster. Mit fortschreitender Dauer des Krieges war eine spürbare Unzufriedenheit in der Bevölkerung eingetreten. Anlass dazu boten Lebensmittelknappheit, Teuerung und Arbeitslosigkeit.

Im November 1917 war es in Zürich zu Unruhen und zum Einsatz von Ordnungstruppen gekommen. Eine verunglückte und vom Bundesrat schliesslich zurückgezogene Zivildienstvorlage, von der die Linke befürchtete, dass sie eine Militarisierung der Arbeiterschaft bezwecke, erhitzte im Januar 1918 die Gemüter. Es kam zu Generalstreiksdrohungen und mit dem Oltener Aktionskomitee bildete sich eine Art Exekutive der Arbeiterschaft.

Terrorangst in Zürich

Am 21. Januar wurde in Zürich ein Revolver- und Handgranatenlager ausgehoben, was zu wilden Spekulationen Anlass gab. Die Untersuchungen im Zusammenhang mit weiteren Bombenfunden vom April 1918 brachten dann an den Tag, worum es primär ging: um Aktivitäten einer Krieg führenden Macht und ihrer terroristischen Helfershelfer auf dem Terrain eines neutralen Staates: Von Berlin über indische Unabhängigkeitskämpfer war das Material Mitte 1915 in die Hände italienischer Anarchisten in der Schweiz gelangt. Geplant waren ursprünglich Attentate in Italien, doch die Sprengstoffe und Waffen wurden dann jahrelang in Zürich gelagert und hätten, wie einzelne der verhafteten Italiener Ende Mai 1918 zugaben, allenfalls «bei einer Revolution in Zürich Verwendung finden» sollen.

Verbindungen zur schweizerischen und der italienischen Sozialdemokratie liessen sich nicht nachweisen, wohl aber Kontakte der italienischen Anarchisten zu Mitgliedern der links von der SP stehenden kommunistischen Gruppe «Forderung» um den Holzarbeiter Joggi Herzog.
Anfang 1918 wurde klar, dass die seit November 1917 in Zürich stationierten Ordnungstruppen vollständig abgezogen würden.

Der Regierungsrat intervenierte hierauf bei der Armeeführung. Grundsätzlich wollte er in der Stadt stets ein Bataillon zur Verfügung haben, um es notfalls einsetzen zu können. Umgekehrt tendierten Armeespitze und Bundesrat dazu, stärkere Verbände aufzubieten, um diese dank des Abschreckungseffektes gar nicht erst einsetzen zu müssen. Deshalb wurde eine ganze Brigade aufgeboten.

Dass die Infanteriebrigade 12 zum Handkuss kam, verdankte sie nicht zuletzt dem Umstand, dass die Aargauer Soldaten als ausserordentlich zuverlässig galten. Allerdings hatten schon im Herbst 1917 Soldaten einer Kompanie des Füsilierbataillons 59 unter Androhung einer Meuterei versucht, Arrestanten zu befreien. Einzelne Wehrmänner waren deswegen zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Abschreckung oder Provokation?

Dem Bundesrat war bewusst, dass das Aufgebot einer Brigade eine Gratwanderung zwischen Abschreckung und Provokation war. Bundesrat Edmund Schulthess schlug deshalb vor, als Motiv «die Notwendigkeit eines vermehrten Grenzschutzes anzugeben». Das Motiv der Aufrechterhaltung der Ordnung werde provozierend wirken.

Die Landesregierung entschied sich für ein Sowohl-als-auch. «Die allgemeine äussere und innere Lage», hiess es im Communiqué zum Beschluss vom 1. Februar, «lässt es dem Bundesrat als notwendig erscheinen, die zur Zeit für den Grenzschutz aufgestellten Truppen durch die Bildung einer Reserve zu verstärken.»

Mit der «echten Soldatenfröhlichkeit» war es in Wahrheit nicht eben weit her. Aus den Berichten der Regiments- und der Bataillonskommandanten geht im Gegenteil hervor, dass die Stimmung in der Truppe schon zu Beginn des Dienstes schlecht war. Landammann Emil Keller, der das Füsilierbataillon 55 befehligte, schrieb im Kriegsbereitschaftsbericht für den Monat Februar: «Noch nie ist mir die gedrückte Stimmung der Mannschaften so aufgefallen wie in diesem Dienst.»

Bezeichnenderweise hatten sich nicht weniger als 114 Mann dieses einen Bataillons, sprich mehr als 10 Prozent der eingerückten Wehrmänner, zur sanitarischen Eintrittsmusterung gemeldet. Keller stellte auch fest, dass die mit der Dauer des Krieges und der vermehrten Dienstleistung zunehmende Not die Wehrmänner für «schlechte Einflüsse» empfänglich mache. Einen Erwerbsersatz für Militärdienst leistende Männer gab es damals noch nicht.

Wörtlich schrieb Keller seinem Vorgesetzten auch: «Die agitatorische Tätigkeit der Sozialdemokraten unter den Soldaten, die, nach verschiedenen Anzeichen zu schliessen, offenbar mit allen möglichen Mitteln eingesetzt hat, fällt auf einen nicht ungünstigen Boden und verfehlt ihre Wirkung nicht.»

Dass die Truppe politisch gegen links tendierte, zeigt folgendes Beispiel: Am 9. Februar fand im aargauischen Nationalrats-Wahlkreis Südwest (Bezirke Kulm und Zofingen) eine Ersatzwahl für den im Dezember 1917 verstorbenen Freisinnigen Johann Rudolf Suter statt. (Gewählt wurde noch nach dem Majorzverfahren, der Wechsel zum Proporz erfolgte erst bei der Gesamterneuerungswahl von 1919.)

Stimmberechtigt war auch ein Teil der Infanteriebrigade 12. Gewählt wurde schliesslich der Freisinnige Otto Tschamper, aber bei den Militärstimmen schwang der sozialdemokratische Grossrat Suter aus Oberentfelden obenaus. Er kam auf 744 Stimmen, sein freisinniger Konkurrent auf lediglich deren 379. Die «Belagerer von Zürich», mutmasste daher das Zürcher «Volksrecht», schienen «von ihrer gegenwärtigen Bestimmung nicht sonderlich erbaut zu sein».

Emil Kellers Bataillon, in dem der SP-Kandidat drei Viertel der abgegebenen Stimmen geholt hatte, wurde Mitte März aus dem Ordnungsdienst-Dispositiv herausgelöst und zum Grenzdienst detachiert. Nun hellte sich die Stimmung im Bataillon 55 auf, wie Keller am Schluss der Dienstperiode festhielt: «Offiziere und Mannschaften brachten diesem Dienst grosses Interesse entgegen.»

Zuvor, in der Ordnungsdienst-Bereitschaftsstellung nordöstlich von Zürich, war dieser als eintönig empfunden worden. Dazu beigetragen hatte nicht zuletzt die Weisung des Brigadekommandanten Oberst Otto Senn, einem Basler Seidenbandfabrikanten, den Schwerpunkt auf Einzelausbildung und Drill zu legen, um die militärische Zucht und Ordnung zu fördern.