Dreissigjähriger Krieg

In höchster Not gab es Eicheln statt Mehl: So litt das österreichische Fricktal

Der Kupferstich zeigt die Belagerung der Stadt Rheinfelden durch schwedische Truppen im Jahr 1634.

Der Kupferstich zeigt die Belagerung der Stadt Rheinfelden durch schwedische Truppen im Jahr 1634.

Lange schien der Krieg, der zwischen 1618 und 1648 halb Deutschland verheerte, das österreichische Fricktal zu verschonen. Doch dann traf es dieses umso heftiger.

Am 23. Mai 1618, also vor genau 400 Jahren, stürzten in Prag böhmische Adelige zwei kaiserliche Statthalter und deren Sekretär aus dem Fenster der Burg. Dieser «Fenstersturz von Prag» gilt als Auslöser eines Krieges, der während 30 langen Jahren ganze Landstriche vorab in Deutschland verheerte. Besonders stark betroffen war unsere Nachbarregion Württemberg, die Bevölkerungsverluste von über 40, teilweise gar von über 50 Prozent erlitt.

Massiv betroffen war schliesslich auch das katholische Fricktal, das damals zu Vorderösterreich gehörte. Anfänglich spürten die Fricktaler den Krieg erst durch immer höhere Kriegssteuern. Brenzlig wurde es, als 1632 die Truppen des Schwedenkönigs Gustav Adolf II. näher kamen. Im September erschien eine erste kleine schwedische Truppe vor Rheinfelden und forderte zweimal vergeblich die Übergabe der Stadt. Die abgewiesenen Schweden plünderten «ersatzweise» Augst, das Kloster Olsberg, zogen plündernd weiter über Magden, Zeiningen und Wegenstetten. Sie stiessen bis Erlinsbach auf bernisches Gebiet vor, wie Emil Jegge in der «Geschichte des Fricktals» schreibt.

Am Kupfertorturm (Storchennestturm) in Rheinfelden übertünchte man eine Reihe von Einschüssen aus der Belagerung im Dreissigjährigen Krieg bewusst nicht.

Am Kupfertorturm (Storchennestturm) in Rheinfelden übertünchte man eine Reihe von Einschüssen aus der Belagerung im Dreissigjährigen Krieg bewusst nicht.

     

Daraufhin wurde die Besatzung von Rheinfelden verstärkt. Die Bevölkerung musste sie verpflegen, was dem nach 14 Jahren Krieg verrohten Kriegsvolk nicht genügte. Laut Jegge «plünderten sie, was ihnen gefiel». Im Juli 1633 wurde das an einer Heerstrasse gelegene und strategisch wichtige Rheinfelden erstmals belagert und schliesslich übergeben. Danach zeigte sich, wie unwichtig den geschlagenen Soldaten noch war, für wen sie kämpfen. Sie durften frei abziehen. Doch schon vor den Toren der Stadt liessen sich 200 Mann von den siegreichen Schweden anwerben. Rheinfelden kaufte sich von der Plünderung frei. Diese fand trotzdem statt. Deren Schäden waren fast dreissigmal so hoch wie die Freikaufssumme. Immerhin konnte man die Kirchenglocken retten.

Geplündert wurden auch die Dörfer rund um Rheinfelden. Zurück blieb eine grosse Besatzung. Auch Laufenburg wurde besetzt. Doch schon im Oktober 1633 hatten kaiserliche und spanische Truppen wieder die Oberhand. Laufenburg ergab sich, Rheinfelden wurde erstürmt. Jetzt hatte die Stadt wieder eine kaiserliche Besatzung – 700 Mann. Weil erneut auch eigene Soldaten die Umgebung plünderten – Motto: Der Krieg ernährt den Krieg – , erhob sich die Landbevölkerung und tötete fünf Marodeure.

Rheinfelden wird ausgehungert

Doch es kam noch schlimmer. Im März 1634 nahmen wieder Schweden Laufenburg und Rheinfelden ins Visier. Rheinfelden wehrte sich heftig. Die Angreifer plünderten derweil Möhlin, Zeiningen, Mumpf und Magden, zerstörten das Kloster Olsberg. Flüchtlinge aus Rheinfelden erhofften Hilfe in der Eidgenossenschaft – vergeblich. Die Balance zwischen reformierten und katholischen Orten war so fragil und das gegenseitige Misstrauen so gross, dass niemand eingriff. Zu gross schien das Risiko, dass plötzlich auch die Eidgenossenschaft hätte in Flammen stehen können. Derweil scheiterte ein kaiserliches Entsatzheer. Nach fast einem halben Jahr Belagerung assen die hungernden Eingeschlossenen sogar Ratten. Statt Mehl gab es Eicheln. Im August kapitulierte die Stadt.

Jetzt hatten wieder die Schweden das Sagen. Als erstes erhoben sie eine massive Kriegssteuer, die man nur durch Schuldenmachen in Basel aufbringen konnte. Doch bald rückten die Schweden nach einer schweren Niederlage in der Schlacht bei Nördlingen wieder ab – nicht ohne schwerste Zerstörungen zu hinterlassen.

Jedes dritte Haus abgebrannt

Die österreichische Regierung kam damals in einer Bestandesaufnahme zum Schluss, dass jedes dritte Haus abgebrannt und die übrigen beschädigt waren. Sämtliche Kirchen ausser in Hornussen und Herznach waren verbrannt oder wenigstens teilweise zerstört. Die Felder wurden nicht mehr angepflanzt, die Lebensmittelpreise stiegen. Es fehlten Pferde, Ochsen, Wagen, Geschirr. Zudem plünderten jetzt Kaiserliche wie zuvor die Schweden.

Die Bevölkerung litt an Hunger und Krankheiten. Zu allem Unglück war 1633 schon zum dritten Mal in jenem Jahrhundert die Pest ausgebrochen. Zusätzlich litt Europa damals unter der «kleinen Eiszeit», was die Ernten immer wieder bedrohte und verkleinerte. Immerhin gab es jetzt eine Kriegspause. Doch 1637 nahte erneut ein protestantisches Heer. Laufenburg kapitulierte anfangs 1638. Wieder wurde rundherum geplündert, Rheinfelden wurde belagert und beschossen. Als ein Entsatzheer nahte, kam es am 28. Februar und am 3. März zu zwei Schlachten.

Schliesslich unterlag das katholische Heer, wobei rund 1000 Soldaten getötet oder verwundet und 3000 gefangen genommen wurden. Doch erst Wochen danach kapitulierte Rheinfelden. Diesmal wurde es von Schweden und Franzosen besetzt. Sie blieben über das Kriegsende hinaus bis 1650. Dann endlich konnte sich das Fricktal dem Wiederaufbau widmen.

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