Aargauer Obergericht
«Ich möchte meine Enkel aufwachsen sehen»: Frau bittet nach Messerattacke um milde Strafe

Eine Frau verletzte ihren Partner lebensgefährlich und wurde zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Vor dem Obergericht zeigt sich: Die beiden sind noch immer ein Paar.

Rebekka Balzarini
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2013 hatte eine Frau die Kontrolle über sich verloren. Zweimal ging sie mit einem Messer auf ihren Partner los und verletzte ihn schwer. Diese Woche stand sie zum zweiten Mal deswegen vor Gericht. (Symbolbild)

2013 hatte eine Frau die Kontrolle über sich verloren. Zweimal ging sie mit einem Messer auf ihren Partner los und verletzte ihn schwer. Diese Woche stand sie zum zweiten Mal deswegen vor Gericht. (Symbolbild)

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Über fünf Jahre ist die Nacht her, an die sich die Rentnerin nicht erinnern kann. Oder nur teilweise. Trotzdem denkt sie noch jeden Tag darüber nach. «Es ist immer im Hinterkopf. Es tut mir wahnsinnig leid.»

In jener Nacht im März 2013 hatte die Frau die Kontrolle über sich verloren. Zweimal ging sie mit einem Messer auf ihren Partner los und verletzte ihn schwer. Insgesamt 13 Mal stach sie auf ihn ein, er trug mehrere Stich- und Schnittwunden davon. Einige waren lebensgefährlich.

Trotzdem: «Er hat keine Angst, dass ich ihm wieder etwas antun könnte. Er übernachtet auch wieder bei mir», so die Angeklagte vor dem Obergericht, wo sie sich ein zweites Mal für ihre Tat verantworten musste. Sie wohnt noch immer in dem Haus, in dem die Tat passierte, ihr Partner lebt in einer Wohnung. «Unsere Beziehung hat sich verändert», betonte die Rentnerin. «Sie ist respektvoller geworden.»

Vor dem Obergericht stand sie, weil die Staatsanwaltschaft ein Urteil des Bezirksgerichts Aarau-Lenzburg weitergezogen hat. Dieses hatte die Frau 2016 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt verurteilt. Das Gericht hatte den Entscheid damit begründet, dass die Frau sich nach ihrem Angriff in psychiatrische Behandlung begeben habe und auf dem richtigen Weg sei.

Die Staatsanwaltschaft hatte damals eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und eine ambulante, deliktorientierte forensische Psychotherapie gefordert. Vor Obergericht hielt Staatsanwalt Marco Spring an dieser Forderung fest: «Fünf Jahre ist die Mindeststrafe für so eine schwere Tat», sagte Spring in seinem Plädoyer am Mittwoch.

Anwalt Wilhelm Boner hielt dagegen: «Meine Mandantin ist kooperativ und geht regelmässig in die Therapie. Bei der Tat waren viele Medikamente im Spiel, deshalb kann nicht von einem Eventual-Vorsatz gesprochen werden.» Er verwies auf das Alter seiner Mandantin und auf den Fortschritt, den sie dank der Therapie bereits gemacht habe. «Eine härtere Strafe macht für eine – Entschuldigung – Grossmutter keinen Sinn.»

Boner wurde dabei teilweise von Gutachter Josef Sachs gestützt. «Die Angeklagte macht einen ausgeglicheneren Eindruck auf mich als früher. Sie ist weniger konfliktanfällig und kann sich von schwierigen Situationen besser distanzieren.» Die Angeklagte bekräftigte das. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich wieder so etwas tun könnte. Ich habe mich verändert. Seit ich pensioniert bin, fühle ich mich ausgeglichener und stehe nicht mehr unter ständigem Stress», betonte sie. Sie spreche Probleme offen an und schaue, dass es ihr gut gehe. «Darum kann ich gar nicht mehr in so eine Situation kommen.»

Die Bitte um eine milde Strafe

Die Angeklagte sprach stets leise, aber gefasst. Erste gegen Ende der Verhandlung brach sie in Tränen aus. «Ich möchte um eine milde Strafe bitten. Ich will doch meine Enkel aufwachsen sehen und Zeit mit meiner Familie verbringen», schluchzte sie. Das Gericht sah dann auch keinen Anlass, dem Antrag der Staatsanwaltschaft zu folgen. Es bestätigte das Urteil des Bezirksgerichts Aarau-Lenzburg.

Das Verschulden sei zwar schwer, allerdings sei eine verminderte Schuldfähigkeit der Frau gegeben. Darum sei das Strafmass von zwei Jahren angemessen. Zusätzlich muss die Frau eine deliktorientierte forensische Therapie absolvieren.

Ob die Staatsanwaltschaft das Urteil erneut weiterzieht, will sie erst entscheiden, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt.

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