Grosses Interview

Hypi-Chefin Marianne Wildi: «Der Bundesrat müsste den Menschen mehr vertrauen und nicht alles so drastisch verbieten»

Im Lockdown ist sie nur noch selten hier in ihrem Büro in Lenzburg anzutreffen. Sie arbeitet meistens im Homeoffice, zu Hause in Meisterschwanden.

Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg.

Im Lockdown ist sie nur noch selten hier in ihrem Büro in Lenzburg anzutreffen. Sie arbeitet meistens im Homeoffice, zu Hause in Meisterschwanden.

Im Lockdown hat Marianne Wildi Homeoffice und Zöpfe backen entdeckt. Jetzt wünscht sich die Chefin der Hypothekarbank Lenzburg und Präsidentin der kantonalen Industrie- und Handelskammer vom Bundesrat mehr Vertrauen ins Volk und von der Wirtschaft mehr Innovationsfreude.

Das E-Mail auf die Interviewanfrage beantwortet Marianne Wildi nach wenigen Minuten. Sie hat gerade Ferien. Und die verbringt sie im Lockdown natürlich zu Hause in Meisterschwanden. Für unser Gespräch treffen wir uns aber in ihrem Büro am Hauptsitz der Hypothekarbank in Lenzburg. Die Sonne scheint sommerlich warm rein an diesem Freitagmittag, die Bankchefin ist in aufgeräumter Stimmung.

Wie muss man sich Ferien einer Bankchefin in Zeiten von Corona vorstellen?

Marianne Wildi: Am Morgen länger schlafen, am Abend länger lesen. Und ich esse neuerdings Zmorge. Das mache ich sonst nie, wenn ich ins Büro zur Arbeit fahre.

Vermischen sich in der Coronakrise Arbeit, Freizeit und Ferien oder ist das in Ihrer Position ohnehin so?

Es hat sich schon vermischt. Vor Corona habe ich nie Homeoffice gemacht. Ich war überzeugt, mich so besser abgrenzen zu können: Im Büro die Arbeit, zu Hause nur E-Mails lesen. Doch im Verlaufe des Lockdowns habe ich mich zu Hause voll eingerichtet zum Arbeiten.

Und wie geht die Arbeit daheim?

Am Anfang war es schwierig. Ich stellte einfach Laptop und Bildschirm auf den Stubentisch, doch nach zwei Tagen war mir klar: So geht das nicht. Ich habe dann mein altes Pult entstaubt und funktionstüchtig gemacht, das ich jahrelang nicht mehr gebraucht habe.

Sie gehören zu den seltenen CEO, die kein Büro zu Hause haben?

Hatte ich wirklich nicht. Auf diesem Pult war nur ein alter Fernseher. Den habe ich früher nur mal benutzt, um auf Nintendo Tennis zu spielen, als ich einen Anflug hatte, etwas Fitness zu betreiben. Dabei habe ich aber höchstens die Lampe abgeschossen. Nun ist das Pult geputzt, die CDs sind sortiert, damit ich etwas Musik hören kann. Und so funktioniert Homeoffice mittlerweile wunderbar. Ich kann aufstehen, frühstücken und dann gleich nebenan ins Büro.

Wieso sind Sie überhaupt ins Homeoffice gewechselt? Sie haben ja ein schönes, grosses Einzelbüro hier in der Bank.

Wir haben gleich zu Beginn der Coronakrise entschieden, aus Sicherheitsgründen möglichst viele Leute auseinanderzunehmen. In der Geschäftsleitung haben wir Zweierteams gebildet: Einer im Büro, der andere zu Hause. Und da mein Pendant lieber auf der Bank arbeitet, habe ich gedacht, dann mach ich es halt und meine Sachen gepackt. Am Anfang war es ein Müssen. Aber inzwischen habe ich nicht nur für mich persönlich Vorteile entdeckt, sondern auch für die Bank.

Welche Vorteile vor allem?

Wir machen gewisse Dinge plötzlich automatisch digital. Es macht ein Witz die Runde: Wer hat am meisten Einfluss auf die digitale Transformation: der CEO, der Technologiechef oder die Coronakrise? Natürlich die Coronakrise.

Wie äussert sich das konkret?

Wenn wir etwas unterschreiben müssen etwa. Jetzt geht die digitale Unterschrift plötzlich, weil es muss. Oder digitale Beratung oder Meetings mittels Videokonferenzen. Wir kamen früher nie oder wirklich nur sehr selten auf die Idee. Jetzt merken wir: Das funktioniert sehr gut, lasst es uns vermehrt einsetzen.

Wollen Kunden aus der Region digitale Beratung wirklich lieber als den Direktkontakt?

Wir müssen es doch einfach ausprobieren. Man hat das bisher eher privat selbstverständlich genutzt, beispielsweise mit Kollegen zu skypen und um die Distanzen zwischen Indien und New York zu überbrücken. Aber wir können das genauso gut zwischen Lenzburg, Meisterschwanden und Sarmenstorf einsetzen, statt laufend hin- und herzufahren.

Sie schwärmen schon fast vom Leben im Lockdown. Vermissen Sie nichts?

Doch natürlich. Wieder mal Leute sehen, wie hier jetzt. (lacht)

Und Ihr Hobby, das Musizieren in der Musig Schafisheim-Hunzenschwil kommt auch zu kurz, nehme ich an.

Ja, aber dafür chatten wir plötzlich alle miteinander. Gerade vorher mit unserem Dirigenten, der zurzeit in Wien ist. Das machen wir sonst nie. Oder ein Kollege aus der Musik schrieb, er geniesse es eigentlich noch, dass er nicht jeden Montag in die Probe müsse.

Spielen Sie jetzt zu Hause, wenn die Probe ausfällt?

Nein, ich habe vorher schon nur in der Probe geübt und bei etwas Schwierigerem zusätzlich hier im Büro. Alleine zu Hause Posaune spielen fände ich komisch.

Keine Bedenken, vieles zu verlernen, wenn Sie monatelang nicht proben können?

Nein, ich spiele Blasmusik, seit ich 14 bin, das verlernt man nie. Viele Marschmusik-Stücke habe ich seit 40 Jahren intus.

Zurück zum Geschäft: Die 151. GV der Hypi Lenzburg ist abgesagt, sie findet als «Geister-GV» am 13. Mai statt: Wie gestalten Sie diese virtuelle GV?

Wir machen halt einfach den Pflichtteil. Alles rundherum, der informelle Austausch, fällt weg. Es gibt auch keine Rede an die Aktionäre. Wir verzichten auf einen Livestream, das würde kaum jemand schauen. Die Zahlen kennen die Aktionäre ja eh schon.

Unter anderem, dass 7,9 Millionen Franken Dividenden ausgeschüttet werden, 110 Franken pro Aktie. Hätten Sie sich auch vorstellen können, das Geld wegen der Coronakrise in der Bank zu belassen?

Wir haben das diskutiert. Aber die Dividende bezieht sich ja aufs letzte Jahr und das war gut. Es wäre ein falsches Zeichen gewesen, die Dividenden nicht mehr zu zahlen, obwohl unsere Firma sehr stabil ist. Unsere Dividendenpolitik ist ja ohnehin nicht exorbitant. Wir erfüllen auch alle Kriterien, um bei den sogenannt «sehr sicheren kleinen Banken der Schweiz» aufgenommen zu werden.

Wo spürt die Hypi die Coronakrise am stärksten?

Bei der Unsicherheit unserer Kunden. Am Anfang gab es viele Kreditanfragen, aber jetzt stellen sich viele die bange Frage: Wie lange noch? Der Bundesratsentscheid, den Lockdown nur sehr langsam zu lockern, ist vielen unbegreiflich.

Wie beurteilen Sie die Bundesratsstrategie?

Den Vollstopp zum Lockdown habe ich verstanden, er hat die Dringlichkeit klar gemacht. Aber jetzt finde ich, hätte der Bundesrat pragmatischer lockern, mehr zulassen können. Es müsste nicht alles so drastisch verboten werden und ausgerichtet auf fixe Termine.

Was müsste man Ihrer Ansicht nach liberaler angehen?

Auch kleine Läden und Restaurants müssten wieder öffnen können unter Einhaltung der Distanzregeln.

Der Bundesrat befürchtet aber wohl, dass dann zu viele Menschen wieder unterwegs sind und sich der Virus wieder verbreitet.

Ich weiss, aber vielleicht unterschätzen wir die Ernsthaftigkeit der Leute. Der Bundesrat müsste den Menschen mehr vertrauen, sie haben dieses Vertrauen verdient. Es gibt immer Leute, die das System missbrauchen, bei der Kreditvergabe genauso wie bei den Hygienevorschriften. Aber wir sollten uns am positiven Teil orientieren. Neben der Angst, welche Corona auslöst, entsteht auch viel Neues, Kreatives. Der Staat muss dem eine Chance und den nötigen Spielraum geben. Der Bund muss wieder langsam loslassen und der Wirtschaft sowie den Kantonen mehr Kompetenzen abgeben.

Marianne Wildi: "Ich musste zuerst mein Pult entstauben, das ich jahrelang nicht mehr benutzt habe."

Marianne Wildi: "Ich musste zuerst mein Pult entstauben, das ich jahrelang nicht mehr benutzt habe."

Sie fordern als Präsidentin der Aargauischen Industrie- und Handelskammer nun freiwillige Tests für Firmenmitarbeiter. Was bringt das?

Vor allem in grossen Firmen herrscht Unsicherheit: Wer ist krank, wer nicht. Wenn man Mitarbeiter testen könnte, statt sie unnötig in Quarantäne zu lassen, wäre das eine Entlastung für viele Unternehmen und gut fürs Betriebsklima.

Gäbe das nicht eine trügerische Sicherheit? Ein negativer Test kann morgen schon überholt sein.

Das wissen wir nicht. Aber es gibt zumindest eine psychologische Sicherheit. Es ist ein Bedürfnis der grossen Aargauer Firmen, das hat eine Umfrage der Handelskammer gezeigt.

Würden Sie Ihre Mitarbeiter auch testen lassen?

Ich würde es wie bei einer Zeckenimpfung empfehlen, aber jedem freistellen.

Wenn der Staat loslassen sollte im Coronaregime, müsste dann umgekehrt die Wirtschaft das Heft mehr in die Hand nehmen?

Natürlich, die Wirtschaft muss sich jetzt aufraffen und etwas beitragen. Die Folgen des Lockdowns werden nicht Ende Juni einfach vorbei sein, wahrscheinlich auch Ende Jahr nicht.

Was können Sie als oberste Vertreterin der Aargauer Wirtschaft tun?

Ich finde die Idee einer Task Force vielversprechend, etwas ähnliches wurde bereits von der CVP Aargau angedacht, eines Think Tank mit kleinen und grossen Firmen sowie Querdenkern. Es darf aber nicht einfach besserwisserisch politisiert werden. Wir müssen gemeinsam etwas bewegen und umsetzen. Das Unternehmertum des Kantons Aargau zeigen und Innovationsfreude leben.

Welches Thema zum Beispiel hat Potenzial?

Ich denke zuerst an die Kombination von Mobilität, Arbeit zu Hause und regionaler Unterstützung, konkret das Einkaufen. Gleichzeitig würde ich auch die Grossen wie Novartis und Roche einbeziehen. Es ist der Moment zusammen kreative innovative Lösungen zu suchen für eine neue Zeit. Bei Start-ups macht man das selbstverständlich, jetzt sollten wir es auch für die normale Wirtschaft tun.

Wenn Sie von neuer Zeit sprechen, heisst das: Corona wird die Wirtschaft nachhaltig verändern?

Ja, ich glaube, Corona wird ein Dauerzustand, der irgendwann in einen Normalzustand übergeht. Damit müssen wir umgehen. Und ich sehe da wie gesagt Chancen: Homeoffice hat den Vorteil, dass die Züge morgens nicht mehr ausgelastet sind. Es wird weniger Mobilität brauchen. Das führt zu Entschleunigung und mehr Lebensqualität. Es wird normal regelmässig zu Hause zu arbeiten. Plötzlich hat man wieder Zeit zu Hause über Mittag etwas kochen.

Sie auch?

Ja, ich habe gestern Zöpfe gebacken. Das wäre mir vor Corona nie in den Sinn gekommen, ich habe 20 Jahre lang selber keine Zöpfe mehr gemacht.

Was sind die grössten Herausforderungen für die nächsten Monate?

Wir müssen die Balance finden zwischen Social Distancing und einem normalisierten Leben draussen. Man muss auch wieder mal eins trinken gehen können im Restaurant, ohne zu übertreiben natürlich. Im Sommer haben viele Leute Ferien. Wir können nicht alle Ferien verschieben, sonst haben die Firmen im Herbst keine Mitarbeiter mehr.

Ich wollte Sie zum Schluss eigentlich fragen, worauf Sie sich nach dem Ende des Lockdowns besonders freuen. Aber Sie sehen ja kein fixes Ende oder?

Ich glaub wirklich, Corona verändert nicht nur die Wirtschaft, sondern wird ein neues Verhalten der Gesellschaft bringen. Wie, wissen wir noch nicht. Aber wir sind es wert, genau dies zusammen herauszufinden. Darauf freue ich mich.

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