Aargau
Hochwasser-Lage bleibt angespannt – Risiko für Rutschungen steigt

Im Aargau stiegen am Montag die Flusspegel von Aare und Rhein, aber auch an der Reuss an. Am späten Abend galt am Rhein nach wie vor eine erhebliche Gefahr. Die Lage bleibt laut Kantonalen Führungsstab auch am Dienstag angespannt.

Susanne Hörth, Janine Müller, Lukas Schumacher und Nadja Rohner
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In Wallbach werden die Beaver montiert Zuerst Luft, dann Wasser: 250 Meter Beaver entsprechen rund 15000 Sandsäcken
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Wallbach 2015, Der Rhein ist bedrohlich hoch
Die Beaver schützen beim Wasserschloss vor Hochwasser
Die Feuerwehr-Einsatzkräfte montieren die Beaver
Die Feuerwehr macht die Beaver einsatzbereit.
Das angeschwemmte Holz wird aus dem Wasser geholt in Unterwindisch
Die Aare beim Wasserschloss Brugg
Die Reuss in Windisch bei der Spinnerei
Die Aare ertränkt bei Brugg die Sträucher
Die Beaver liegen in Brugg bereit
Bei der Döttinger Badi ist die Aare über das Ufer getreten. Einige Parkplätze sind überflütet.
Das kantonale Einsatzteam der Katastrophenhilfe beim Stützpunkt unweit des Wasserschlosses
Hochwasser 2015: Brugg und Wallbach rüsten sich
Sie begutachten die Hochwasser-Situation kritisch in Unterwindisch
Die Reuss beim Spinnereiareal in Windisch.
Überflutetes Feld in Brugg-Lauffohr
Situation um 10 Uhr in Bremgarten: kritisch, aber nicht dramatisch. Die Reuss hat beim Hexenturm die untere Uferpartie überschwemmt. Sollte der Pegel weiter steigen und das Bord überflutet werden, müsste die Feuerwehr eingreifen.

In Wallbach werden die Beaver montiert Zuerst Luft, dann Wasser: 250 Meter Beaver entsprechen rund 15000 Sandsäcken

AZ

Die Pegelstände von Rhein und Aare werden gemäss Prognosen am Dienstag sinken, wobei der stärkere Abfluss aus dem Bielersee diesen Rückgang zum Teil kompensiert. Das teilt der Kantonale Führungsstab am Montagabend, 21.30 Uhr, mit. Es sei davon auszugehen, dass die Aargauer Flüsse weiterhin hohe Wasserstände führen werden.

Und: Gemäss Wettervorhersagen werde ab Dienstagmittag wieder verbreitet mit Niederschlägen gerechnet, wodurch sich die Abflussmengen der Aargauer Flüsse im Verlauf von Dienstag und Mittwoch wieder erhöhen.

Dazu kommt: Durch die starken, anhaltenden Niederschläge sind die Böden gesättigt. Damit besteht ein erhöhtes Risiko für Rutschungen.

Erhebliche Hochwassegefahr in Wallbach

Die Gemeinde Wallbach am Rhein im Fricktal bereitet sich auf Hochwasser vor. Für den Rhein in Rheinfelden gilt laut einer Mitteilung des Kantons die Gefahrenstufe 3 (erhebliche Hochwassergefahr). Dies blieb auch am Montagabend so.

Auf einer Länge von rund 150 Metern wurden sogenannte Beaver-Schläuche im Bereich Unterdorf-Brütschengasse angefordert. Das beschlossen die Verantwortlichen der Gemeinde gemeinsam mit dem Regionalen Führungsorgan.

Wie Stefan Heller vom RFO erklärte, genügen anhand der Erfahrungswerte vorläufig statt der verlangten 250 Meter deren 150. Erfahrung gibt es reichlich. Wallbach ist regelmässig von Hochwasser betroffen. Die orangen Schutzschläuche kamen in den letzten Jahren bereits mehrfach zum Einsatz. Heller erklärte, dass die aktuell in Wallbach ausgelegten Beaver rund 15'000 Sandsäcken entsprechen.

«Normalerweise fliessen hier 1600 bis 1700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch», so Andy Bussinger, Kommandant der Feuerwehr Unteres Fischingertal. Am Montagnachmittag waren es zirka 2700 Kubikmeter pro Sekunde, für den Abend wurde nochmals mit einem Anstieg auf 3100 gerechnet. Um 20.40 Uhr waren es in Rheinfelden 2793 Kubikmeter.

Bussinger steht etwas unterhalb des Wallbacher Pontonierlokals am Rheinufer. Der Fluss rauscht mit einer gewaltigen Kraft vorbei. Enten lassen sich von der rasanten Geschwindigkeit mittreiben, um dann nach ein paar hundert Meter wieder den Weg fliegend zum Pontonierhaus zurückzulegen.

Da die Prognosen noch weitere Regenfälle und einen Anstieg des Wasserpegels erwarten, werden die Beaver am Wallbacher Rheinufer vorläufig bis Ende der Woche liegen bleiben. Die Hochwassersituation wird in den nächsten Stunden und Tagen genau verfolgt und besprochen, und wenn nötig werden weitere Schläuche ausgelegt.

Die Rheinstrasse in Wallbach bleibt sicher bis Dienstagmorgen gesperrt. Weil die Sperrung der Strasse erst am Montag gegen Mittag und die Umsetzung der Massnahmen gleich im Anschluss daran erfolgten, wurden die Anstösser von den Einsatzkräften direkt informiert.

Neben den Kräften des Kantonalen Katastrophen-Einsatzelements ist in Wallbach auch die Feuerwehr Unteres Fischingertal im Einsatz.

Nicht zum ersten Mal steht Wallbach das Wasser bis zum Hals, wie diese Reportage aus dem Jahr 2013 zeigt:

Brugger Schachen evakuiert

Tosend ergiessen sich die schlammbraunen Wassermassen über die Schwellen in der Reuss. Baumstämme treiben wie Zündhölzer auf dem Strom. Im Rechen bei der Spinnerei in Unterwindisch sammelt sich Geäst und Abfall. Immer wieder muss ein Kran das Material aus dem Fluss krallen, damit der Rechen nicht verstopft.

Mit einem ganz anderen Problem setzt sich derweil das Kantonale Katastrophen Einsatzelement (KKE): Beim Brugger Schachen kämpft man gegen das Hochwasser, welches die Strassen und den Schachen zu überfluten droht. Zivilschutz, Feuerwehr, Polizei, Militär: Alle helfen mit. Das Militär hat gar das Mittagessen verschoben, um die Fahrzeuge im Schachen zu evakuieren. Auch zivile Fahrzeuge werden am Montagnachmittag weggefahren. Um zu verhindern, dass das Wasser grösseren Schaden anrichtet, fahren die Einsatzkräfte die Beaver – der mobile Unwetter- und Hochwasserschutz – heran und legen diese aus. Rund 500 Meter der orangen Schläuche säumen die Strasse. Mit Wasser und Luft vollgepumpt, dämmen sie das Wasser ein.

Marcel Biland ist Chef Regionales Führungsorgan RFO

Marcel Biland ist Chef Regionales Führungsorgan RFO

Michael Hunziker

Rund 75 Männer sind am Montag im Einsatz. Am Morgen ist lange noch unklar, ob man die Beaver einsetzen muss. Für die Gewässer in der Region gilt mit rund 900 - 950 m3/s Abflussmenge die Gefahrenstufe 2. Es droht also mässige Gefahr. Gemäss den hydrologischen Grundlagen des Bundesamts für Umwelt ist der Pegel der Aare seit Samstag um rund drei Meter angestiegen. Gestern befürchtet man auf 13 Uhr einen Höchststand des Wasserpegels.

«Aufgrund verschiedener Berechnungsmodelle ist es schwierig, die Lage einzuschätzen», erklärt Marcel Biland, Chef Regionales Führungsorgan (RFO). «Darum rechnen wir mit dem Schlimmsten und bereiten uns darauf vor.» Das Problem: Die Böden sind vom Dauerregen gesättigt, Wasser fliesst so keines mehr ab. Zudem ist es schwierig einzuschätzen, wie viel Wasser die kleinen Oberflächengewässer den grossen Flüssen zuführen. Eine kleine Überraschung für die Einsatzleute war auch das Wasser, welches die Emme in die Aare spülte. Damit habe man nicht gerechnet.

Vereinzelte Wege sind gesperrt

Bis am Montagabend sind aus der Bevölkerung noch keine grösseren Schäden bekannt. Doch einige Einschränkungen gibt es dennoch. Vereinzelte Wege wie der Mülimattweg sind gesperrt. Das Departement Gesundheit und Soziales bittet die Bevölkerung zudem, die Uferzonen der hochwassergefährdeten Flüsse zu meiden und bei Aussenaktivitäten das Risiko von lokalen Überschwemmungen und Rutschungen zu beachten.

«Es ist schwierig, zu sagen, wie sich die Situation weiter entwickeln wird», so Marcel Biland. Für heute Dienstag sind weitere Regenfälle angesagt und auch die Vorhersagen fürs Wochenende verheissen nichts Gutes. Die Beaver bleiben darum vorläufig liegen. Diskutiert werden muss auch das geplante Springreiten im Brugger Schachen am Wochenende. Dieses muss womöglich abgesagt werden, entschieden ist aber noch nichts.

Ernste Situation in Bremgarten

Fachleute des AEW-Wasserkraftwerks Bremgarten stuften die Situation am frühen Montagabend als «ernst, aber nicht dramatisch» ein. Der Spitzenwert des Wasserabflusses lag am Montag bei 588 Kubikmeter pro Sekunde. Erst bei einer Abflussmenge von rund 750 Kubik je Sekunde kommt es im Stadtbann Bremgarten zu grösseren Überschwemmungen und Schäden. Gemäss Prognose des Bundesamts für Umwelt (Bafu) könnten Pegel und Wassermenge der Reuss im Verlauf des Dienstags noch leicht zulegen. Die Gefahrenstufe der Reuss bleibe aber mässig und verschärfe sich nicht.

Seit mehreren Monaten werden in Bremgarten bauliche Hochwasserschutz-Massnahmen zu Gesamtkosten von 2,4 Millionen Franken realisiert. Die Arbeiten sind weit fortgeschritten, sie dürften im Juli vollendet sein. Noch fehlt unterhalb des Hexenturms eine Uferschutzmauer, die demnächst gebaut wird. Die diversen baulichen Massnahmen schützen das Reussstädtchen vor einem HQ 30, einem alle 30 Jahre vorkommenden Hochwasser. Zusätzlich würden mobile Elemente – Dammbalken aus Aluminium – in Bremgarten Schutz bieten gegen ein Jahrhunderthochwasser, ein HQ 100. Die mobilen Elemente sind zwar bestellt, treffen aber erst in zwei Wochen in Bremgarten ein.

Zurzibiet: Niederschläge der nächsten Tage abwarten

Im Zurzibiet ist die Situation aber ruhig. «Bei uns sind die Pegel von Aare und Rhein im Moment unter den kritischen Schwellenwerten», sagt Roland Indermühle, Chef des Regionalen Führungsorgans RFO Zurzibiet. Er geht davon aus, dass dies auch so bleibt. «Wir müssen aber die Niederschläge in den kommenden Tagen abwarten – bei Gewittern können die Pegel kurzfristig schnell ansteigen. Die Hochwasserlage im Zurzibiet ist noch nicht vorbei.»

Die Bevölkerung wird daher gebeten, sich von Flüssen und Ufern fernzuhalten und bei drohenden Überschwemmungen mobile Gegenstände oder Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt das RFO auch den Pegelständen der Juraseen. Erst vor wenigen Stunden war die Hochwassergefahr am Thunersee auf die zweithöchste Warnstufe angehoben worden. Randvoll sind auch andere Gewässer im Berner Oberland, der Innerschweiz oder am Jura Südfuss.

«Die Pegel werden nun von den dortigen Behörden gesenkt, indem mehr Wasser abgelassen wird. Das geschieht in Absprache mit den flussabwärtsliegenden Kantonen», so Indermühle. Denn: Wird der Pegel in einem der grossen Seen im Berner Oberland abgesenkt, erreicht das abfliessende Wasser laut Indermühle nach etwa 6-12 Stunden das Zurzibiet. «Die Herausforderung der nächsten Tage wird sein, die Absenkungen so kontrolliert durchzuführen, dass es flussabwärts nicht zu Hochwasserschäden kommt.»

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