Brittnauer Lawinenopfer
Grosse Geste: Angehörige schliessen Bergführer in Danksagung mit ein – gegen den Justiz ermittelt

Es war das schwerste Lawinenunglück des Winters: Im März starben im Tirol vier Tourenskifahrer aus der Region Zofingen. Die österreichische Justiz ermittelt gegen den überlebenden Schweizer Bergführer wegen Verdachts auf fahrlässiger Tötung. Die Angehörigen der Todesopfer indes zeigen eine grosse Geste: In ihrer Danksagung schliessen sie den Bergführer mit ein.

Elia Diehl
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Grosse Geste der Angehörigen: «In unseren Dank einschliessen möchten wir auch [...] den Bergführer für die tiefe Anteilnahme und Präsenz».

Grosse Geste der Angehörigen: «In unseren Dank einschliessen möchten wir auch [...] den Bergführer für die tiefe Anteilnahme und Präsenz».

AZ

Die acht Wintersportler aus der Region Zofingen waren am 15. März 2017 mit dem Männerturnverein Brittnau auf einer Skitourenwoche in den Tuxer Alpen gewesen – so wie sie es seit Jahren taten, stets gut ausgerüstet.

Doch als sie vom Gipfel des 2453 Meter hohen Jochgrubenkopf über den Nordhang hinabfuhren, löste sich eine gewaltige, 700 Meter grosse Lawine. Alle acht Tourengänger aus den Aargauer Gemeinden Brittnau und Strengelbach wurden mitgerissen – doch nur vier Mitglieder – unter ihnen der Bergführer – konnten sich aus den Schneemassen befreien.

Knapp 60 Einsatzkräfte der Bergrettung, vier Suchhundeteams, die Alpinpolizei und fünf Rettungshubschrauber beteiligten sich danach umgehend an der Suche nach den Verschütteten, doch vergeblich. Zu tief waren die Männer verschüttet – sie konnten erst Stunden später tot geborgen werden. Vier Kameraden wurden tragisch aus dem Leben gerissen.

Die Frage nach dem Warum

Der Schock sass nicht nur bei den Überlebenden tief, auch in der Heimat war und ist man fassungslos ob der Tragödie. «Es tut einfach weh», sagte der Gemeindepfarrer von Brittnau zwei Tage danach. Damit die Bevölkerung von den vier Todesopfern Abschied nehmen können, legt er Kondolenzbücher in seiner Kirche auf. Mit ergreifenden Worten nahmen an der Abdankungsfeier am 25. März 2017 auch die überlebenden Kameraden Abschied.

Die verzweifelte Frage nach dem Warum begleitet den Betroffene und Angehörige bei Todesfällen immer. Im Tirol beschäftigte sich auch die Justiz mit dieser Frage: Wer trägt Schuld? Welche Akteure und Fehlerquellen gab's am Berg?

Auf dem extrem steilen Hang war es schon mehrmals zu Lawinenunglücken gekommen. Der Leiter des österreichischen Lawinenwarndienstes kennt die Tücken des Bergs und bezeichnete es wenige Tage nach der Tragödie als «keine gute Tourenwahl».

Die Tiroler Alpinpolizei schloss zwar aus, dass die Gruppe fahrlässig gehandelt habe. Dennoch ermittelt die österreichische Justiz gegen den Bergführer wegen des Verdachts auf grob fahrlässige Tötung. Ein juristisches Urteil ist bisher nicht gefallen.

Grosse Geste der Angehörigen

Zuspruch statt Verurteilung erhält der Bergführer nun von den Hinterbliebenen: Sechs Wochen nach der Tragödie veröffentlichen die Angehörigen der Lawinenopfer im «Zofinger Tagblatt» ihre Danksagung – an die Rettungskräfte, das Care Team und viele mehr.

Die Danksagung der Angehörigen der Lawinenopfer.

Die Danksagung der Angehörigen der Lawinenopfer.

edi

Und man zeigt Herz für den Tourenführer: «In unserem Dank einschliessen möchten wir auch die überlebenden Kameraden der Skitour und den Bergführer für deren tiefe Anteilnahmen und Präsenz.»

Abdankung Lawinenopfer Brittnau
8 Bilder
Abdankungsfeier in Brittnau.
In der Kirche Brittnau sind vier Kondolenzbücher aufgelegt. ran
Für jedes Opfer ein Baumstrunk und Blumen
Eine Kerze für jeden verunglückten Tourenfahrer.
Die Gemeinde Brittnau nimmt offiziell Abschied.
Mit einem Foto in der Kirche gedenken Freunde den vier Lawinenopfern des Männerturnvereins Brittnau.
Hier fand die Abdankung für die verunglückten Skitourenfahrer statt.

Abdankung Lawinenopfer Brittnau

Raphael Nadler

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