Aargau
Fricktaler Historiker Linus Hüsser jagt 140 Aargauer Kapellen

Linus Hüsser beschreibt im Auftrag der Römisch-Katholischen Landeskirche die Aargauer Kapellen-Landschaft. Um die gegen 140 Kleinode ranken sich spannende Geschichten – von der Agathakapelle Fisibach bis zur Wendelinskapelle Möhlin.

Erik Schwickardi
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Linus Hüsser in der St.-Antonius-Kapelle in Mellingen: «Der Tabernakel ist ein Werk des Mellingers Caspar Joseph Widerkehr von 1739.» Christoph Voellmy

Linus Hüsser in der St.-Antonius-Kapelle in Mellingen: «Der Tabernakel ist ein Werk des Mellingers Caspar Joseph Widerkehr von 1739.» Christoph Voellmy

Im Aargau gibt es einige Perlen unter den Kapellen», schwärmt Historiker Linus Hüsser (49). Zu den schönsten der kleinen Gotteshäuser am Wegesrand zählen etwa die Marienwallfahrts-Kapelle Jonental in Jonen, die St.-Antonius-Kapelle in Mellingen oder die barocke Schlosskapelle in Böttstein.

«Besonders ans Herz gewachsen ist mir die Nikolaus-Kapelle in Leidikon bei Sulz – eine wunderschöne Kapelle im Stil des Rokoko», erklärt Linus Hüsser, der zurzeit im Kanton Aargau auf Kapellen-Pirsch ist.

Im Auftrag der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau rückt er die schützenswerten Kleinode ins Zentrum – zusammen mit seinem Mitautor Andreas C. Müller, der die Freiämter Kapellen bearbeitet. Kapellen sind wie Kirchen, Wegkreuze oder Burgen Teil unseres kulturellen Erbes und fester Bestandteil unseres Landschaftsbildes.

140 Kleinode

Das Projekt «Aargauer Kapellen» rückt diese schützenswerten Kulturgüter ins Zentrum. Von der Wendelinskapelle in Möhlin über die Agathakapelle in Fisibach bis zur Beinhaus-Kapelle in Dietwil gibt es gegen 140 dieser kirchlichen Kleinode im Aargau. «Allein im Freiamt gibt es so viele Kapellen wie in allen anderen katholischen Gebieten (Fricktal und ehemalige Grafschaft Baden) zusammen.»

Linus Hüsser, der im Fricktal aufwuchs und nach der Matura am Kollegium in Altdorf an der Universität Freiburg moderne Schweizer Geschichte sowie neuere europäische Geschichte und Staatsrecht studierte, befasste sich in seiner Lizenziatsarbeit mit den Schweizer Bischöfen während des Zweiten Weltkriegs.

Ein Leben vor seiner Zeit

Seine Dissertation schrieb er über den katholisch-konservativen Klingnauer Politiker und Publizisten Johann Nepomuk Schleuniger (1810–1874). Hüsser lebt in Ueken und arbeitet als freischaffender Historiker. Er ist Mitautor mehrerer Ortsgeschichten und hat zahlreiche Beiträge zu historischen und volkskundlichen Themen publiziert.

Zu seinen Tätigkeiten gehört auch die Aufarbeitung von Archiven. Seit zehn Jahren ist Linus Hüsser Präsident der Kirchenpflege Herznach-Ueken und mitverantwortlich für die denkmalgeschützten Sakralbauten der Kirchgemeinde. Zudem präsidiert er die Museumskommission der Stadt Rheinfelden, wo er auch das historische Archiv betreut.

Kampagne gegen das Vergessen

Zum Abschluss ihres 125-Jahr-Jubiläums im Jahr 2011 hat die Römisch-Katholische Landeskirche des Kantons Aargau das Projekt «Aargauer Kapellen» initiiert. Als Kulturträgerin will die Landeskirche diese sakralen und historisch bedeutsamen Bauten im Kanton als Orte des Glaubens und des Innehaltens ins Bewusstsein rufen.

Herzstück des Projekts ist die Website www.aargauerkapellen.ch. Laufend – Kapelle um Kapelle – wird sie ergänzt. Auf Frühsommer 2014 ist die Publikation eines Buches geplant.

Historiker Linus Hüsser stützt sich bei seiner Kapellen-Mission auf vorhandene Quellen, kontaktiert Sakristane und Lokalhistoriker, konsultiert Dorfchroniken, Kapellenvereine oder die Dossiers der Denkmalpflege.

Ein Schwerpunkt soll auf der Volksreligiosität und volkskundlichem Brauchtum liegen. «Oft ranken sich um die Kapellen spannende Anekdoten, alte Geschichten oder Sagen – wie etwa um die Hohkreuzkapelle bei Laufenburg.» Eine Sage berichtet über den Bau der Kapelle: Während eines Krieges schoss ein Soldat in der Stadtkirche auf eine Statue.

Beim Abzug der Truppen stürzte der Übeltäter beim Hohen Kreuz vom Pferd und blieb tot liegen. Fromme Leute errichteten an dieser Stelle eine Gebetsstätte. Die Kapelle dürfte jedoch einen anderen Ursprung haben: Ganz in der Nähe stand der Laufenburger Galgen.

Noch heute erinnert westlich der Kapelle die Flur Galgenrain an die schon 1428 erwähnte Richtstätte. Es war üblich, dass an einem Galgenweg ein Kreuz, ein Bildstock oder eine Kapelle stand, wo ein zum Tod verurteilter Mensch ein letztes Mal beten und seine Sünden bereuen konnte.

Gallgenkapelle wird zur Wallfahrtstätte

In späterer Zeit entwickelte sich ausgerechnet die Galgenkapelle zur Wallfahrtsstätte, die von schwangeren Frauen aufgesucht wurde.

Historiker Hüsser stösst bei seiner Kapellen-Mission auch auf allerlei Kuriositäten: «Die Chorndlete-Kapelle am Fuss des Chornbergwaldes südlich von Frick war einst ein verwahrlostes Bienenhäuschen. Die Wände waren verschmiert, Unrat lag innerhalb und ausserhalb der Hütte.

Jugendliche kifften hier. Erich Welte, ehemaliger Sakristan der Fricker Pfarrkirche, wollte dem einen Riegel schieben, und verwandelte das heruntergekommene Bienenhaus in eine Kapelle zu Ehren der Muttergottes. Welte stellte in der Hütte eine Marienfigur auf, von aussen durch ein Türfenster gut sichtbar.

Am 1. Mai 1996 weihte der Fricker Pfarrer die ‹Chorndletekapelle› ein.» «Es können also auch in heutiger Zeit durchaus noch neue Kapellen hinzukommen», freut sich Linus Hüsser. «Einige Kapellen stehen recht abgelegen und bleiben wegen Vandalen und Kirchenräubern die meiste Zeit verriegelt.

Andere werden rege benutzt und sind, gerade in dieser rastlosen Zeit, immer noch oder gerade wieder ein Bedürfnis: «Oft erlebe ich bei meinen Besuchen in den Kapellen, wie Menschen für kurze Zeit im Alltag innehalten, vielleicht ein stilles Gebet sprechen oder eine Kerze anzünden.»

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