Jihadist Thomas C.
Fahndung nach IS-Aargauer: Der Paris-Attentäter ist noch auf der Flucht

Thomas C. alias Abu Musab war einer der Haupt-Drahtzieher der Pariser Terroranschläge, bei denen 130 Menschen starben. Und er vermag sich zu verstecken: Bis heute ist sein Aufenthaltsort unbekannt. Die Fahndung läuft, die Ermittlungen dauern an.

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Ein Denkmal vor dem Pariser Club Bataclan erinnert an die Terroranschläge vom 13. November 2015.

Ein Denkmal vor dem Pariser Club Bataclan erinnert an die Terroranschläge vom 13. November 2015.

AP Photo/Thibault Camus

Der Aufenthaltsort des Terrorplaners Thomas C. ist bis heute unbekannt, schreibt die Bild-Zeitung. Gegen ihn wird wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland ermittelt.

Der gebürtige Aargauer (Jahrgang 1987, erster Wohnort: Nussbaumen), der die Schweizer und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, durchlebte eine unstete Kindheit. Die Eltern liessen sich scheiden und der damals 11-Jährige lebte kurz bei seinem Vater auf einem Campingplatz in Frankreich, bevor ihn seine Mutter wieder zu sich in die Schweiz holte.

2006 ziehen Mutter und Sohn nach Frankfurt, wo Thomas C. die Schule besucht und zum Islam findet. Immer öfter sucht er die Abu-Bakr-Moschee auf und trifft dort auf den marokkanischen, salafistischen Prediger Said Emrani alias Abu Dujana, schreibt die Bild-Zeitung. Drei Jahre später konvertiert er zum Islam.

2011 macht er das Abitur und zieht danach nach Bonn, wo er ein Studium beginnt. Er heiratet nach islamischer Tradition eine Verwandte seines damaligen Mentors Abu Dujana. Das Paar bekommt wenig später eine Tochter.

Der Deutsch-Schweizer soll sich in der Folge weiter radikalisiert haben, so die Bild-Zeitung. Die ersten Kämpfer aus Deutschland reisen nach Syrien, um für den Islamischen Staat zu kämpfen. So auch der Deutsch-Schweizer, der die Reise 2013 antritt: über Köln nach Paris und weiter nach Istanbul. Dort verlieren sich seine Spuren. Die Mutter hatte das letzte Mal Kontakt im Sommer jenes Jahres: Ihr Sohn befinde sich in Syrien.

Die Reise war vorbereitet

Mit 15'000 Franken im Sack, sechs Smartphones und zwei Notebooks macht er sich auf den Weg. Auch zwei neu eröffnete Bankkonten überzieht er. In Syrien nennt Thomas C. sich fortan Abu Musab und steigt schnell auf: 2014 leitet er bereits den IS-Geheimdienst in Manbij – ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für ausländische Kämpfer des IS.

Neben Deutsch, Englisch und Französisch spricht Thomas C. sehr gutes Arabisch und wohl auch Russisch. Diese Fertigkeiten und wohl auch sonst überzeugende Leistungen veranlassten den IS, einem Ausländer eine solch hohe Position zuzugestehen, berichtet die Bild-Zeitung.

Dass bis heute keine Spur zu Thomas C. führt, ist seiner grossen Vorsicht geschuldet: Seit 2013 hält er keinerlei Kontakt zu seiner Familie, auf den sozialen Medien gibt es keine Bilder von ihm, er liess sogar Handys beschlagnahmen, wenn er den Verdacht hatte, fotografiert worden zu sein, erzählt ein deutsches IS-Mitglied der Bild.

Thomas C. steigt in der Hierarchie weiter auf und lernt den IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani kennen. Dieser gehört zu den höchsten Führungsriegen der Terrormiliz. Es wiederholt sich: Wie schon in Deutschland heiratet er eine Verwandte eines hohen Tiers und verschafft sich so Zugang zur nächsten Ebene.

Al-Adnani ist neben seiner Funktion als Sprecher auch für externe Operationen zuständig. Im organisationsinternen Netzwerk, das für das militärische Training ausländischer Attentäter fungiert, wird Thomas C. bald ein wichtiger Mann. Er steht als «Emir» seiner eigenen Einheit vor, dessen Name «Katiba Furqan» auf eine Koran-Sure zurückgeht. Laut der Bild-Zeitung bedeutet diese übersetzt: «Sie leugnen die Stunde (des Jüngsten Gerichts) und denen, welche die Stunde leugnen, haben wir einen Höllenbrand bereitet.»

Am 13. November schlagen die Terroristen in Paris zu: Einer der Selbstmordattentäter sprengte sich vor dem Stade de France in die Luft. In der Rue Alibert richten Attentäter mit Sturmgewehren 15 Menschen in Cafes und Bars hin, kurz danach werden weitere Restaurants angegriffen. Mehr als zwanzig Menschen werden erschossen und gegenüber des Platzes der Republik sprengt sich ein weiterer Selbstmordattentäter in die Luft.

Bilder von den schweren Anschlägen in Paris:

Das «Bataclan» wird am Freitag, 13. November 2015, zum Sinnbild für einen der schlimmsten Terrorangriffe in der Geschichte Frankreichs.
27 Bilder
Während des Freundschaftsspiels Frankreich-Deutschland hört man im Stadion mehrere Explosionen, die sich unmittelbar vor dem Stadion ereignet haben müssen.
Keine Panik, aber Aufregung nach dem Spiel: Die Nachrichten über die Attentate dringen langsam durch.
Die Polizei sperrt das Gebiet vor dem Stadion grossräumig ab.
21.20 Uhr: Vor dem Café Le Carillon eröffnet ein Attentäter das Feuer.
Auch vor dem Petit Cambodge kommt es zur Schiesserei.
Die Polizei ist alarmiert.
Innert kurzer Zeit sind erste Helfer vor Ort.
Paris im Ausnahmezustand, hunderte Polizisten stehen im Einsatz.
Im Bataclan richten weitere Attentäter während des Konzerts der Band Eagles of Death Metal ein Blutbad an, Dutzende Fans sterben.
Der damalige Präsident Hollande informiert sich im Stadion über die Ereignisse in der Stadt und wird in Sicherheit gebracht.
Menschen in Angst vor dem Konzertsaal Bataclan nach den Anschlägen in Paris.
Ratlosigkeit, Schrecken: Die Zuschauer nach Spielschluss im Stadion.
Ausnahmezustand in Paris: Über 150 Tote bei Attentaten.
Blutbad im Bataclan in Paris
Bataclan: Konzertbesucher fliehen durch die Hintertür.
Eine Frau hält sich verzweifelt an einer Fenstervorrichtung fest auf der Flucht vor den Attentätern im Bataclan.
Forensiker sichern Spuren im Café Comptoir in Paris.
Trauer in Paris.
Ein Polizist steht Wache beim Eiffelturm in Paris. Nach den Attentaten ist es zu ersten Festnahmen gekommen: Der Vater und Bruder eines getöteten Angreifers sind in Gewahrsam.
Blumen und Kerzen vor dem Club Bataclan in Paris.

Das «Bataclan» wird am Freitag, 13. November 2015, zum Sinnbild für einen der schlimmsten Terrorangriffe in der Geschichte Frankreichs.

Keystone

Zeitgleich erfolgt der Anschlag auf den Club Bataclan, wo drei Terroristen das Konzert der amerikanischen Band «Eagles of Death Metal» stürmen. Die drei von Abu Musab trainierten Franzosen Foued Mohamed-Aggad, Ismaël Omar Mostefaï und Samy Amimour nehmen Hunderte Geiseln und ermorden 89 Konzertbesucher. Einer dieser Attentäter ist, gemäss der Bild-Zeitung, wie Thomas C. immer noch auf der Flucht.

Fieberhafte Suche nach den Hintermännern

Die präzise Planung der Attentate beunruhigt ganz Europa. Die Suche nach den Hintermännern läuft auf Hochtouren und produziert immer mehr Namen. Der Name des gebürtigen Aargauers Thomas C. ist aber erst viel später darunter, nämlich nach einem 2016 vom IS veröffentlichten Video, das Sequenzen der Pariser Attentate enthält – und auch Thomas C. ist zu sehen, schreibt die Bild-Zeitung.

Nach den Pariser Attentaten wird Abu Musab zum Kommandeur der externen Operationen für Europa ernannt. Es folgen die Attentate in Brüssel mit 32 Toten, dessen Täter ebenfalls von Abu Musab trainiert wurden. (az)