Zweiter Weltkrieg

Er bewachte Panzersperren: «Wir wären Kanonenfutter gewesen»

Hans Jörg Leu (90) hielt als Ortswehr-Soldat auf der Badener Allmend die Stellung gegen die Nazis – für den Fall, dass diese in die Schweiz eingefallen wären. Er war damals erst 16 Jahre alt.

Ausgerüstet mit einer Wollmütze, grüner Feldjacke und einem Langgewehr mit sechs scharfen Patronen steht der 16-jährige Hans Jörg Leu auf der Badener Allmend – bereit zu kämpfen, wenn die deutschen Truppen einmarschieren. Sein Auftrag: die Verteidigung der Panzersperren. Mindestens für eine halbe Stunde soll die Ortswehr zusammen mit den Grenzschutzsoldaten die Stellung halten. Den deutschen Vormarsch verzögern. Zeit, damit sich die Reduit-Truppen sammeln und in die Berge zurückziehen können.

Über 70 Jahre später steht Leu, der ehemalige Ortswehr-Soldat, wieder auf der Allmend. «Wir wären Kanonenfutter gewesen», sagt der 90-Jährige heute und schaut über die Wiese hoch zur Waldböschung. Von dort hätten bei einem Angriff die verfeindeten Panzer und Soldaten einfallen sollen.

Vögel zwitschern, ein Wind kräuselt über das Feld. Einige Panzersperren stehen noch immer. Eineinhalb bis zwei Meter hoch sind sie, massive Betontrapeze, von Moos überzogen. Stille Zeugen, die auch heute zur Absperrung dienen – für die Gärten der Einfamilienhäuser dahinter.

Der damalige Sinn der Panzersperren ist Leu heute unklar. Die Deutschen wären doch kaum über das nahe Gebenstorfer Horn nach Baden vorgerückt, sagt er. Wären die Deutschen tatsächlich gekommen, sie hätten wohl am falschen Ort gewartet.

Die früher 300 Meter lange Anlage auf der Badener Allmend war Teil der Limmatlinie, die sich grösstenteils vom Zürichsee bis zum Hauenstein zog und das Mittelland absichern sollte. Alle zwei Wochen trafen sich dort die Jünglinge und altgedienten Soldaten der Ortswehr: Exerzieren, Manöverübungen, Schiessen. Weit hatte Leu nicht, sein Elternhaus befand sich direkt bei einer der Panzersperren.

Liebesgeschichte und Luftkampf

Heute wohnt Leu mit seiner Frau in einer Wohnung unweit der Badener Altstadt. Zeitweise aber auch im Tessin, wo er in der Nähe von Lugano ein Haus besitzt, an einem Steilhang. Er sei unterdessen ein halber Tessiner, sagt Leu. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er in den 50er-Jahren an der ehemaligen Militärklinik von Novaggio. Danach unterhielt er eine Praxis in Baden.

Der ehemalige Arzt hat seit der Pensionierung Zeit für seine Leidenschaft: Schreiben. Die «Tessiner Zeitung» druckt regelmässig Leus Kurzgeschichten. Zehn Bücher hat er veröffentlicht. In «Büchsenlicht» verwebt er eine fiktive Liebesgeschichte mit Erinnerungen an den Schweizer Luftkampf gegen die Nazis, Juni 1940. Die Jagdflieger, das waren seine Jugendhelden. Noch heute erinnert er sich an deren Namen: Lindecker, Egli, Albert Ahl und Walo Hörning. Sein Vater habe einige Piloten gut gekannt.

Leu hatte eine deutsche Grossmutter. Doch das habe seine Bereitschaft zur Verteidigung nie geschwächt. «Wir rechneten ständig mit einem Angriff», sagt er. Vor allem im ersten Kriegsjahr – ein Leben in Angst. Ein älterer Freund, Oberleutnant der Infanterie, sass bei Koblenz in einem Bunker, Grenzbefestigung. Dort wartete dieser auf einen Angriff. Nachts habe vor Angst niemand geschlafen, erzählte er Leu.

Die Schweiz war in Bedrängnis. Das Gros der Armee zog sich zurück in die Alpen. Zivilbevölkerung und Industrie waren nur noch durch Grenztruppen, leichte Truppen und Territorialtruppen geschützt.

Als 16-Jähriger zur Ortswehr

1940 ermächtigte der Bundesrat den General mit der Bildung von Ortswehren. Ein Jahr später zählten diese gut 130'000 Mann. Leu trat 1942 bei, freiwillig, als 16-jähriger Gymnasialschüler. Die Aufgaben: Bekämpfung von Spionage, Überwachung, Abwehr, Verhindern von Panik, Fallschirmspringer festnehmen. Offiziell waren die Ortswehren nicht als Kampftruppen vorgesehen. Doch auf lokaler Ebene hatten die örtlichen Kommandaten das Sagen. Und diese interpretierten die Anordnungen von oben auf ihre Weise.

Dies erklärt, weshalb sich Leus Ortswehr-Truppe gegen einen Angriff der Nazis hätte stellen müssen – obwohl der Bundesrat keine Kampfhandlungen für sie vorsah. Hinterfragt wurde dies damals nicht. Auch wurde nie untersucht, wer die Weisung des Bundesrates abänderte. Doch Leu stellen sich heute Fragen: Wie lange hätten wir bestehen können? Was wäre bei einer Gefangennahme passiert? Konnte er als Halbuniformierter gemäss Genfer Konvention als Kämpfer gelten? «Womöglich wären wir als Spione und Heckenschützen hingerichtet worden», sagt Leu und fügt an: «Doch mit 16 denkt man nicht an den Tod.»

Nach dem Krieg zogen seine Eltern an der Panzersperre bei ihrem Garten Brombeeren und Himbeeren hoch. Später, als er das Haus erbte, spielten seine Kinder auf den Betonklötzen.

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