Reaktion
Im Aargau steigt das Interesse an Biogas – doch: «Kurzfristig werden wir das russische Gas nicht los»

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine gibt es bei den Aargauer Gasversorgern mehr Anfragen für Biogas. Einige Kundinnen und Kunden satteln ganz auf Biogas um. Aus der Leitung kommt aber nach wie vor Erdgas – auch aus Russland.

Noemi Lea Landolt
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Der Aargauer Energieversorger Eniwa produziert einen Teil des Biogases in eigenen Anlagen. Zum Beispiel in der ARA Reinach.

Der Aargauer Energieversorger Eniwa produziert einen Teil des Biogases in eigenen Anlagen. Zum Beispiel in der ARA Reinach.

Alex Spichale

Fast die Hälfte des Gases in Aargauer Haushalten kommt aus Russland. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist diese Abhängigkeit wieder vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Das spüren viele Gasversorger im Aargau. Kundinnen und Kunden suchen nach Alternativen und informieren sich deshalb vermehrt über Biogas.

Bei der SWL Energie AG in Lenzburg habe das Interesse am Thema seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine «sehr stark zugenommen», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Gian von Planta. Bei der Regionalwerke AG Baden (RWB) gab es laut Mediensprecher Gilles Tornare zwar nicht Hunderte von Anfragen, aber es gebe Kundinnen und Kunden, die sich nach Biogas erkundigen.

Interesse an alternativen Heizsystemen

Ebenfalls mehr Anfragen zum Thema Biogas verzeichnet die Eniwa AG, die unter anderem Aarau mit Gas versorgt und das Biogas in eigenen Anlagen in Reinach und im luzernischen Inwil produziert oder aus Dänemark oder dem Vereinigten Königreich bezieht.

«Bisher hatten wir fünf Kunden, die auf 100 Prozent Biogas umgestellt haben», sagt Mediensprecherin Andrea Portmann. Nebst Biogas sei die Kundschaft auch an Informationen über alternative Heizsysteme wie Fernwärme interessiert.

Ähnliches berichtet Margot Keist, Mediensprecherin der IBB Energie AG in Brugg: «Bisher haben zehn Kunden auf einen höheren Biogasanteil gewechselt.» Zudem habe es vermehrt Fragen zur Herkunft des Gases, zur Versorgungssicherheit sowie zu Alternativen zu Erdgas gegeben.

Biogas ist im Moment die einzige Alternative

Bei der IB Wohlen AG gab es bis jetzt rund ein halbes Dutzend Anfragen, wie Peter Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung, auf Anfrage sagt. «Bei einigen davon kam es auch bereits zu konkreten Abschlüssen.» Oft handle es sich um Kundinnen und Kunden, die bereits Biogas beziehen und ihr Kontingent auf bis zu 100 Prozent aufstocken möchten.

«Einige Kunden haben uns gegenüber auch klar geäussert, dass sie kein russisches Gas mehr beziehen wollen und darum nach Alternativen suchen.»

Im Moment sei Biogas die einzige Ausweichmöglichkeit für Kundinnen und Kunden, «die sicher sein möchten, dass sie kein Gas aus Russland mehr mitfinanzieren», sagt Peter Lehmann weiter. Anders als beim Strom existiert im Gashandel nämlich kein anerkanntes und umfassendes System von Herkunftsnachweisen.

Wer sich für Biogas entscheidet, treibt den Systemwandel voran

Mit einem Wechsel auf 100 Prozent Biogas werden zwar die CO2-Emissionen reduziert und das Geld fliesst nicht mehr nach Russland. Aber am Gasmix, der zu Hause aus der Leitung kommt, ändert sich nach dem Wechsel vorerst nichts. Gilles Tornare von der Regionalwerke AG Baden stellt denn auch klar:

«Kurzfristig werden wir das russische Gas nicht los. Das ist ein längerfristiger Prozess.»

Aber letztlich helfe jede Person mit, die sich für einen höheren Biogas-Anteil oder 100 Prozent Biogas entscheidet, «dass es längerfristig zu einem Systemwandel kommt». Denn Biogas-Kundinnen und -Kunden fördern den Ausbau der Biogas-Produktion.

Biogas ist teurer als Erdgas

Ein Wechsel auf 100 Prozent Biogas oder einen höheren Biogas-Anteil ist immer auch mit höheren Kosten verbunden. «Bei einem Jahresverbrauch für eine 150-Quadratmeter-Wohnung mit Baujahr ab 2000 steigen die Kosten bei einem Wechsel vom Standard-Produkt zum reinen Naturgasprodukt pro Monat im Schnitt um rund 30 Franken», rechnet Eniwa-Sprecherin Andrea Portmann vor.

Bei älteren Wohnungen oder Gebäuden könne der Preisanstieg auch doppelt so hoch sein. Auch Gian von Planta von der SWL AG sagt, noch sei Biogas «leicht teurer». «Das liegt aber nur daran, dass wir die Nachfrage nicht mit unserem eigenproduzierten Biogas decken können. Dieses ist schon heute günstiger als Erdgas.»

Raumtemperatur von 19 statt 20 °C spart 6 Prozent Gas

Von den angefragten Gasversorgern verzeichnet einzig die StWZ Energie AG in Zofingen nicht mehr Anfragen zum Thema Biogas. «Unsere Kunden wollen wegen des Ukraine-Kriegs nicht den Gasmix wechseln», teilt Mediensprecherin Claudia Beck mit.

Die Kundinnen und Kunden würden zwar vermehrt anrufen und sich nach der Herkunft des Gases informieren. Diese können die Gasversorger aber nicht beeinflussen, weil sie das Gas über Vorlieferanten auf europäischen Grosshandelsmärkten beziehen. Die StWZ rät ihrer Kundschaft deshalb, «möglichst effizient mit dem Gas umzugehen und so wenig Gas wie möglich zu verbrauchen».

Wer beispielsweise die Heiztemperatur im Wohnzimmer um ein Grad reduziert, könne damit den Gasbedarf für diesen Raum um rund sechs Prozent reduzieren, sagt Claudia Beck.