Corona
Ein mutiertes Virus in England stellt Weihnachten auf den Kopf: Zwei Aargauer erzählen

Die Grenzen Grossbritanniens sind zu. Zwei Aargauer mussten deswegen ihre Pläne für Weihnachten über Bord werfen. Feiern werden sie trotzdem, einfach anders. Und ohne ihre jeweiligen Familien.

Raphael Karpf
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Bruno und Anita Fischer in ihrer Quarantäne in Ehrendingen.

Bruno und Anita Fischer in ihrer Quarantäne in Ehrendingen.

zvg / Aargauer Zeitung

1: Weihnachten in Quarantäne

Bruno und Anita Fischer in ihrer Quarantäne in Ehrendingen.

Bruno und Anita Fischer in ihrer Quarantäne in Ehrendingen.

zvg / Aargauer Zeitung
Dieses Jahr wollten wir in die Schweiz kommen und Weihnachten mit unseren Kindern feiern. Das ging in die Hosen.

Bruno Fischer lacht kurz am Telefon. Auch sonst hört sich der 63-Jährige ziemlich entspannt an. Jetzt sei es etwas besser, sagt er. Am Tag nach dem Bescheid habe er sich mehr genervt. Jetzt sei es halt so. «Wir haben einfach Pech gehabt.»

Noch bis vor zwei Jahren hat Bruno Fischer aus Ehrendingen als Mechaniker gearbeitet. Als seine Frau Anita pensioniert wird, geht er in den vorzeitigen Ruhestand und die beiden wandern nach Schottland aus.

Wir wollten das Leben geniessen. Das kann man in Schottland.

Sie kaufen sich ein Haus in Comrie, einem 2000-Seelen-Dorf irgendwo dort, wo die Highlands beginnen. Eigentlich hätte er ursprünglich noch weiter hinausziehen wollen, mitten in die Highlands, die, wie er sagt, so ähnlich wie der Jura seien. «Aber man wird auch nicht jünger.» Und falls dann einmal etwas wäre, müsse man einen Arzt auch zuerst einmal erreichen.

In Comrie bauen sie sich ihr neues Leben auf. Zuerst den organisatorischen Teil: Beim Medical Center anmelden, Bankkonto eröffnen, Telefon registrieren. Dann machen sich die beiden an die Arbeit: Das Haus wird neu gestrichen und isoliert, Die Garage umgebaut in eine Werkstatt. Einen Ort für Bruno Fischer, an dem er basteln kann. Nach Schottland mitgenommen hat er auch seinen Seitenwagen. An dem arbeitet er, seit das öffentliche Leben eingeschränkt wurde. Und damit soll es dann auf Touren gehen.

Diese Touren in den Highlands: Die waren mit Gründe, wieso die Fischers ausgewandert sind. Schottland ist doppelt so gross wie die Schweiz, hat aber weniger Einwohner. «Hier hat man noch etwas Luft», sagt Bruno Fischer. Nicht wie in der Schweiz, wo immer mehr überbaut und alles bis ins kleinste Detail mit Gesetzen geregelt sei.

Ihr altes Leben, ihr Haus und drei erwachsene Kinder haben die Fischers in Ehrendingen zurückgelassen. Vergangene Weihnachten besuchten die Kinder die Eltern in Schottland. Heuer kamen Bruno und Anita in die Schweiz. Am Sonntag kamen sie beim jüngsten Sohn an, sie übernachteten in dessen Wohnung in Ehrendingen.

Am Montag beschliesst der Bund: Weil das Coronavirus im Süden Englands mutierte, werden die Grenzen nach Grossbritannien geschlossen, Einreisende müssen rückwirkend in Quarantäne. Bruno Fischer erfährt es von seiner Tochter, die es aus den Medien hatte. Er, seine Frau und nun auch der jüngste Sohn gehen daraufhin in Selbstquarantäne. Die offizielle Aufforderung, ein SMS, erhalten sie am Mittwoch. Das Weihnachtsessen mit allen Kindern inklusive Baum, Geschenken («aber nur kleine»), Dörrbohnen, Schinkli und frittierten Kartoffelwürfeln wird verschoben. Auf dann, «wenn wir wieder rauskönnen.»

2: Zweimal Weihnachten in London

Benjamin Fröhlich aus Mutschellen. Der Sänger und Schauspieler wohnt seit 8 Jahren in London.

Benjamin Fröhlich aus Mutschellen. Der Sänger und Schauspieler wohnt seit 8 Jahren in London.

zvg / Aargauer Zeitung

Weihnachten hat Benjamin Fröhlich bereits vergangenes Wochenende gefeiert. In seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Tottenham, zusammen mit seinem Lebenspartner und der Mitbewohnerin. Sie haben zusammen gekocht und Geschenke ausgetauscht. Das Fest haben sie vorgezogen, weil Fröhlich am 24. mit seiner Familie in Widen feiern wollte.

Dort ist der heute 37-Jährige aufgewachsen. In Baden ging er in die Kanti, in Zürich hat er studiert: Schauspieler und Sänger. Vor acht Jahren zog es ihn auf die Insel. London, West End, die grossen Theater: Sie haben Fröhlich angezogen. Inzwischen hat Fröhlich selbst Stücke geschrieben. Er hat bei x Produktionen mitgeholfen. Und er ist bei so bekannten Musicals wie «Rent» auf der Bühne gestanden.

Seit knapp einem Jahr steht West End aber still, Aufführungen werden frühstens wieder im Juni stattfinden.

Wir haben versucht, im Kleinen aufzutreten. Das war aber natürlich schwierig. Gerade weil sich die Lage andauernd verändert.

Also hat Fröhlich sich angepasst. Er hat «Die Zauberorgel», ein Familienmusical von Jörg Schneider, auf Englisch übersetzt. Und daraus mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, alle jeweils von sich zu Hause aus, ein Werk geschaffen. Zu sehen sind jeweils die Köpfe, per Zoom aufgenommen, die miteinander reden und singen. Eingebettet ist das Ganze in eine virtuelle Welt. «Als Künstler findet man immer etwas, um kreativ zu sein», sagt Fröhlich. «Die Frage ist nur, ob man dafür auch bezahlt wird.»

Die erste Episode des Werks:

Aufgeben möchte, und muss, Fröhlich aber nicht. Künstler seien in England fast alle Freischaffend, erzählt er. Das war in dieser Situation, nebst all den Schwierigkeiten, auch ein Vorteil: Alle Freischaffenden, aus den verschiedensten Branchen, haben zusammen eine starke Lobby gebildet. Diese hatte offenbar Erfolg. «Es war ein Kampf und ist es immer noch. Aber ich hatte Glück und bekam vom Staat zumindest eine kleine Unterstützung.»

Seit im Süden Englands eine mutierte Version des Coronavirus entdeckt wurde, ist auch London im Lockdown. Die Läden sind geschlossen, Lebensmittelgeschäfte ausgenommen. Besuche in anderen Haushalten sind verboten. Auch über Weihnachten. Damit sind auch Fröhlichs Weihnachtspläne gestorben. Der Flug am 24. war bereits gebucht. Er wäre nach Widen gekommen, zu seinen Eltern und Geschwistern, sie hätten zusammen gekocht (jedes Jahr etwas anderes, jedes Familienmitglied steuert jeweils etwas zum Festmahl bei) und Geschenke unter dem Baum ausgetauscht. «Das Fest an sich ist mir ja eigentlich egal. Aber das Leben und die Familie hätte ich gerne gefeiert. Sie vermisse ich.»

Stattdessen feiert er Weihnachten in London – nochmals. Nur im kleinen Rahmen diesmal. Und dann?

Ich bin hoffnungsvoll, dass es wieder anders wird und ich wieder auf Bühnen stehen kann.

Bis es soweit ist, plant und schreibt er eigene Produktionen. Und er hat sich um eine Teilzeitstelle in einer anderen Branche beworben: Vor dem Schauspielstudium hat er vier Jahre Medizin studiert. Er hat sich gemeldet, um bei den Impfungen in England mitzuhelfen.