Kantonsbibliothek Aarau
Dieses Dokument ist das «Who is Who» der alten Eidgenossenschaft

Die Acta Helvetica beinhaltet unbezahlbare Informationen zur Geschichte der frühen Neuzeit. Der Schatz wurde aus dem Archiv befreit, aus einer unerschöpflichen Fundgrube ist ein wichtiges Forschungsinstrument entstanden ist.

Jörg Meier
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Eines von 35000 analysierten Dokumenten der Acta Helvetica. HO

Eines von 35000 analysierten Dokumenten der Acta Helvetica. HO

Wie die Acta Helvetica nach Aarau kam

Beat Fidel Zurlauben (1720– 1799), letzter Nachkomme der Zurlauben-Dynastie, steckte in argen Geldnöten. Er verkaufte die wertvolle Privatbibliothek samt Archiv 1795 dem Kloster Sankt Blasien im Schwarzwald. Doch dann bekam die helvetische Regierung Wind von der Sache und beschlagnahmte das Erbe der Familie Zurlauben. Nach längerem Streit mit dem Kloster Sankt Blasien, wurde der Zurlauben-Nachlass von der helvetischen Republik
gekauft und im Januar 1803 in Aarau zwischengelagert. Doch nur wenige Wochen nach dem Kauf gab es die helvetische Republik bereits nicht mehr. Bücher und Archiv blieben trotzdem in Aarau.
Der neue Kanton Aargau erwarb den gesamten Zurlauben-Nachlass und legte damit den Grundstock für die Aargauer Kantonsbibliothek. Der Kaufpreis betrug 19 000 Franken,
was damals etwa einem Jahresgehalt für 200 Lehrer entsprach. (jm)

1973 wurde das wissenschaftliche Projekt zur Erschliessung der Acta Helvetica durch den Kanton Aargau und den Schweizerischen Nationalfonds unter finanzieller Beteiligung des Kantons und der Stadt Zug sowie der Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Solothurn und Luzern lanciert. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 20 Millionen Franken; die Aufwendungen für die Infrastruktur gingen zulasten des Kantons Aargau.

Militärische Unternehmer

Die Acta Helvetica ist Teil der rund 9000 Titel umfassenden Sammlung «Zurlaubiana», die im Besitz der Aargauer Kantonsbibliothek ist und auf die Zuger Magistratenfamilie Zurlauben zurückgeht. Die Mitglieder der Familie Zurlauben waren militärische Unternehmer, die vom 16. bis 18. Jahrhundert vorwiegend durch das Rekrutieren von Söldnern reich geworden waren.

Doch was hat nun die Auswertung der 35 000 zwar gebundenen, aber völlig ungeordneten und unzusammenhängenden Dokumente für neue Erkenntnisse gebracht?

Die Dokumente seien ein eindrücklicher Beleg für die Bedeutung der Familie Zurlauben und für ihren Einfluss, den sie auf das politische und gesellschaftliche Leben in der Eidgenossenschaft, aber auch in Frankreich und dem restlichen Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ausgeübt hat, erklärte Bruno Meier. Darüber hinaus erweist sich die entschlüsselte Acta Helvetica nun aber auch als ideale Grundlage für historische Forschung zu den verschiedensten historischen Bereichen, über die bisher wenig bekannt ist.

Kaspar von Greyerz, Mitglied der Zurlauben-Kommission, nannte gleich einige Beispiele: In der Acta Helvetica ist eine Männerwelt abgebildet, sie zeigt die Rollenverteilung in einer aristokratischen Familie. Und sie erlaubt einen bisher unbekannten Einblick in das Soldwesen in der alten Eidgenossenschaft. «Eines ist klar», sagte von Greyerz. «Die Zurlaubens waren keine Philantropen.»

Mächtig auch im Freiamt

Die Zurlaubens warben Söldner an, hatten zeitweise eigene Kompanien. Die Erforschung der Dokumente könnte genauere Hinweise über die Mechanismen und Praktiken ihrer Herrschaft-
erhaltung Auskunft geben.

Die ausgewertete Acta Helvetica lässt sich, dank dem akribisch erstellten Namensregister, zudem als «Who is Who» der alten Eidgenossenschaft verwenden. Die Macht der Familie Zurlauben reichte auch weit in den Aargau. So besass sie im Freiamt grosse Ländereien und hatte dort ein grosses Rekrutierungsgebiet; einer aus der Familie – Placidus Zurlauben – war nicht nur Abt im Kloster Muri, sondern erhielt auch den Titel Reichsfürst.

Fast 200 Jahre lang lag der Schatz im Archiv der Kantonsbibliothek. Dass er wertvoll ist, wusste man schon lange. Nun ist er endlich gehoben. Aber wie wertvoll und reichhaltig er ist, welche Überraschungen es noch zu entdecken gibt – damit werden sich die Historiker in den nächsten Jahren befassen.

Und was den interessierten Laien besonders freut: Ab sofort sind alle 186 Bände mit sämtlichen Dokumenten auch digital erfasst.