Sandra Stamm
"Die Sozialversicherungen erbringen weniger Leistungen als in den Vorjahren"

Sandra Stamm, Leiterin der Sektion Öffentliche Sozialhilfe beim Kanton Aargau, erklärt im Interview, für wen die Gefahr am höchsten ist, in der Sozialhilfe zu landen.

Mathias Küng
Drucken
Teilen

Der Anstieg in der Sozialhilfe ist beunruhigend hoch. Worauf führen Sie ihn zurück?

Sandra Stamm: Zum einen erlebt der Kanton Aargau eine starke Zuwanderung. Proportional dazu gibt es auch mehr Sozialhilfefälle. Zum andern ist die wirtschaftliche Situation gerade für Personen ohne oder mit einer schlechten Ausbildung ungünstig – unabhängig von der Nationalität. Für Leute ohne Ausbildung sind immer weniger einfache berufliche Tätigkeiten im Angebot.

Steigt die Zahl auch, weil zum Beispiel in der Invalidenversicherung die Schraube angezogen wurde?

Das ist schwer zu beantworten. Manche Sozialhilfebehörden sagen das. Die Zahlen der Sozialversicherung Aargau sind aber nicht so eindeutig. Es stimmt hingegen, dass die Sozialversicherungen insgesamt weniger Leistungen erbringen als in den Vorjahren.

Alarmierend ist die Zunahme bei den 46- bis 64-Jährigen. Warum dies?

Darunter sind viele Alleinerziehende, deren Zahl zunimmt, sowie Working Poors. Das sind Menschen, die trotz Arbeit zu wenig zum Leben haben.

Wie stark trifft es gut ausgebildete über 50-Jährige, die nichts finden?

Schlecht Qualifizierte haben in jedem Alter deutlich mehr Mühe, wieder eine Stelle zu finden. 40 Prozent aller Sozialhilfebeziehenden ab 18 Jahren haben keine abgeschlossene Ausbildung. Wer eine universitäre oder höhere Fachausbildung hat, benötigt nur sehr selten Sozialhilfe. Die Altersgruppe von 46 bis 64 Jahren zeigt jedoch eine starke Zunahme an Sozialhilfebeziehenden im Vergleich zu 2006. Dies betrifft Personen mit oder ohne Ausbildung.

Für wen ist das Sozialhilferisiko am grössten?

Das gilt für Personen ohne Ausbildung, für Familien mit Kindern und für Alleinerziehende. Bei Geschiedenen trifft es Frauen stärker als Männer. Aber auch geschiedene Männer haben eine höhere Sozialhilfequote. Am stärksten betroffen sind aber Kinder und Jugendliche – über ihre Eltern.

Bei den Ausländern machen Afrikaner bereits 15 Prozent der Sozialhilfebezüger aus. Wie kommt das, es sind doch gar nicht so viele hier?

Menschen gerade aus Somalia und Eritrea, die als Flüchtlinge kamen, die aber nicht mehr in der Flüchtlingsstatistik sind, haben meist keine Ausbildung. Sie finden nur schwer eine Arbeit, von der sie leben können. Das war in früheren Jahren bei Flüchtlingen beispielsweise aus dem Kosovo oder aus Sri Lanka einst nicht anders. Heute ist insbesondere die zweite Generation gut integriert.

Aktuelle Nachrichten