PILGERSERIE, TEIL 2
Die Pforte der Einsiedelei bleibt zu – die zweite Nacht unter freiem Himmel

Wo früher Waldbrüder und Kapuziner waren, leben heute drei Franziskanerinnen. Beim Besuch in der Einsiedelei öffnet sich die Pforte jedoch nicht.

Eddy Schambron
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Freiämterweg Pilgern Serie (2)
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Die Emauskapelle in Zufikon ist ein idealer Ort für den stillen Rückzug.
Rast im Zopfhau, auch das gehört zum Pilgern.

Freiämterweg Pilgern Serie (2)

Eddy Schambron

Der Versuch bleibt erfolglos: Von Wohlen herkommend war die Idee, in der Einsiedelei St. Antonius zu Emaus in Zufikon für die Nacht Unterschlupf zu suchen. Hier, an der zweiten Station der Pilgerreise auf dem Freiämterweg, leben noch drei Franziskaner-Ordensschwestern. Doch die Pforte öffnet sich nicht.

Entweder sind die Schwestern nicht da oder sie halten sich zurückgezogen. Es folgt damit die zweite Nacht unter freiem Himmel, in der Hängematte, inklusive erfrischenden Bades in der nahen Reuss. Eines ist hier wie auf dem Weg nach Santiago di Compostela: Die Temperaturen sind mit 30 Grad Celsius praktisch identisch.

Lesen Sie die weiteren Erfahrungsberichte unserer Serie «Pilgern auf dem Freiämterweg»:

Im schönen, umschlossenen Hof der Einsiedelei suche ich den Schatten und lasse die Ruhe und den Frieden dieses Ortes auf mich wirken. Die Einsiedelei hat mir immer gefallen, was mit ein Grund war, hier zu heiraten. Das Kirchlein samt Klause wurde im Emaus 1576 zu Ehren der Muttergottes und des heiligen Antonius Eremita erbaut.

Seine Entwicklung verdankt das Antonius-Heiligtum engagierten Pfarrpersönlichkeiten zu verschiedenen Zeiten. Nach Errichtung eines Priesterheims 1951 bezogen 1955 im Emaus drei Kapuziner Quartier. 1992 lösten die Franziskaner-Schwestern die Kapuziner ab. Eigentümerin ist heute die Stiftung Emaus, mit Sitz in Zufikon, welche sich für den Erhalt von Kapelle, Wohnhaus und Umgebung der Einsiedelei einsetzt.

Viele Sorgen

Schliesst man die Augen und hört nur noch das Vogelgezwitscher, kann man sich gut vorstellen, wie hier vor vielen Jahren Mönche im stillen Gebet um den mittigen Brunnen und vorbei an der übergrossen Bruder-Klaus-Statue schritten, von der lauten Welt abgeschirmt. Auch in der Kapelle, die einen ursprünglichen, einfachen Charakter bewahrt hat, ist die Spiritualität dieses Ortes spürbar.

Ich setze mich auf einen der Holzbänke, betrachte die Wandbilder und Statuen. In der Kapelle ist nichts zu hören als hin und wieder das Knirschen vorbeirollender Veloreifen oder ein paar laute Vögel. Für die Verehrung der Mutter Gottes führt eine schmale Treppe in die Krypta, in der einige Opferkerzen brennen. Die Anliegen im aufliegenden Fürbittenbuch sind vielfältig. «Lieber Gott, hilf dass unsere Tochter wieder auf den richtigen Weg findet», steht etwa geschrieben. «Bitte um Gesundheit für Markus.»

Ausrüstung: Möglichst wenig Gewicht

Pilgern ist auch die Beschränkung auf das Notwendige. Fachleute empfehlen, dass das Gepäck nicht mehr als 15 Prozent des eigenen Körpergewichts wiegen sollte. Dafür sollte ein Rucksack mit einem Fassungsvermögen von 45 Litern genügen. Diese Vorgabe zu erfüllen, ist ein ehrgeiziges Ziel und verlangt bei längeren Pilgerreisen, dass die Wäsche unterwegs gewaschen wird. Wer in der Natur übernachten will, muss mehr Gewicht in Kauf nehmen (Zelt, Isomatte). Gewichtsoptimierungen sind bei verschiedenen Gegenständen möglich. Wiegt ein normaler, leichter Schlafsack noch 500 Gramm, gibt es Seidenschlafsäcke die noch knapp die Hälfte an
Gewicht auf die Waage bringen. In die Toilettentasche wandern nur kleine
Portionen an Shampoo oder Zahnpasta, das spart Platz und Gewicht. «Sicherheitshalber auf Vorrat» sollte man nichts mitnehmen, denn unterwegs kann man unerwartet benötigte Artikel auch kaufen. Eine Packliste zum Pilgern gibt es auf www.pilgern.ch. (es)

Viele Einträge zeugen von Dankbarkeit: «Grazio Dio». «Thank you God and please help me.» «Danke dass Du Herr deine Kinder so mit deinem Segen überschüttest.» Die zahlreichen Einträge zeigen, dass die Kapelle Emaus für viele Menschen aus verschiedenen Gegenden und sogar Kulturen offensichtlich ein wichtiger Ort ist für das Gebet, zum Schöpfen von Hoffnung und zur Danksagung.

Auch Kinder finden hierher, um ihre Bitten und Sorgen hinzuschreiben oder mit einer kleinen Zeichnung auszudrücken. Im nahen Bremgarten lohnt sich auch der Besuch der denkmalgeschützten Stadtkirche St. Nikolaus und des ehemalige Kapuzinerklosters und der Klosterkirche, die sich in der unteren Vorstadt nahe dem Südende der hölzernen Reussbrücke befinden. Ein ehemaliges Kloster steht auch in Niederwil, das Kloster Gnadenthal.

Hochzeitstag vergessen

Vor genau 36 Jahren heirateten meine Frau und ich hier, getraut von einem befreundeten Kapuziner. Ich lasse unsere Hochzeit vor dem geistigen Auge durchziehen, das Gefühl von damals taucht auf. Liebe Menschen, die schon längst nicht mehr leben oder inzwischen sehr alt sind, nehmen wieder Gestalt an. Sogar das Thema der Predigt von Pater Nestor ist mir noch präsent. Die seither mit meiner Frau verbrachten Jahre rufen sich mit Bildern und Gefühlen in Erinnerung. Ich befinde mich auf dieser Pilgerreise auf den Tag genau nach 36 Jahren wieder im kleinen Hof der Einsiedelei und in der Kapelle – und ich realisiere es nicht. Ich tue das erst, als ich wieder zu Hause bin und mir meine Frau – grosszügig und nachsichtig – eröffnet, dass ich den Hochzeitstag vergessen hätte. Wir holen es nach, nicht in der Einsiedelei, sondern jetzt, in den Ferien. Versprochen.

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