Krise
Das Kino darbt, und der Kanton trödelt: Der Leidensweg der dunklen Säle im Aargau

Das Kino erlebt eine monumentale Krise. Wegen Corona, aber auch weil die vom Bund gesprochenen ­Millionen im Aargau bei einigen Betrieben noch ausstehen. Wir haben uns im Kino-Kanton Aargau umgehört.

Sébastian Lavoyer, Jocelyn Daloz
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Jocelyn Daloz

Die Kino-Welt steht Kopf. Oder eher: Sie spielt verrückt.

Denn eigentlich liegt sie ja flach. Beispiele gefällig?

Kleine Kinos verzeichnen am meisten Eintritte

An einem Tag vorletzte Woche verzeichnete das Kino Fricks Monti in Frick mit zusammengerechnet rund 60 zahlenden Besucherinnen und Besuchern am meisten Kinoeintritte aller ­Kinos in der Schweiz.

Dabei gehört das von Philipp Weiss und Martina Welti betriebene Kino mit knapp über 170 Plätzen auch im Kanton keineswegs zu den Grossen.

Das trifft auch nicht auf die ­Kinomansarde in Muri zu, die ehrenamtlich geführt wird und beim neuesten Film von Rolf Lyssy, «Eden für jeden», am meisten Eintritte verzeichnete. Kleine Kinos in der Provinz an der Schweizer Spitze? Das hat Weiss in fast 30 Jahren Kino-Business noch nie erlebt.

Philipp Weiss und Martina Welti, Kino Monti, Frick

Philipp Weiss und Martina Welti, Kino Monti, Frick

Thomas Wehrli / FRI

Keine Filme, Einschränkungen, kaum Publikum

Die Kinos dürfen zwar noch offen haben, aber nur fünfzig Leute in einen Saal empfangen. Und der Bundesrat wird nicht müde, zu betonen, dass man sich zurückhalten solle. Eine schizophrene Situation, das empfinden jedenfalls die Kinobetreiber im Kanton so. Man macht trotzdem weiter. Mit reduziertem Programm natürlich. Schliesslich gibt es kaum Kinopremieren.

«Wenn Frau Merkel Anfang Dezember entscheidet, Deutschland für vier Wochen quasi zu schliessen, hat das für uns fatale Auswirkungen. Es kommen praktisch gar keine Filme mehr heraus», sagt Rolf Portmann, Besitzer der Kino Aarau AG und damit Betreiber von sechs Kinos in der Kantonshauptstadt.

Rolf Portmann, Kino-Besitzer, Kino Schloss, Aarau, 14. Februar 2019.

Rolf Portmann, Kino-Besitzer, Kino Schloss, Aarau, 14. Februar 2019.

Alex Spichale / AAR

Und falls doch Filme herauskommen, entgehen sie der Aufmerksamkeit, wie Isabelle Arnold vom Cinepol in Sins erklärt:

Die Leute wissen gar nicht, was läuft. Die Verleiher oder Kinos machen kaum Werbung, um Kosten zu sparen. Menschen sind sich manchmal gar nicht bewusst, dass wir überhaupt offen haben.

Von den amerikanischen Filmen, den Blockbusters, gar nicht zu reden. Nur Warner hat versucht, wenigstens einige Filme zu zeigen – Christopher Nolans «Tenet» hat vielen die Saison zumindest teilweise gerettet. «Warner hat Kinos unterstützt», sagt Arnold dankbar. Nicht aber James Bond, wohl öfter verschoben als der zweite Lockdown in der Schweiz.

Jsabelle Arnold mit dem neuen Bühnentrapez in Kino Cinepol in Sins.

Jsabelle Arnold mit dem neuen Bühnentrapez in Kino Cinepol in Sins.

Eddy Schambron / FRE

Fernsehen war schlimm - Corona noch schlimmer

Und das ist ja noch gar nicht alles – die Folgeschäden kommen erst noch. «In Amerika kann derzeit doch kaum produziert werden, da ist doch fast alles stillgelegt.

Was hat das für Folgen für das Kino in einem oder zwei Jahren?», fragt Madeleine-C. Baumann, Mitbetreiberin der Lichtspieltheater AG, einem Familienbetrieb aus Lenzburg. Geführt in der vierten Generation. Sie, ihr Mann, ihr gemeinsamer Sohn und ihre Schwägerin betreiben die Kinos Löwen und Urban in Lenzburg. Seit 1975 ist sie selbst in der Branche und sie sagt: «Das Fernsehen hat die Kinos damals in die Krise gestürzt, aber Corona ist schlimmer als alles.»

«Eigentlich ist es 1 ab 12»

Die Umsätze betragen zwischen 15 und 40 Prozent des Umsatzes der letzten Jahre. Die Reserven schmelzen wie der Schnee im Sommer. Trotz Kurzarbeit. Und obwohl viele der Betreiber die Liegenschaften, in denen die Kinos untergebracht sind, auch besitzen, also keine Miete zahlen. «Eigentlich ist es 1 ab 12», sagt Portmann. Und weiter:

Alles ist aufgebraucht und wir schreiben trotzdem keine schwarze Null, sondern nach wie vor rote Zahlen!

Jene, die sich über verschiedene Erlebnisbereiche oder andere Tätigkeiten im Gastrobereich oder in der Unterhaltung querfinanzieren, sind etwas besser dran.

In Schöftland betreibt Rolf Häfeli in seiner «Erlebniswelt» Cinema 8 neben fünf Kinosälen auch eine Bowlinganlage, mehrere Restaurants, ein Hotel und einer Brauerei. Theoretisch möchte er diesen Monat fünf Escape-Rooms auftun und nächstes Jahr eine Gokart-Bahn. Er geht nicht davon aus, dass er schliessen muss, aber auch er bekommt einiges ab: «Ich bin sehr breit aufgestellt. Eine einfache Zeit ist es trotzdem nicht.»

Der Kanton hat Hilfe versprochen - aber kommt mit der Nachfrage nicht klar

Man fragt sich, warum die Situation so angespannt sein muss. Denn eigentlich hat der Bundesrat im Frühling Geld gesprochen, um der Kultur und damit auch den Kinos unter die Arme zu greifen. Schon wenige Tage nach dem Lockdown sprach er 280 Millionen Franken, 195 Millionen für Ausfälle. Der Kanton Aargau sollte sich zur Hälfte an einem Unterstützungspaket von 17 Millionen beteiligen und hat zudem fünf Millionen aus dem Swisslos-Fonds bereitgestellt.

Das Problem: Er konnte die Antragsflut nur langsam und mühselig stemmen. Immerhin konnten mittlerweile 86% der 334 bis am 20. September eingegangenen Gesuche bearbeitet werden; der Kanton hat 5,5 Millionen Franken bereits ausgezahlt und verspricht, bis Ende Jahr alle restlichen Gesuche zu bearbeiten und die Beträge bis Februar 2021 auszuzahlen.

Eine riesige administrative Hürde

Für viele dürfte die Unterstützung kein Tag zu früh kommen – und die Gesuche waren eine titanische Aufgabe, wie das Beispiel von Alexandra Sterk zeigt: Sie führt gemeinsam mit ihren Geschwistern zehn Kinosäle in Baden und Wettingen. Seit Juli sei man daran, das Gesuch an den Kanton einzureichen.

Alles habe man nachweisen müssen, Lohnblätter von Monats- und Stundenlöhnen von 75 Mitarbeitenden, AHV-, ALV-Zahlungen, Mietkosten und -verträge, Stromrechnungen... In Frick wartet Philipp Weiss nach etlichen Nachlieferungen von Zahlen und Angaben ebenfalls auf eine Unterstützung, den genauen Betrag weiss er immer noch nicht: «Das macht die Planung nicht einfacher.» Derweil haben die Kinos in Solothurn, Bern oder im Wallis ihr Geld längst erhalten.

Alexandra Sterk führt mit ihren Geschwistern Kinos in Baden und Wettingen.

Alexandra Sterk führt mit ihren Geschwistern Kinos in Baden und Wettingen.

CH Media

Gar nicht erst einen Antrag gestellt haben die Baumanns aus Lenzburg. Sie hätten ihren Buchhalter gefragt, was sie machen sollten. Sein Rat: «Lasst es sein!» Sein Honorar für die Arbeit sei höher als das, was er für sie rausholen könne. «Und ich vertraue diesem Mann blind», sagt Madeleine-C. Baumann.

Sie haben sonst alles runtergefahren, um Kosten zu sparen. Kurzarbeit gibt es nur für ihren Sohn; sie, ihr Mann und dessen Schwestern verdienen derzeit nichts, leben von der AHV und dem Ersparten – und arbeiten trotzdem weiter.

Die Ausfallentschädigungen werden nicht ausreichen

Andere haben schon Geld bekommen. Portmann aus Aarau zum Beispiel. Nach mehrfachem Drängen bei Politikern hat er letzte Woche eine Zahlung erhalten. «Die Beträge reichen schlicht nicht, meine Kosten zu decken», sagt er.

Und das Weihnachtsgeschäft mit Kino­gutscheinen lahme wie nie. Er sei noch nicht einmal bei einem Prozent der Verkäufe des letzten Jahres und im Januar kämen die Rechnungen für Versicherungen und Pensionskassen. Sein Fazit: «Das wird richtig hart.»

Ihrerseits kann Isabelle Arnold «nicht bestätigen, dass es kompliziert war. Bei uns ist es relativ reibungslos gegangen». Wobei auch sie sagt, dass es etliche Anrufe bei der Sachbearbeiterin gebraucht habe, bei der sie sogar fragte: «Wollt ihr überhaupt noch Kinos haben?»

Sie zeigt aber Verständnis mit den kantonalen Behörden: «Es ist auch für die nicht einfach, sie waren selbst überrumpelt.»

Kino ist mehr als ein Geschäft – es ist eine Leidenschaft

Die Kinolandschaft im Aargau – wie im Rest der Schweiz – ist geprägt von Familienbetrieben und Überzeugungstätern, wie Rolf Häfeli sagt: «Es ist die schönste Art, ein Film zu schauen. Kino ist meine Leidenschaft, das wollte ich schon immer machen.» In Wohlen hat Sascha Heubacher das alte Kino Rex ersteigert und plant, nächstes Jahr drei Säle zu eröffnen – ein Jugendtraum aus der Zeit, als er Billettkontrolleur war. Alexandra Sterk sagt:

Das ist ähnlich wie beim Zirkus. Wenn du damit aufwächst, ist man mit dem Kinovirus wohl einfach infiziert

Die Leidensbereitschaft ist also besonders hoch, auch wenn eine gewisse Müdigkeit sich breit macht; falls der Bundesrat weitere Verschärfungen beschliesst, wird die Kinomansarde in Muri, die saisonal von September bis März offen hat, am gleichen Tag die letzte Vorstellung der Saison halten.

Und die Herausforderungen bleiben. «Der Druck durch Streamingangebote ist immens», sagt Sterk. Und wer leistet sich in diesen Tagen keines? Trotzdem sind sie alle überzeugt: Das Kino wird leben, sobald es wieder kann. «Bei den Filmen im Kino ist es wie mit dem Bier in der Bar. Das könnte man zwar auch mit Freunden zu Hause trinken, aber es wäre nicht das gleiche», sagt Sterk. Corona ist eine gewaltige Herausforderung mit jahrelangen Konsequenzen. Aber nicht das Ende.