Im Tresor einer Schweizer Bank wurde ein Bild entdeckt, das von Leonardo da Vinci stammen könnte (siehe Box). Wie das italienische Magazin «Sette» letzte Woche berichtete, gehöre das Bild einer italienischen Familie aus Turgi. Deren Sammlung umfasse rund 400 Bilder, die sich seit mindestens dem Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz befänden. Die Vorfahren der heutigen Besitzer hätten die Bilder wohl erworben, heisst es im Zeitungsartikel weiter.

Während Experten diskutieren, ob es tatsächlich Leonardo da Vinci war, der das Bild malte, wird in Turgi gerätselt, welcher Familie im Dorf das Werk gehören könnte. Alteingesessene Turgemer geben Auskunft, sie wollen aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen; denn man könne nur spekulieren, alle Überlegungen seien nur Vermutungen, sagen sie.

Immer wieder derselbe Name

Und dennoch ist es auffällig, dass immer wieder dieselben Namen fallen – die im Stammbaum mit einem Vorfahren verbunden sind, auf den die wenigen Angaben der italienischen Zeitung ziemlich genau zutreffen: Peter Zai (1855–1936), geboren in Tarcento im Friaul, einer Gemeinde wenige Kilometer von Udine entfernt in der nordöstlichsten Ecke Italiens.

Es könne ja kein armer Schlucker gewesen sein, der so ein wertvolles Bild besass, sagt man in Turgi. Peter Zai stammte aus einer alten Patrizierfamilie und trat 1872 im Alter von 16 Jahren als Volontär in die Firma Heinrich Bebié ein, um Deutsch zu lernen und dann am Polytechnikum zu studieren. Schon im nächsten Jahr heiratete er Katharina Kappeler, die Tochter des Turgemer Spinnereibesitzers Louis Kappeler-Bebié, mit der er Kinder hatte. Wenige Jahre später übernahm Peter Zai die Führung des Unternehmens, wie es im Buch «Chronik von Turgi» heisst.

Enkelin: «Er war ein Kunstliebhaber»

1901 starb Katharina Zai, und Peter Zai krempelte sein Leben um. Als «Katharinastiftung» wollte er die Spinnerei an die Arbeiter übergeben, ein im Sinne eines späten utopischen Sozialismus gewagter Vorstoss, wie es auf der Website der Gemeinde Turgi heisst. Doch das Projekt scheiterte wegen Unstimmigkeiten zwischen den Firmenteilhabern, und Peter Zai startete in Kerns im Kanton Obwalden ein neues Leben, heiratete erneut.

Noch heute lebt in Kerns seine Enkeltochter Beatrice Zai. «Dass mein Grossvater möglicherweise ein Bild von Leonardo da Vinci besass, war mir nie bewusst», sagt sie. «Aber mein Grossvater war ein Kunstliebhaber.» Im Haus habe er viele Bilder gelagert. «An den Wänden hingen neben Jagd- und anderen Bildern viele Werke des seinerzeit beliebten und bekannten Malers Zini aus Venedig», erinnert sie sich. Es sei naheliegend, dass auch Werke berühmter Maler im Besitze ihres Grossvaters gewesen seien, erzählt Beatrice Zai.

Ihr Grossvater habe Nachkommen, die in Amerika leben würden, zu diesen habe sie aber keinen Kontakt, sagt sie. Seit Jahrzehnten habe sie auch keinen Kontakt zum Familienzweig in Turgi. Der Vater von Peter Zai sei übrigens als «Haudegen» bekannt und mit Italiens Freiheitsheld Giuseppe Garibaldi in Südamerika unterwegs gewesen.

Zurück nach Turgi: Dort wird gemunkelt, es lebten noch Nachfahren Zais im Dorf, die inzwischen aber andere Familiennamen tragen würden. Von diesen genannten Familien war am Donnerstag und Freitag niemand erreichbar. Vielleicht, sagt ein Turgemer, bleibe die Wahrheit über die Besitzverhältnisse des Bildes ebenso für immer ein Rätsel wie die Frage, ob das Bild tatsächlich von da Vinci persönlich gemalt wurde.