Corona-Virus

Corona-Krise bringt noch nie dagewesene Leere ins Shoppi Tivoli – «Wir hoffen in vier Wochen ist es durch»

Das Shoppi Tivoli in Spreitenbach nach dem Lockdown

Das Shoppi Tivoli in Spreitenbach nach dem Lockdown

Viele Läden sind geschlossen, einige noch geöffnet. CEO und Center-Leiter Patrick Stäuble beantwortet die wichtigsten Fragen und schildert seine Eindrücke am Tag 1 nach dem Lockdown im grössten Einkaufszentrum der Schweiz.

Die Gänge im Shoppi Tivoli Spreitenbach sind praktisch leer. Von den 150 Läden sind fast alle vergittert. Die aktuelle Notlage trifft das grösste Einkaufscenter im Aargau mit voller Wucht. Ein Vormittag an einem Ort, an dem nichts mehr ist, wie wir es kennen.

Das Parkhaus ist eine Stunde nach Ladenöffnung praktisch leer. Die Rolltreppe fährt am Micasa vorbei. Der Möbelladen ist dunkel, das Gitter heruntergefahren. In der Tivoli Mall dasselbe Bild: Zara zu, Starbucks zu, Conforama zu, H&M zu. Im C&A stehen zwei Männer in Arbeitskleidern hinter dem Gitter. Der Kleiderladen wird gerade umgebaut. Die beiden dürfen noch arbeiten. Ohne Kundschaft, haben sie ihre Ruhe. «Kommt Ihnen das gelegen?» – «Gelegen kommt das Ganze niemandem.»

Das Shoppi Tivoli Spreitenbach ist eine Hochburg für Fashion, Beauty und Lifestyle – so steht es auf der Website. Über 150 Läden und Restaurants locken die Menschen nach Spreitenbach. Vor 50 Jahren wurde das Einkaufszentrum eröffnet. Die Planer wollten damals bewusst keinen reinen Konsumtempel bauen. Das Shoppi sollte auch ein Ort sein, an dem man sich trifft.

Seit der Bundesrat am Montag die Notlage ausgerufen hat, ist alles anders. Die Gänge sind leer, die Läden dunkel, nur vereinzelt leuchten Reklamen hinter den Gittern. Die Musik, die normalerweise von Stimmengewirr übertönt wird, hört man plötzlich klar.

Neben vereinzelten Kundinnen und Kunden sind im Shoppi am Dienstag vor allem Mitarbeitende oder Handwerker anzutreffen. Sara Itel ist Dekorateurin in der Müller Drogerie. Sie kommt alle zwei Wochen ins Tivoli, um die Schaufester zu dekorieren. Kurz vor Arbeitsbeginn sitzt sie auf einem Sessel beim geschlossenen Starbucks. «Ich habe das Gefühl, dass es heute für längere Zeit das letzte Mal ist», sagt sie.

Am Gitter bei der Hediger Textilpflege hängt ein handgeschriebener Zettel mit dem Hinweis, dass sich Kundinnen und Kunden, die ihre Kleider abholen möchten, telefonisch melden können. «Dann können wir einen Termin vereinbaren. Tut mir Leid.»

Kinderparadies nur noch für Kinder der Mitarbeitenden

Die Leere ist auch neu für Patrick Stäuble. Er ist seit vielen Jahren Centerleiter und CEO des Shoppi Tivoli. Eine Situation wie in den letzten Wochen habe er noch nie erlebt. «Wir müssen nun versuchen, das Beste daraus zu machen und darauf hoffen, dass in vier Wochen alles vorbei ist und die Normalität wieder einkehren kann», sagt er. Zur Normalität gehört auch, dass sich im Shoppi junge Menschen treffen. Im Moment soll das Einkaufszentrum aber kein Treffpunkt sein. «Das können wir nicht tolerieren. Unser Sicherheitspersonal würde entsprechend eingreifen und die Jugendlichen bitten, das Shoppi zu verlassen», sagt Patrick Stäuble.

Eltern, die im Shoppi einkaufen, können ihre Kinder im Moment auch nicht im Kinderparadies abgeben. Dieses ist zwar noch offen. Betreut werden aber nur die Kinder jener Mitarbeitenden, die keine andere Lösung für die Kinderbetreuung finden konnten.

Eine alte Frau, die Hände in Gummihandschuhen, schiebt ihren Einkaufswagen durch die leeren Gänge. Die Lebensmittelläden sind noch offen. Die Mitarbeitenden im Migros, Lidl, Aldi und Denner füllen die Regale auf, sitzen an den Kassen und sorgen dafür, dass sich weiterhin alle mit dem Nötigsten eindecken können. Sie exponieren sich täglich. Umso mehr gilt es, sie so zu schützen. Beim Migros Take-away rufen zahlreiche Leuchtschilder der Kundschaft das richtige Verhalten in Erinnerung. Zwei Meter Abstand halten beim Warten. Wenn immer möglich mit Kredit-/Debitkarte oder Smartphones bezahlen. Den Kontakt so kurz wie möglich halten. Das gilt auch in den Apotheken und hat zur Folge, dass sich die Schlange vor dem Geschäft in die Länge zieht.

Die Geschäfte müssen sich an die neue Situation gewöhnen

Derweil stehen sich eine Etage höher im Sunrise-Shop stehen sich die Berater die Beine in den Bauch. Auf einer Tafel steht zwar, dass nur ein Kunde pro Mitarbeiter im Shop erlaubt sei, doch die Kundschaft ist bisher ausgeblieben. Ähnlich sieht es im Mobilezone aus. Die Tafel beim Eingang, die darüber informiert, dass man nur für die Grundbedürfnisse da sei, der Laden nur wegen dringenden Angelegenheiten betreten werden dürfe und grössere Gruppen nicht erlaubt seien, interessiert niemanden. Kurz vor Mittag sind die Mitarbeitenden immer noch im Shop – das Gitter ist aber bereits zur Hälfte heruntergefahren. Gut möglich, dass schon am nächsten Tag ein anderes Regime gilt.

Das sagt auch Lukas Dürr, Geschäftsführer des Brillenladens Kochoptik. «Wir sind im Moment am Planen, wie wir in den kommenden Wochen noch offen haben wollen», sagt er. Feststeht, dass es eine Lösung für Notfälle braucht, damit kaputte Brillen oder Kontaktlinsen weiterhin ersetzt werden können. «Es geht aber sicher nicht darum, dass jemand in den Laden kommen soll, um Sonnenbrillen anzuprobieren», sagt Lukas Dürr. Was nicht zwingend ist, muss warten. Auch zum Schutz der Mitarbeitenden.

In der Shoppi Mall schwatzen zwei alte Herren. In ihrem Alter gehören sie klar zur Risiko-Gruppe. Wegen des Corona-Virus würden sie sich keine Sorgen machen, sagen sie und geben sich gut gelaunt. Zur Begrüssung haben sie sich aber trotzdem nicht die Hand gegeben, sondern den Ellenbogen.

«Wir sind die einzigen, die noch arbeiten müssen», sagen zwei Männer von der Kanalreinigung beim Vorbeigehen. Falsch. In der Chocolaterie Läderach stehen auch zwei Personen hinter der Theke, obwohl das Geschäft zu ist. Die beiden packen Schoggi in durchsichtige Tüten ab. Es gebe derzeit sehr viele Ideen, was mit den Produkten aus frischer Schokolade gemacht werden soll. Feststeht, dass nichts weggeworfen werden soll.

In der Müller Drogerie sind gewisse Bereiche – zum Beispiel jene mit Parfums – abgesperrt. Diese Produkte sind für die Deckung des täglichen Bedarfs nicht zwingend. Sara Itel steht im Schaufenster. «Ich dekoriere das jetzt noch fertig», sagt sie. Gerade eben hat sie das Telefon erhalten, dass bis auf weiteres auf Schaufensterdekoration verzichtet wird.

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