Flüchtlinge
Bauer beschäftigt Flüchtlinge: «Wer nicht arbeiten kann, wird krank»

Bio-Bauer Walter Maurer beschäftigt auf seinem Hof Flüchtlinge. Sie erhalten Arbeit und Einkommen; er erhält Hilfe bei der täglichen Arbeit auf dem Hof. Was das Modell der Zukunft sein könnte, betreibt er schon länger.

Manuel Bühlmann
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Bauer beschäftigt Flüchtlinge
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Bio-Bauer und Chef: Walter Maurer.
Hilft beim Stallumbau: Daniel T.
Mit der Hacke gegen Unkraut: Letu T.
Umbauen statt Jäten: Kokob G.

Bauer beschäftigt Flüchtlinge

Mario Heller

Von den Randen ist noch nichts zu sehen, nur das Unkraut spriesst. Gebückt steht Letu T. auf dem Feld, hoch über der Kölliker Sondermülldeponie, und reisst ein Büschel nach dem anderen aus. Die Eritreerin arbeitet sich durch die Reihen. Trotz Mittagshitze trägt sie ein langärmliges Oberteil, lange rote Hosen, blaue Handschuhe. Seit 6 Uhr, sagt sie, stehe sie bereits auf dem Feld. Auf dem Feld, das zum Bio-Bauernhof von Walter Maurer gehört. Er hat das Modell, Flüchtlinge in der Landwirtschaft einzusetzen, bereits vor drei Jahren für sich entdeckt.

Das Pilotprojekt

Drei Jahre dauert das Pilotprojekt, das der Schweizer Bauernverband und das Staatssekretariat für Migration gemeinsam lanciert haben. Schweizweit beteiligen sich zehn Landwirtschaftsbetriebe – unter ihnen auch ein Aargauer Hof, der allerdings erst im September damit beginnt. Das Projekt soll zeigen, welches die idealen Rahmenbedingungen für eine Integration der Flüchtlinge in die Landwirtschaft sind. (SAS)

Der Schweizer Bauernverband hat jüngst ein Pilotprojekt gestartet, um das Potenzial vorläufig aufgenommener und anerkannter Flüchtlinge besser zu nutzen. Als Maurer davon hörte, wollte er sich sogleich anmelden. Doch er muss sich gedulden, die Plätze sind vergeben. Er werde auf die Liste der interessierten Betriebe gesetzt und informiert, sollte sich die Situation ändern, teilte man ihm mit. Vorläufig wird der Kölliker Bio-Bauer deshalb auf finanzielle Unterstützung verzichten müssen. 400 Franken erhalten die Pilotbetriebe pro Monat – die eine Hälfte für den administrativen Aufwand, die andere Hälfte als pauschale Entschädigung für Kost und Logis. Die Plätze sind limitiert, weil für die drei Jahre ein beschränktes Budget zur Verfügung steht: Insgesamt 400 000 Franken, die Bund und Bauernverband je zur Hälfte übernehmen.

Doch auch wenn ein Platz frei werden sollte, mit seinem aktuellen System könnte Walter Maurer nicht teilnehmen. «Wer beim Pilotprojekt mitmachen will, muss einen 100-Prozent-Job und nicht Arbeit auf Abruf anbieten», sagt Bauernverbands-Sprecherin Sandra Helfenstein. Nach dem ersten Monat, in dem der Bruttolohn 2300 Franken beträgt, muss den Flüchtlingen später ein Mindestlohn von 3200 Franken überwiesen werden.

Diesen erreichen die Eritreer auf Maurers Hof derzeit nicht. 15 Franken verdienen sie pro Stunde, 55 Stunden müssten sie demnach pro Woche im Einsatz stehen, um auf den Mindestlohn zu kommen. Doch jeden Tag können sie nicht arbeiten, bei Regen etwa müssen sie zu Hause bleiben. Dazu kommt: Die Saison dauert nur von April bis Oktober; den Winter durch gibt es weder Arbeit noch Lohn. Das heisst: Die Flüchtlinge sind trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen, allerdings in einem geringeren Mass – das entlastet Gemeinden und Kanton. Letzterer kommt bei anerkannten Flüchtlingen während den ersten fünf Jahren, bei vorläufig Aufgenommenen während den ersten sieben Jahren für die Sozialhilfe auf.

«Die wirtschaftliche Selbstständigkeit von Flüchtlingen trägt zweifellos dazu bei, die Kosten zu senken», sagt Balz Bruder, Sprecher des Departements Gesundheit und Soziales (DGS). Das Projekt des Bauernverbands gehe aber deutlich darüber hinaus, biete neben einem existenzsichernden Einkommen auch einen entscheidenden integrativen Aspekt – die Flüchtlinge erhalten über die Arbeit und die Vermittlung der erforderlichen Kenntnisse hinaus Sprachunterricht. «Das verbessert ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt», sagt Bruder. Deswegen, betont er, liessen sich das Pilotprojekt und die Arbeitseinsätze auf Maurers Hof kaum vergleichen. Losgelöst vom Kölliker Beispiel weist er zudem auf eine Gefahr hin: «Die Flüchtlinge dürfen nicht als günstige Arbeitskräfte missbraucht werden.»

Den Vorwurf, er wolle nur von günstigen Arbeitern profitieren, hat Walter Maurer schon von Berufskollegen zu hören bekommen. Die Kritik lässt er nicht gelten. Sicher profitiere er, aber nicht alleine. Die Flüchtlinge erhalten Arbeit und Einkommen; er erhält Hilfe bei der täglichen Arbeit auf dem Hof. «Win-win» nennt das Maurer. «Der Job tut ihnen gut. Wer nicht arbeiten kann, wird krank.» Er sei zudem ihre Bezugsperson, helfe ihnen im Alltag. «Das macht mir Freude.» Die Erfahrungen seien bisher positiv, sagt Maurer. Am meisten Probleme bereitet ihm der «Bürokrieg», wie er es nennt. Steuern, Pensionskasse, Bewilligungen – einfach werde ihm das Leben nicht gemacht. Dennoch würde er das Modell sofort weiter empfehlen. Doch Maurer spürt Skepsis bei vielen Bauern, sie beschäftigen nach wie vor lieber Osteuropäer. Aus diesen Ländern liessen sich immer noch problemlos genügend Leute rekrutieren. «Ändert sich das, würden sicher mehr Bauern auf Flüchtlinge setzen», sagt Maurer. Insbesondere bei Gemüsebetrieben wie seinem sieht er grosses Potenzial. Seit er auf seinen 30 Hektaren auch Rüebli und Randen anbaut, käme er ohne die Hilfe seiner Eritreer gar nicht mehr aus.

Auf dem Feld, wo bald Bio-Gemüse wachsen soll, sorgt sich Letu T. wegen des Wetters. «Heiss und trocken», das sei nicht so gut für die Randen, sagt sie. Seit fünf Jahren ist sie in der Schweiz, schreibt Bewerbung um Bewerbung. Doch bislang reiht sich Absage an Absage. Warum es nicht klappt mit einem Job, will Maurer von ihr wissen. «Ich weiss nicht», antwortet sie. Dabei arbeite sie doch sehr gut, lobt er. In ihrer Heimat sei sie Köchin gewesen, erzählt sie. Das würde ihr hier auch gefallen. Doch Maurers Erfahrung zeigt: Für Flüchtlinge ist es kaum möglich, eine feste Stelle zu finden. Solange sich nichts ändert, wird die Eritreerin wohl weiterhin Unkraut bekämpfen – Tag für Tag, Reihe für Reihe.