Bözberg
Asylbewerber-Familie muss nach drei Jahren Bözberg verlassen

Nachbarn und Bekannte aus dem Dorf berichten von der lieb gewonnenen Familie, die dem auf Montag angesetzten Abreisetermin zuvorgekommen ist. Sie hat ihren Wohnort in Bözberg auf eigene Faust und mit unbekanntem Ziel verlassen.

Robert Benz
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Die Koffern gepackt

Die Koffern gepackt

Keystone

Drei Jahre sind vergangen, seit eine Freundin von T.T. (Name der Redaktion bekannt) ihm und seiner Familie den Flug von Ulan Bator in die Schweiz finanziert hat.

Bereits dann ist klar: eine Rückkehr in die Mongolei ist undenkbar. Wie sehr die Eltern die Heimreise fürchten, zeigt ihre überstürzte Abreise am letzten Mittwoch.

Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung, Briefen von Freunden und Bekannten aus dem neuen Umfeld in der Schweiz und den beiden Kindern im Gepäck macht sich Familie T. auf den Weg zur Anwältin.

Doch die sagt: Rechtlich keine Chance. Zuletzt stirbt also auch die Hoffnung auf ein Bleiberecht in der Schweiz.

Das Asylgesuch der Familie ist schon vor zwei Jahren abgelehnt worden. Seither wusste die Familie, dass dieser Brief jederzeit kommen könnte. Diese Woche nun war er plötzlich da, Abreisetermin der morgige Montag.

Rückblende: 2012 zügelt die Familie vom Asylzentrum in Untersiggenthal nach Bözberg in die kleine Behelfsbaracke.

Der Kleine kommt in den Kindergarten, die Grosse in die erste Klasse. Sie machen sich gut, integrieren sich schnell und vor allem die Grosse lernt sehr schnell Deutsch. Auch die Eltern werden von den Nachbarn bestens aufgenommen und geben sich ihrerseits alle Mühe, Freundschaften zu schliessen. Das gelingt.

Ein Kollege aus Windisch nimmt Vater T. ins Korbballtraining mit. Er wird zur Teamstütze, ein kräftiger und umsichtiger Mannschaftsspieler.

Die Mutter bleibt meist bei den Kindern, geht mit ihnen ins contact in Nussbaumen, den Asylantentreffpunkt, wo die Kinder praktisch jede Woche spielen können.

Im contact ist Familie T. auch diesen Mittwochnachmittag, zwei Tage nach dem Brief mit dem Ausschaffungsdatum.

Sie vereinbart einen Termin mit der «Schweiz am Sonntag» für Donnerstagabend. Doch den Entscheid, das Land auf eigene Faust zu verlassen, haben die vier bereits gefasst.

Zum Interviewtermin kommt es nicht, selbst engsten Vertrauten und Freunden sagt die Familie offenbar nichts von ihrem Plan. Die Koffern sind gepackt, in der Nacht tauchen sie ab, Destination unbekannt. Nur die Mongolei kann als Reiseziel ausgeschlossen werden.

Was veranlasst eine Familie zu einem derart drastischen Schritt? T.s Vater, so die schlüssige Erklärung der Familie, akzeptiert die Heirat nicht zwischen ihm, dem Moslem, und seiner Frau, der Buddhistin. Er bedroht die Familie wiederholt und verlangt, dass T. sich scheiden lässt.

T. hingegen spielt mit dem Gedanken, zum Buddhismus zu konvertieren. Zurück kann die Familie also aus Angst vor dem Vater nicht, doch in der Schweiz bleiben dürfen sie ebenfalls nicht, weil sie vom Staat Mongolei nichts zu befürchten haben.

Was zurückbleibt, ist Ungewissheit und die Anteilnahme derer, die mit der Familie in Kontakt gekommen sind: Nachbarn, Korbballkollegen, Kolleginnen und Kollegen aus dem Gospelchor, Lehrer, Mitschüler, Bekannte, befreundete Asylanten.

Peter Brehm, Korbball-Obmann des TV Windisch, setzte eigens einen Brief auf, um seinem Mannschaftskollegen zu helfen.

Das halbe Dorf hat für T. und seine Familie Geld gesammelt, in der Hoffnung, ihnen wenigstens die weitere Flucht erträglich zu gestalten. Doch die EC-Karte fürs Sammelkonto konnte nicht mehr überreicht werden. Auch auf die vielen guten Wünsche und die Abschiede haben sie verzichtet. Die Natels sind ausgeschaltet.

Nachbarin Cornelia Wernli, die oft gemeinsam mit der Mutter auf die Kinder aufgepasst hat, sagt: «Alle, die mit der Familie in Kontakt gekommen sind, bedauern, dass sie gehen musste und dass sie so schnell gegangen sind.»

Und Patrizia Bertschi von Netzwerk Asyl ergänzt: «Dass eine Familie so lange warten muss, ist irgendwann das Brutalste am Ganzen.»

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