Kinderlärm-Streit in Buchs
Anwohner von Migros-Siedlung nerven sich über Reklamationen: «Kinder sollen Kinder sein dürfen»

Nachdem sich mehrere Anwohner über übermässigen Lärm in der Rösslimatte in Buchs beschwert hatten, hat die Inhaberin, die Migros-Pensionskasse, die Securitas verpflichtet. Die soll nun abends für Ruhe sorgen. Die Meinungen über diesen Schritt gehen bei den Anwohnern auseinander.

Raphael Karpf
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Nicole Keller wohnt seit 10 Jahren in der Rösslimatte.

Nicole Keller wohnt seit 10 Jahren in der Rösslimatte.

Raphael Karpf

Es ist ruhig in der Rösslimatte. Die Hitze hat die Anwohner in die Häuser getrieben – sofern sie nicht in den Ferien oder bei der Arbeit sind. In den Gärten zwischen den massigen Wohnblöcken halten sich nur wenige Menschen auf, die zahlreichen Spielplätze sind mehr oder weniger verwaist.

Das Quartier in Buchs hat es zuletzt schweizweit in die Medien geschafft. Dies, weil die Besitzerin, die Migros-Pensionskasse (MPK), die Securitas aufgeboten hatte, um abends für Ruhe zu sorgen. Immer und immer wieder hätten sich Anwohner über Lärm beschwert, wegen schreienden Kindern, feiernden Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, die bis spät in der Nacht noch Lärm machen.

Davon ist kurz vor Mittag nichts zu spüren. Tatsächlich halten sich mehr Journalisten als Anwohner im Freien auf – alle auf der Suche nach Menschen, die Auskunft geben würden, wie es sich denn so lebt, in diesem «Problem-Quartier».

Tele M1-Beitrag zum Thema: Patrouillieren in Buchser Siedlung Securities wegen Kinderlärm?

Die einzige anwesende Person, die mit Namen hinsteht, ist Nicole Keller. Seit zehn Jahren wohnt die Mutter im Quartier, ihre Tochter besucht die örtliche Schule. «Schlimm» findet sie den ganzen Rummel. «Es wird gesagt, die Kinder würden den ganzen Tag herumschreien und bis abends Lärm machen.

«Es sind halt einfach Kinder»

Das stimmt gar nicht. Es sind halt einfach Kinder. Da ist es doch normal, dass sie spielen und ab und zu auch Mal schreien.» Für wen das schon zu viel sei, der sollte vielleicht nicht in eine familienfreundliche Überbauung ziehen, findet sie. Und dass nun die Securitas unterwegs ist, findet sie übertrieben.

Das Problem sieht sie, wenn denn überhaupt, woanders: «Ständig spricht man von den Kindern. Aber es gibt ja auch Erwachsene, die abends Party machen. Und von denen redet niemand.»

Mehrere andere Personen erzählen der AZ, wenn auch anonym, Ähnliches. So sagt etwa eine Anwohnerin: «Ich habe mich noch nie über übermässigen Lärm aufgeregt – während des Lockdowns konnten wir problemlos bei offenem Fenster zuhause arbeiten. Der Brief der Vermieterin hat uns deshalb sehr überrascht. Wir finden die Securitas-Massnahme vollkommen überrissen und unnötig.» Sie frage sich, wieso man einen Kindergarten baue und in Wohnungsinseraten mit einer kinderfreundlichen Umgebung werbe, um dann «so eine Aktion gegen Familien zu starten». Gerne würde sie im Quartier wohnen, sagt sie weiter, «aber das Verhalten der MPK gegenüber den Mietern wird zunehmend mühsam und besteht vermehrt darin, Familien und Kindern wegen Dingen zu schikanieren, die niemanden stören.»

Kinderlärm-Streit Buchs
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Wegen «stundenlangem lauten Gebrüll und Geschrei» liess die Migros-Pensionskasse als Vermieterin Security patrouillieren.
Laut Anwohnern habe es in der Überbauung tatsächlich sehr viele Kinder.

Kinderlärm-Streit Buchs

zvg

Eine andere Mieterin beschreibt: «Die Kinder kreischen fröhlich beim Trottifahren oder Fangis-Spielen, aber nicht stundenlang. Das ist Ausdruck von Lebensfreude. Ich sage nicht, dass es nie laut ist, aber was sollen denn Kinder tun ausser spielen? Vor dem Fernseher sitzen?» Ausserdem sei Nachtruhe um 19 Uhr im Sommer unmöglich.

Um die 500 Wohnungen hat es in der Rösslimatte. Zahlreiche Menschen wohnen nahe beieinander. Zwischen den Wohnblöcken hat es viel grün, Hecken, dahinter Gärten, viele der Wohnungen haben einen Balkon. Längs entlang der Blöcke hat es aber ebenso viel Beton. Es hallt ordentlich in Quartier. Von den Balkonen sind verschiedenste Gespräche zu hören.

«Die Kinder schreien wie am Spiess»

Auf der anderen Seite der Überbauung sind dann aber auch andere Stimmen zu hören. Kritische Stimmen. Von einem Mann, seit bald drei Jahren wohnt er dort, auch er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. «Es ist ganz schlimm», sagt er. «Die Kinder schreien wie am Spiess.»

Selbst ist er in einer Grossfamilie aufgewachsen, hat zuvor schon in anderen Überbauungen gelebt, erzählt er. Dass Kinder spielen und auch Mal laut sind, oder auch Erwachsene abends Mal ein Fest machen, daran stört er sich gar nicht. «Man lebt ja schliesslich miteinander.» In diesem Quartier sei es aber etwas anderes. Es gebe Kinder dort, die am Morgen mit Schreien anfangen würden, und zwar «wie am Spiess, als würden sie gequält werden».

Und die Eltern würden daneben sitzen und auf dem Natel herumdrücken. «Ich weiss nicht ob es normal für sie ist, ob es zu ihrer Kultur gehört, oder ob es Überforderung ist.» Aber für ihn ist klar: So kann es nicht weiter gehen. Er ist froh, dass die MPK reagiert hat, ob die Securitas allerdings die richtige Lösung für dieses Problem ist, da ist er sich nicht sicher. «Ich habe bisher keine Verbesserung erlebt. Das Ganze ist mehr Symbolpolitik, um die Anwohner zu beruhigen.»

Schliesslich laufen wir auch noch kurz dem Abwart der Anlage über den Weg. Freundlich, aber kurz angebunden gibt er Bescheid, dass er sich zum Thema nicht äussert. «Im Brief steht alles wesentliche drin», sagt er.

Die Reaktionen zum Fall Rösslimatte

In den Sozialen Medien schlug der Fall Rösslimatte hohe Wellen. «SHAME ON YOU» schrieb der Buchser Gemeindeammann Urs Affolter auf Facebook, gerichtet an die Migros-Pensionskasse. Die Securitas wegen lärmenden Kindern aufzubieten sei «kein Beitrag zu einer kinderfreundlichen Wohnsiedlung und schon gar nicht zu einer kinderfreundlichen Gemeinde».

Auf Anfrage der AZ ergänzt der hauptberuflich als Stadtbaumeister tätige Ammann: Wenn eine Siedlung suboptimal konzipiert sei - mit Schlafzimmerfenstern direkt neben dem Nachbarsbalkon und zum Spielplatz hin gelegen - seien Lärmprobleme vorprogrammiert. «Aus meiner Sicht ist es aber falsch, sie so lösen zu wollen, wie es die Liegenschaftsbesitzerin macht.»

Kritik erntete die SVP, deren Ortsparteipräsident Samuel Hasler im «Tagesanzeiger» suggerierte, die Lärmverursacher seien Migrantenkinder, die «ganz offensichtlich zu wenig gut integriert sind».

Die SP kontert: «Diskussionen um Lärm auf Spielplätzen gibt es immer wieder. Dies hat nichts mit fehlender Integration zu tun. Kinder bleiben in den Ferien länger draussen und das ist nachvollziehbar. Dass dies nicht lautlos geschieht, ist auch nichts Aussergewöhnliches. Vielmehr ist in dieser speziellen Zeit – in der viele Familien nicht in die Ferien verreisen können – Toleranz gefragt.» (nro)

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