Justiz im Aargau

Acht Jahre für versuchte Tötung – doch der 58-jährige Deutsche setzte sich ab

Trotz einer Verurteilung sitzt der 58-Jährige nicht in Haft.

Trotz einer Verurteilung sitzt der 58-Jährige nicht in Haft.

Der heute 58-jährige Deutsche, der im Januar 2015 seine Frau mit einem Kissen ersticken wollte, hat sich wohl in seine Heimat abgesetzt.

«Entschlossen, planmässig und perfid» sei er vorgegangen: Zu diesem Schluss kommt das Bundesgericht im Fall eines Deutschen, der vor fünfeinhalb Jahren in Möhlin versuchte, seine Frau umzubringen. In ihrem Entscheid von Ende Januar dieses Jahres bestätigten die höchsten Schweizer Richter das Urteil des Aargauer Obergerichts. Dieses hatte den Mann, der seiner Frau ein Beruhigungsmittel ins Getränk mischte und später versuchte, sie mit einem Kopfkissen zu ersticken, der versuchten vorsätzlichen Tötung für schuldig befunden.

Das Obergericht hatte den heute 58-jährigen Deutschen im Januar 2019 zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Mit der Bestätigung dieses Schuldspruchs durch das Bundesgericht ist das Urteil Ende Januar dieses Jahres rechtskräftig geworden. Doch im Gefängnis sitzt der Deutsche offenbar nicht: Gemäss Informationen der AZ hat sich der Mann über die Grenze in sein Heimatland abgesetzt und ist dort weiterhin auf freiem Fuss.

Amt für Justizvollzug äussert sich nicht zum konkreten Fall

Zuständig dafür, dass der Mann die Gefängnisstrafe absitzt, ist im Aargau das Amt für Justizvollzug, welches dem kantonalen Innendepartement angegliedert ist. Als die AZ anfragt, ob das Amt für Justizvollzug bestätigen könne, dass sich der verurteilte Täter nach Deutschland abgesetzt habe, gibt man sich dort zuerst sehr bedeckt. Mediensprecherin Sandra Olar teilt dazu lediglich mit: «Zum konkreten Fall werden keine Angaben gemacht.» Auf die Nachfrage, ob der Mann im Aargau im Gefängnis sitze, antwortet sie: «Der Verurteilte hat seine Haftstrafe im Kanton Aargau nicht angetreten.»

Aus dieser Aussage lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schliessen, dass die Informationen der AZ stimmen und der Mann sich nach Deutschland abgesetzt hat. Wäre dies anders und der Mann noch im Aargau, gäbe es keinen Grund, dass er mehr als sechs Monate nach dem rechtskräftigen Urteil noch nicht im Gefängnis sitzt. Reicht es also, das Land zu verlassen, um sich dem Strafvollzug zu entziehen? Und was unternimmt der Kanton Aargau, damit der rechtskräftig verurteilte Täter seine Haftstrafe absitzt? Sandra Olar beantwortet diese Fragen nicht in Bezug auf den Deutschen, sondern erklärt allgemein, wie die Behörden in solchen Fällen vorgehen.

«Bei längeren Freiheitsstrafen kündigt die Vollzugsbehörde einem Verurteilten den bevorstehenden Vollzug unverzüglich an», hält sie fest. Ob dies beim verurteilten Deutschen möglich war, ob er sich nach dieser Ankündigung in die Heimat absetzte, oder vorher schon ausgereist war, ist offen.

Deutschland liefert Bürger für Vollzug von Haftstrafen nicht aus

Wenn sich ein Verurteilter im Ausland befindet, ist die Ausgangslage für die Strafvollzugsbehörden schwierig, wie Olar erläutert. «Die meisten Staaten, so beispielsweise auch Deutschland, liefern ihre Staatsangehörigen nicht gegen deren Willen zur Strafvollstreckung in Drittstaaten aus.» Das heisst: Wenn der verurteilte Gewalttäter nicht in die Schweiz einreist und aufgegriffen wird, kann die Haftstrafe gegen ihn im Aargau nicht vollstreckt werden.

Untätig bleiben die kantonalen Vollzugsbehörden aber nicht. In solchen Fällen mit längeren Freiheitsstrafen wird der Verurteilte national und international zur Verhaftung ausgeschrieben. Zugleich wird via Bundesamt für Justiz ein Ersuchen auf stellvertretende Strafvollstreckung gestellt, damit die ausländischen Behörden die Vollstreckung des Urteils im entsprechenden Land übernehmen. Dieses Verfahren kann sich laut Olar aber hinziehen, es dauert in der Regel mehrere Monate. So dürfte der Täter die Strafe wohl in Deutschland absitzen, der Haftantritt ist allerdings völlig offen.

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