Stacheldraht
Aargauer Jäger schlagen Alarm: Ungenutzte Schafzäune gefährden Wildtiere

Auch eingewachsene Stacheldrahtzäune führen bei Rehen und weiteren Wildtieren immer wieder zu schweren Verletzungen.

Mathias Küng
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Der Rehbock verletzte sich im Flexinet-Zaun und musste getötet werden. zvg

Der Rehbock verletzte sich im Flexinet-Zaun und musste getötet werden. zvg

Jährlich verheddern und verletzen sich im Aargau mindestens 50 bis 70 Wildtiere – vorab Rehe und Rehböcke – an Stacheldraht- oder Flexinet-Zäunen (vgl. Foto), die vorab für Schafe und Ziegen aufgestellt werden. Dies schätzt Rainer Klöti als Präsident von Jagd Aargau aufgrund von Rückmeldungen. Das sind allerdings nur die Tiere, die gemeldet werden. Füchse oder Igel, die sich an Zäunen verletzen, werden ihnen kaum gemeldet. Tatsächlich sind aber weitere Tiere betroffen. Der Kanton Aargau führt zwar keine separate Statistik. Erwin Osterwalder, Fachspezialist Jagd im Departement Attiger, weiss aber: «Das passiert regelmässig, vor allem mit Rehen, Jungfüchsen, Kleinsäugern wie Igeln und Vögeln.»

Laut Rainer Klöti bestehen vorab im Wald und an Waldrändern noch etliche eingewachsene Stacheldrähte früherer Weidezäune. Diese würden zwar von den Bauern sukzessive abgeräumt. Es gebe aber immer noch so viele davon, dass sich immer wieder Tiere daran verletzen. Immerhin sei das Problem abnehmend. Das gelte nicht für Flexinet-Zäune. Wenn sich ein Rehbock mit dem Gehörn oder seinen schmalen, langen Läufen darin verheddert, kommt er kaum mehr davon los (vgl. Foto). Als die Jäger in diesem konkreten Fall mit dem Landbesitzer Kontakt aufnahmen, zeigte sich, dass dieser das Land weiterverpachtet hatte, der Pächter hatte den Zaun stehen lassen. Es sei oft aufwendig, Zaunbesitzer zu eruieren. Das Stehenlassen von Zäunen könne tierschutzrelevant sein, mahnt Klöti.

Dass Bauern Flexinet-Zäune verwenden, verstünden die Jäger. Dies werde auch erst dann zum Problem, wenn sie nicht abgeräumt werden, sobald sie nicht mehr genutzt sind. Das Problem hat inzwischen aber eine solche Dimension angenommen, dass der Vorstand von Jagd Aargau laut Klöti beschlossen hat, es aufzunehmen.

Geld aus einem Fonds?

Dafür suchen die Jäger nicht die Konfrontation, sondern das Gespräch mit den Bauern. Und sie überlegen sich, ob sie aus dem Fonds der Stiftung für Wildtiere einen Betrag zur Entfernung eingewachsener Stacheldrahtzäune bereitstellen wollen. Ziel ist, so Klöti, dass alte Stacheldrahtzäune und nicht mehr genutzte Flexinet-Zäune abgeräumt werden. Klöti: «Ich bin überzeugt, dass wir zusammen eine Lösung finden, sobald die Bauern die möglichen Folgen solcher Versäumnisse sehen.»

Bauern: Kein Stacheldraht mehr

Doch was sagen die Bauern selbst? Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau (BVA), betont, dass im Aargau längst keine Stacheldrahtzäune mehr aufgestellt werden. Es sei aber denkbar, dass an Waldrändern vereinzelt noch eingewachsener Stacheldraht vorhanden ist. Vielfach wisse man aber aufgrund von zwischenzeitlichen Besitzerwechseln nicht mehr, wer solche einst wo aufgestellt hat und wo es noch Reste gibt. Wo man solche entdeckt, sei es natürlich richtig, sie abzuräumen, auch wenn dies mit viel Arbeit verbunden ist. Das mache man auch, sagt Bucher. Das Problem erachtet e aber als nicht so gravierend. Im Kanton St. Gallen (wo es derzeit eine Konfrontation zwischen Jägern und Bauern gibt) gebe es auf den Alpweiden viel mehr solche ärgerlichen Überbleibsel aus früheren Zeiten als im Aargau. Bucher könnte sich gleichwohl vorstellen, es in einer gemeinsamen Aktion von Bauern und Jägern anzugehen.

Oft Hobbybauern betroffen

Und was ist mit den Flexinet-Zäunen? Im Bauernverband sind vorab Landwirte vereinigt, die Rindvieh halten. Bei ihnen kommen solche Zäune kaum zum Einsatz, sagt Bucher weiter. Diese werden etwa für die Schafhaltung genutzt. Das betreffe aber oft Hobbybauern, die nicht im BVA organisiert sind, die sie also auch nicht selbst erreichen können, gibt Bucher zu bedenken. Er stelle indessen nicht viele Zäune fest, die nicht genutzt werden. Auch er schlägt vor, in solchen konkreten Fällen mit den betroffenen Besitzern das Gespräch zu suchen.