Möhlin
Wo einst Schuhe gefertigt wurden, soll schon bald gewohnt werden

Die Sanierung und der Umbau des Bata-Parks schreiten voran – trotz grosser Herausforderungen.

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Wo einst Schuhe genäht wurden, wird bald gewohnt: In zwei Hallen entstehen derzeit 50 Wohnungen.

Wo einst Schuhe genäht wurden, wird bald gewohnt: In zwei Hallen entstehen derzeit 50 Wohnungen.

Nadine Böni

Auf einem der massiven Betonpfeiler ist ein Nähmuster für einen Turnschuh aufgemalt. Es ist eine Erinnerung an die Vergangenheit. In der ehemaligen Produktionshalle der Schuhfabrik Bata in Möhlin sind derzeit Handwerker daran, Küchen einzubauen, Böden zu verlegen, Türrahmen zu montieren. Wo einst Schuhe gefertigt wurden, soll schon bald gewohnt werden.
Die ersten der insgesamt 50 Wohnungen sind ab März bezugsbereit, weitere folgen im Sommer, in der zweiten Halle gleich gegenüber. Interessenten gibt es auch schon: «Über ein Dutzend Wohnungen sind bereits vermietet», sagt Reto Kuoni, Leiter Immobilien der Eigentümerin Bata-Park AG.

Eine Kolonie für Turnschuhe

Der Bata-Park ist ein Zeuge längst vergangener Zeiten. In den 1930er-Jahren liess der tschechische Schuhfabrikant Tomas Bata hier eine Produktionsstätte schaffen. Dazu gehörte nicht nur ein Fabrikgebäude, sondern eine ganze Kolonie mit Wohnhäusern und Erholungseinrichtungen für die Angestellten.

Die Gemeinde Möhlin hatte Bata für sein Vorhaben Tür und Tor geöffnet. Nach der Weltwirtschaftskrise beklagte das Dorf 100 Arbeitslose bei knapp 2800 Einwohnern. Die Gemeinde verkaufte Bata die 24 Hektaren Land für einen Franken pro Quadratmeter – in der Hoffnung, dass die Arbeitslosigkeit abnimmt.

Kurz nach der Errichtung der ersten Gebäude waren bereits 160 Menschen hier beschäftigt, die Tag für Tag rund 1200 Paar Schuhe anfertigten. Tomas Bata selber erlebte dies nicht mehr. Er kam 1932 – auf dem Weg zur Einweihung des ersten Produktionsgebäudes in Möhlin – bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Die Schuhfabrik im Bata-Park wurde 1990 geschlossen. 2005 kaufte die Fricker Jakob Müller Immobilien AG das gesamte Gelände. (nbo)

Ziehen die Mieter ein, ist ein Meilenstein im Bata-Park geschafft. Die Jakob Müller Immobilien AG hat das über 180 000 Quadratmeter grosse Areal vor über zehn Jahren aus einer Konkursmasse gekauft. Das Areal bot dem Unternehmen Raum für eine Erweiterung der Produktion und Entwicklungspotenzial. Und: «Die Vision von Bata, eine Einheit von Wohnen und Arbeiten, ist nach wie vor faszinierend», sagt Kuoni.

Park unter Denkmalschutz

Inzwischen hat die Jakob Müller AG Frick ihren Standort in Möhlin wieder geschlossen. Das Areal hat sie der Tochterfirma Bata-Park AG übergeben. Sie ist für die Sanierung der Gebäude zuständig. Und die birgt einige Herausforderungen. So ist das Areal im schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler und regionaler Bedeutung aufgenommen. Die ehemaligen Produktionshallen 1 und 2 sowie das Clubhaus sind kantonal denkmalgeschützt.
Entsprechend sind in die Planungen der Sanierung nicht nur Architekt und Bauherr, sondern auch Gemeinde sowie Denkmal- und Heimatschutz involviert. Reguliert ist alles – bis hin zum Standort und zur Art einzelner Bäume im Park. Bis zur Grösse der Sitzplätze vor den Wohnhäusern. Und bis zur Art des Kitts zwischen Fensterrahmen und Glas. «Gewusst, auf was man sich hier genau einlässt, hat man beim Kauf wohl nicht», sagt Kuoni und lacht.

Es habe etwas gedauert, aber mittlerweile sei das Einvernehmen mit Gemeinde und Denkmalschutz mehr als gut. «Wir wissen, dass wir verschiedene Ansichten haben. Alle Seiten gehen aber auch einen Schritt auf die anderen zu», so Kuoni. Diese Balance hat dazu geführt, dass heute nicht nur die beiden Fabrikhallen kurz vor dem Abschluss stehen, sondern auch rund die Hälfte der Wohnhäuser saniert ist.

Bei Häusern und Hallen musste die Backsteinfassade belassen werden. Die Häuser sind innen komplett neu ausgebaut. Ein anderes Konzept gibt es bei den Hallen: «Wir bauen mit einem Haus-in-Haus-Konzept», sagt Kuoni. Hinter der Fassade mit Backsteinen und Fensterfronten wurde eine zweite Fassade erstellt. Sie besteht grösstenteils aus raumhohen Fenstern. So entstand eine Art Loft.

Den Charakter erhalten

«Der Denkmalschutz und dann auch die technische Umsetzung der Massnahmen sind eine Herausforderung», sagt Kuoni. «Aber die positiven Aspekte überwiegen gegenüber den negativen Seiten bei Weitem.» Das Ziel sei, den Charakter von Batas Werk zu erhalten. «Dass uns das zu gelingen scheint, macht Spass», sagt Kuoni.

In einem der Lagerräume auf dem Areal hat die Bata-Park AG verschiedene Elemente aus dem Bestand der alten Fabrik aufbewahrt. Schuhschränke, Deckenlampen, Trinkbrunnen, ein Wählscheibentelefon. «Ziel ist es, einiges davon wieder einzubauen. Wir werden in den kommenden Monaten sehen, was alles möglich ist», sagt Kuoni. Im Bata-Park soll die Erinnerung an die Vergangenheit als Schuhfabrik weiterleben – nicht nur, was die Fassade betrifft.

Die Siedlung im Bata-Park von oben: Das Clubhaus, die Wohnhäuser und Fabrikhallen wurden und werden nach und nach renoviert und ausgebaut.

Die Siedlung im Bata-Park von oben: Das Clubhaus, die Wohnhäuser und Fabrikhallen wurden und werden nach und nach renoviert und ausgebaut.

Zur Verfügung gestellt

Kartenlegende:

- Das Clubhaus: Hier verbrachten die Batajaner – also die Angestellten von Bata und Bewohner des Parks – ihre Freizeit. Lotto-Matches, Kegelbahn und Tennisplatz sorgten für Unterhaltung an den Wochenenden. Das Gebäude steht unter kantonalem Denkmalschutz. Im vergangenen Jahr wurde es saniert. Nun soll es wieder für Leben in der Siedlung sorgen. Ziel wäre ein Bistro oder Restaurant. Ein grosser Saal bietet ausserdem Platz für Bankette, Feste, Gewerbe- oder Vereinsanlässe.

- Die Hallen: Zwei dreistöckige Hallen stehen im Industriebereich des Bata-Parks. Beide wurden in den 1930er-Jahren erbaut. Eine diente der Schuhfabrik als Büro- und Verwaltungsgebäude, die andere war vorwiegend Produktions- und Lagerraum. Seit rund eineinhalb Jahren wird in den Gebäuden gebaut: In den denkmalgeschützten Hallen entstehen 50 Wohnungen sowie acht Ateliers. Die äussere Bausubstanz wie die markanten Backsteinmauern und Fensterfronten bleiben bestehen.

- Neubauten: Im nördlichen Bereich des Bata-Park-Areals sind in den vergangenen Jahren neue Industrieanlagen entstanden. Unter anderem hat man für die Postauto Nordwestschweiz AG 2012 eine Einstellhalle errichtet. Darin untergebracht ist auch eine Vertretung des Elektroauto-Händlers Tesla. In den Gebäuden nebenan haben Handwerkerbetriebe, Künstler und ein Hersteller von Drohnen Räumlichkeiten. Insgesamt arbeiten im Bata-Park derzeit rund 200 Personen.

- Die Wohnhäuser: Fast zwei Dutzend Ein- und Zweifamilienhäuser gehören zum Bata-Park. Hier lebten einst die Arbeiter, die in der Fabrik Turnschuhe zusammennähten. Nach und nach werden die Gebäude saniert, rund die Hälfte ist fertig. Am äusseren Erscheinungsbild ändert sich aus Gründen des Denkmalschutzes nichts. Innen werden die Gebäude wie Neubauten eingerichtet. Ebenfalls saniert wurden die beiden «Ledigenhäuser». Hier wurden Wohnungen mit zugehörigen Ateliers erstellt.

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