Politesse im Fricktal
Sie verteilt Parkbussen: «Von Verständnis bis zur Kriegserklärung erlebe ich alles»

Doris Müller, Politesse der Regionalpolizei Oberes Fricktal, hat einen der unbeliebtesten Jobs: Sie verteilt Parkbussen. Sie liebt ihren Beruf. Eine Annäherung.

Thomas Wehrli
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«Natürlich drücke ich auch mal ein Auge zu»: Doris Müller auf ihrem Kontrollrundgang.

«Natürlich drücke ich auch mal ein Auge zu»: Doris Müller auf ihrem Kontrollrundgang.

Thomas Wehrli

Sie versetzt gestandene Männer in Wallung, lässt Frauen in höchsten Tönen aufkreischen und sorgt mit erstaunlicher Präzision dafür, dass selbst studierte Herren mit güggelrotem Kopf und angeschwollenem Hals vor ihr auf und ab stolzieren und Worte absondern, die man ihnen nie zugetraut hätte: Doris Müller, 46, seit acht Jahren Politesse bei der Regionalpolizei Oberes Fricktal (Repol). Ihr Auftrag: All jene zu büssen, die es mit dem Parkieren nicht so genau nehmen. Das waren im letzten Jahr 1745.

Doris Müller hat den vielleicht unbeliebtesten Job in der Region. Sie selber aber sagt: «Ich liebe meinen Job. Denn ich bin draussen und kann meine Arbeitszeit frei einteilen.»

Acht bis neun Stunden ist sie pro Woche in Frick und Laufenburg unterwegs, und wo sie auftaucht, kommen die Fahrzeuglenker in die Gänge. Vor allem aber kann sie jenen Zug an sich ausleben, der sie prägt: der Ordnungssinn.

Sie lacht. «Das Kontrollieren läuft mir eben nach.» Denn schon als Zollfachfrau war die Kontrolle ihr Geschäft. Hier hat sie gelernt, es genau zu nehmen und bei allen den gleichen Massstab anzusetzen, hat das Gespür dafür bekommen, wer die Wahrheit sagt und wer nicht. Sie lacht.

Als Politesse ist genau das ihr Job. «Es ist mein Anspruch an mich selber, alle Leute gleich zu behandeln, eine klare Linie zu haben», erklärt sie auf dem Kontrollgang durch Laufenburg. Auch ihre Kollegen. «Wenn einer das nicht versteht, ist das sein Problem und nicht meines», sagt sie.

Dann kann auch schon mal eine Freundschaft in die Brüche gehen. Denn gemauschelt wird nicht. Manche Leute sagen: Doris Müller ist hyperkorrekt und nimmt es zu genau. Sie selber sagt: «Ich bin einfach konsequent.»

Das Buschtelefon in Laufenburg

Der schlimmste Vorwurf, den man ihr machen kann, ist jener, sie begünstige einzelne Leute. Vor einiger Zeit warf ihr genau das ein ob einer Busse in Rage geratener Mann in Laufenburg vor, brüllte es durch die Altstadt, durch jenen Stadtteil also, in dem das Buschtelefon heiss zu laufen pflegt, wenn Doris Müller die Runde macht. Nicht immer ist das Telefon schneller.

«Dieser Vorwurf hat mich getroffen», gesteht Müller auf dem Rundgang durch die Altstadt. Weil er nicht stimme und weil er das infrage stellt, was für sie essenziell ist: ihre Glaubwürdigkeit.

In diesem Moment des Gesprächs kommt eine andere Seite von Doris Müller zum Vorschein, jene hinter der neuen rot-grauen Uniform, hinter der Fassade, die den hyperventilierenden Gebüssten Paroli bieten muss – und dies auch bestens kann, was manch einen Reklamierenden (in männlicher Ausprägung) umso mehr auf die Palme trieb.

Es ist eine sensible Seite, eine reflektierte auch, die eine «D. Müller» (Polizeistempel) zeigt, die mit viel Witz und Schalk unterwegs ist, mit der man gut diskutieren kann, über Gott und die Welt – und den Sinn von Bussen.

Nein, sie sei nicht «bussengeil», wie gewisse Geschäftsherren ihr unterstellen. «Ich mache nur meinen Job.» Und der da lautet: die Parkplätze in Frick und Laufenburg zu bewirtschaften, dafür zu sorgen, dass es keine Dauerparkierer gibt, dafür zu sorgen, dass möglichst alle einen Parkplatz finden, wenn sie einen suchen.

80 000 Franken Einnahmen

«Ihre Arbeit kommt also auch den Detaillisten zugute», erklärt ihr Vorgesetzter, der stellvertretende Repol-Chef Markus Erni. Vom Vorwurf, die Polizei wolle mit den Parkbussen nur ihre Kasse füllen, distanziert auch er sich. Die Repol nimmt im Jahr knapp 400 000 Franken mit Bussen ein, knapp ein Fünftel davon stammt aus Parkbussen.

«Im Vergleich zu anderen Korps verteilen wir eher wenig Bussen», sagt Erni. Und ohnehin: «Die Gemeinden haben uns verpflichtet, einen Teil unseres Budgets über Bussen selber zu finanzieren.»

So parkieren Sie richtig

Drei Parksituationen sorgen im Alltag von Doris Müller regelmässig für fragende bis hochrote Köpfe: die blaue Zone, das Linksparkieren und die Parkuhr auf dem Widenplatz.

Blaue Zone: Es wird nur zwischen halben Stunden unterschieden. Wer ankommt, stellt die Parkscheibe auf den Strich nach der effektiven Ankunftszeit. Von dieser eingestellten Uhrzeit an darf er eine Stunde bleiben. Im besten Fall, wenn er um 8.01 Uhr auf das Parkfeld fährt, darf er eine Stunde und 29 Minuten stehen bleiben; im schlechtesten Fall – er kommt um punkt 8 Uhr an – eine Stunde. Wer sein Auto über Mittag zwischen 11.30 und 13.29 Uhr in der blauen Zone abstellt, kann bis 14.30 Uhr stehen bleiben. An Sonn- und Feiertagen muss keine Parkscheibe gestellt werden.

Das Linksparkieren: In Frick ist es verboten, in der blauen Zone entlang der Hauptstrasse entgegen der Fahrtrichtung zu parkieren (also links). Die Polizei macht zusammen mit der Gemeinde und dem Gewerbe Region Frick/Laufenburg regelmässig mit Plakaten darauf aufmerksam. Wer sich nicht daran hält, zahlt 60 Franken; vergisst er gleichzeitig, die Parkscheibe zu stellen, kostet es 100 Franken.

Die Parkuhr: Die erste Stunde auf dem Widenplatz ist zwar gratis. Die Parkuhr muss man aber in jedem Fall in Gang setzen, auch, wenn man nur schnell ein Brot holt. Sonst kann es ein 40-Franken-Brot werden.

Laufenburg, Bahnhofplatz. Ein Audi mit deutschem Kennzeichen steht im Nirwana. Doris Müller geht auf das Fahrzeug zu, da kommt auch schon die Besitzerin, eine mit Sonnenbrille bewaffnete Brünette, herbeigeeilt. «Ich war nur schnell auf der Bank», lautet ihre Begründung, warum sie den Wagen jenseits jedes Parkfeldes abgestellt hat. Doris Müller belässt es bei einer Ermahnung.

«Natürlich drücke ich auch mal ein Auge zu», sagt Doris Müller, im Winter etwa, wenn man die Markierungen am Boden schlecht sieht («ich will die Leute ja nicht plagen») oder dann, wenn der Falschparkierer einsichtig ist und noch eine Verwarnung ausgesprochen werden kann. Auch bei einer abgelaufenen Parkuhr macht sie einen Toleranzzuschlag. «Wie viel», wiederholt sie die Frage, lacht von Herzen. «Das sage ich Ihnen natürlich nicht.»

Ebenso wenig verrät sie ihren Trick, wie sie feststellen kann, ob ein Auto zwischen zwei Kontrollgängen bewegt wurde und damit wieder auf dem selben Parkplatz stehen darf, ob es in der Zwischenzeit also «in den Verkehr eingefügt» wurde, wie es im Beamtendeutsch heisst, oder nicht. «Ein Kreidestrich ist es nicht», sagt sie bloss. «Das wäre zu auffällig.»

Tablet statt Bussenblock

Laufenburg, Burgmatt-Parkplatz. Doris Müller schreitet von Fahrzeug zu Fahrzeug, wirft einen Kontrollblick auf Tickets und Dauerparkkarten. Bei einem XXL-Offroader muss sie sich auf die Zehenspitzen stellen, um überhaupt hineinzusehen. «Ich bin eben nicht die Grösste», meint sie, die 1,50-Meter-Frau, entdeckt das Ticket, nickt, «noch 15 Minuten gültig», geht zum nächsten Fahrzeug, einem schwarzen Mercedes der ganz teuren Sorte. Für das Parkticket hat es nicht mehr gereicht.

Doris Müller prüft, ob das Ticket auf einem der Sitze oder am Boden liegt. Fehlanzeige. Die Politesse nimmt ihr Tablet hervor – seit Februar läuft das Bussenverteilen elektronisch, «eine gewaltige Zeitersparnis» – tippt die nötigen Angaben wie Automarke, Kennzeichen, Uhrzeit, Bussennummer ein, druckt den Beleg aus, klebt ihn auf einen orangen Einzahlungsschein, steckt alles in einen Plastikbeutel und klemmt die Busse unter den Scheibenwischer.

Zur Absicherung schiesst sie noch ein Foto von der Frontscheibe und dem Autokennzeichen. «Für den Fall, dass der Besitzer reklamiert.»

Laufenburg, Spitalstrasse. Eine Frau, die ihren Mann aus dem Spital abholen will, parkiert auf dem Trottoir. Doris Müller erklärt ihr, dass dies nicht gehe. Die Dame, 60 plus, die Haare gefärbt, blickt sie mürrisch an, murmelt etwas vor sich hin, fährt dann weg – noch während Müller mit ihr redet.

Solche Begegnungen gibt es im Alltag der Politesse immer wieder, «von Verständnis bis zur Kriegserklärung erlebe ich alles». Rund 10 bis 20 Prozent der «Kundenkontakte» seien negativ, schätzt Müller. An manchen Tagen folgen sich Murren und Plärren Schlag auf Schlag. «Das zermürbt dann schon», sagt Müller. «An solchen Tagen bin ich froh, wenn meine Runde vorbei ist.»

Unheilige Weihnachtszeit

Besonders schlimm sei es um die Weihnachtszeit. «Dann sind die Leute extrem gereizt.» Doris Müller versucht, immer ruhig zu bleiben, deeskalierend zu wirken. Meist gelingt es ihr, manchmal aber auch nicht, gerade dann, wenn sie auf ein besonders ausgeprägtes Exemplar der Gattung «Ich explodiere nun gleich!» trifft. «Ich bin ja auch nur ein Mensch», sagt sie, «und nicht immer gleich drauf.»

Nicht immer schaffe sie es, ihre Devise, stets freundlich zu bleiben, einzuhalten. Bisweilen bleibe ihr dann nichts anderes übrig, als den an Ort und Stelle Auf- und Abspringenden stehen zu lassen. Und wenn sie einer stehen lässt und wutentbrannt davonfährt? «Dann schreibe ich seine Nummer auf – und er erhält die Busse per Post.»

Die besonders Gereizten, das sind oft ältere Männer, vielfach Schweizer, nicht selten Studierte; Leute, die sich nichts sagen lassen wollen, Leute, die glauben, die Weisheit (und das Recht) gepachtet zu haben.

Anwälte gehören dazu, pensionierte Polizisten, Doktoren. Aber auch Karrierefrauen können aufheulen, wenn sie Doris Müller beim Bussenverteilen begegnen. Die Politesse schmunzelt. «Inzwischen habe ich ein gutes Gespür dafür, wer Ärger macht.»

Laufenburg, Spitaleingang. Eine Dame fährt in ihrem Van vor, sieht die Politesse, sieht den Polizisten – und fährt trotzdem auf den Behindertenparkplatz. Markus Erni, der hinzukommt, geht zu ihr, sagt ihr, da dürfe sie nicht parken. «Nur schnell», antwortet sie, sie hole doch nur ihren Mann aus dem Spital ab. Das Nein von Erni kann sie nicht begreifen, schüttelt den Kopf und fährt dann weg.

«I ha gmeint»

«Nur kurz», ist in der Hitparade der Ausreden ganz zuoberst. Es folgen «I ha gmeint» und «Das ist vielleicht klein kariert». Gewisse Leute denken Letzteres erstaunlich oft.

Doris Müller hat in Frick und Laufenburg Kunden, die im Jahr mehrere tausend Franken für Parkbussen liegen lassen. Müller schüttelt den Kopf. «Warum sie das machen, ist mir schleierhaft. Mich würde das Geld reuen.»

Frick, Widenplatz. Nebst der blauen Zone mit der Dauerstreitfrage: «Wie lange darf ich parkieren?» ist der Fricker Dorfplatz die grösste Ärgerquelle. Denn nicht wenige lösen kein Ticket, weil die erste Stunde ja gratis ist und sie «nur kurz» shoppen gehen.

Wenn sie dann nach 30 Minuten zum Auto zurückkommen und eine Busse unter dem Scheibenwischer entdecken, verstehen sie die Welt nicht mehr. «Doch wie soll ich erkennen, wie lange ein Auto schon dasteht, wenn die Parkuhr nicht in Gang gesetzt wurde?», fragt Müller rhetorisch. «Das Auto kann es mir schliesslich nicht sagen.»

Die Tour ist für heute zu Ende. «Heute lief es gut», bilanziert Doris Müller. Dass sie «nur» drei Bussen verteilt hat (in der Regel sind es pro Rundgang 10 bis 25), ist ihr egal. «Die Zahl der Bussen macht es für mich nicht aus, ob eine Tour gut war oder nicht», erklärt sie. «Ich bin zufrieden, wenn ich mit allen Leuten gut zu Rank kam.»

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