Pflege
Das Gesundheitszentrum Fricktal hat genügend Pflegekräfte – dank der Grenzgängerinnen und Grenzgänger

In der Schweiz sind mehrere tausend Stellen im Pflegebereich nicht besetzt. Beim Gesundheitszentrum Fricktal hat man bislang Glück – auch, weil 28 Prozent des Personals aus Deutschland stammt. Doch auch aus Rheinfelden heisst es: Der fehlende Nachwuchs macht Sorgen.

Thomas Wehrli Jetzt kommentieren
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Das Gesundheitszentrum Fricktal beschäftigt 333 Mitarbeitende im Pflegebereich, acht Stellen sind dort derzeit ausgeschrieben.

Das Gesundheitszentrum Fricktal beschäftigt 333 Mitarbeitende im Pflegebereich, acht Stellen sind dort derzeit ausgeschrieben.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Die Zahl beunruhigt: In der Schweiz sind aktuell mehr als 5700 Stellen im Gesundheitswesen nicht besetzt. «Mit der heutigen Situation ist es fast unmöglich, die erforderliche Pflegequalität zu halten», warnt Yvonne Ribi vom Verband der Pflegefachpersonen in der «Sonntags-Zeitung».

Droht also ein Pflegenotstand? Miriam Crespo, Mediensprecherin des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF), beruhigt:

«Wir haben genügend Mitarbeitende in der Pflege für einen qualitativen, reibungslosen Betrieb unserer Spitäler, Pflegeheime und Praxen.»

Im GZF arbeiten 333 Mitarbeitende im Pflegebereich. Aktuell seien insgesamt 14 Stellen ausgeschrieben, sagt Crespo. Davon fallen acht in den Pflegebereich. Die Vakanzen lassen sich laut Crespo einerseits durch die natürliche Fluktuation erklären. Diese liege am GZF allerdings unterhalb des Branchenstandards, betont Crespo, und sei auch während der Covid-19-Pandemie nicht angestiegen.

Andererseits müssten besonders gefährdete Personen, wie beispielsweise Schwangere, aufgrund der Pandemie besonders geschützt werden, so Crespo, und könnten entsprechend nicht in der Pflege beschäftigt werden.

28 Prozent der Mitarbeitenden sind Grenzgänger

Dass das GZF weniger Mühe als andere Spitäler hat, genügend Fachkräfte zu rekrutieren, hat mehrere Gründe. Ein zentraler ist sicher die Grenzlage. Insgesamt arbeiten 297 Grenzgängerinnen und Grenzgänger am GZF; 292 stammen aus Deutschland, 5 aus Frankreich. Crespo sagt denn auch:

«Grenzgänger haben für das GZF eine sehr grosse Bedeutung. Mit rund 28 Prozent machen sie einen bedeutenden Teil unserer Mitarbeitenden aus.»

Der Anteil der Grenzgänger ist in den letzten Jahren sogar noch leicht gestiegen. Trotz Grenzlage wird es aber auch für das GZF zunehmend herausfordernder, Mitarbeitende für die Pflege zu rekrutieren. «Der Fachkräftemangel in der Pflege ist eine Realität, die uns stark beschäftigt und fordert», sagt Crespo. Und:

«In der Schweiz werden zu wenig Pflegefachpersonen ausgebildet und es fehlt an genügend Pflegenden.»

Ist also der Beruf unattraktiv geworden? So einfach ist es nicht. Crespo sieht mehrere Ursachen für den Personalmangel in der Pflege. Eine ist der Pflegebedarf, der infolge der alternden Bevölkerung und der damit verbundenen Multimorbidität stetig ansteigt. Ein zweiter: «Der Pflegeberuf ist sehr anspruchsvoll und die physische und psychische Belastung, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche auf dem Personal lastet, ist hoch.»

Hinzu komme, so Crespo, dass in der Pflege die Administration und Dokumentationspflicht stark zugenommen habe. «Das bedeutet, dass sich das Verhältnis der direkten Arbeit am Patienten zu Gunsten der Administration verlagert hat, was die Attraktivität des Pflegeberufes beeinträchtigt.»

GZF bildet über 100 Lernende und Studierende aus

Und eben: Die Schweiz bildet seit Jahren zu wenig qualifizierte Pflegefachleute aus. Das GZF versucht auch hier, gegenzusteuern. Über 100 Lernende und Studierende werden hier jährlich in 15 Berufen ausgebildet. Das heisst:

«Rund 25 neue Lernende starten bei uns jedes Jahr per 1. August zur Grundausbildung.»

Erfreulich dabei: Die Nachfrage nach Lehrstellen hält sich am GZF seit Jahren «auf konstantem Niveau». Vor allem im Bereich Fachfrau/Fachmann Gesundheit EFZ gibt es viele Bewerberinnen und Bewerber.

Die Coronapandemie hat allerdings die Suche nach Lernenden erschwert. «Wir beobachten, dass aufgrund der Covid-19-Pandemie Lernende vermehrt belastet sind und die Suche nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten, insbesondere für Pflegefachpersonal HF, schwieriger geworden ist», sagt Crespo.

Gerade auch angesichts der immer schwieriger werdenden Rekrutierung und des steigenden Bedarfs an Fachpersonal ist es umso wichtiger, die Fachpersonen nicht nur auszubilden, sondern sie auch langfristig im Beruf halten zu können. Laut «Sonntags-Zeitung» schmeissen aber über ein Drittel den Bettel wieder hin, sobald sie mit der Ausbildung fertig sind.

Die meisten bleiben dem Job treu

Dies trifft auf das GZF nicht zu. Hier ist der Anteil der Pflegenden, die in einen anderen Beruf wechseln, laut Crespo relativ gering. Und:

«Pflegende, die das GZF verlassen, bleiben dem Beruf in der Regel treu.»

Am GZF bricht im Schnitt pro Jahr nur ein Lernender die Ausbildung ab. Auch hier sind die Gründe vielfältig. «Die Pflege ist ein Beruf, der viel fordert: soziale Kompetenz, aber auch Flexibilität und die Fähigkeit, sich auf immer wieder wechselnde, teils unvorhersehbare Situationen einstellen zu können», sagt Crespo. Die Arbeit mit Menschen verlange hohes soziales Engagement und stelle an die Lernenden manchmal unterschätzte Herausforderungen, welche sie an die Grenze der eigenen Belastbarkeit brächten.

«In der Lehrzeit kommt hinzu, dass die Lernenden neben der Arbeit zusätzlich den Anforderungen der Schule gerecht werden müssen», so Crespo. Hier liege oftmals die Schwierigkeit darin, die goldene Mitte zu finden.

«Wochenend- und Schichtarbeit erschweren ausserdem im privaten Bereich das soziale Leben. Einige Lernende unterschätzen dies und können damit weniger gut umgehen.»

Das Berufsbild wird sich weiter verändern. Es wird in Zukunft zusätzlich zu den klassischen Fähigkeiten und Kompetenzen der Pflegenden auch noch andere Fähigkeiten und andere Persönlichkeitstypen brauchen. Als Beispiel nennt Crespo eine hohe Affinität zu Technik und Informatik – Stichwort Digitalisierung und Dokumentierung – sowie hohe Kommunikations- und Beziehungskompetenzen. Das ist eine Herausforderung. Und zugleich eine Chance.

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