Laufenburg
Ein zweites Leben für ausgemustertes Zeug: Der Physiotherapeut erschafft jetzt Kunstwerke – auch aus Knochen

Vor drei Jahren ging der Laufenburger Physiotherapeut Hans Ryser in Pension. Seither beschäftigt er sich in seinem Atelier mit Kunst. Er kombiniert Knochen tierischen Ursprungs mit anderen Fundstücken zu grazilen und surrealen Objekten – und die Physiotherapie spielt dabei noch immer eine Rolle.

Peter Schütz
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Hans Ryser im Atelier mit einem Mobile.

Hans Ryser im Atelier mit einem Mobile.

Peter Schütz / Aargauer Zeitung

Hans Ryser, Physiotherapeut im Ruhestand, hat sich für den Unruhestand entschieden. Seine Praxis hat er gegen ein Atelier im Dachgeschoss des Hauses in der Laufenburger Altstadt, das er mit seiner Frau Franziska bewohnt, getauscht. Dort verbringt er einen Teil seiner Zeit, um seltsame, surreale Wesen und Objekte aus Fundgegenständen zu konstruieren.

Der 72-Jährige nennt den Vorgang gelegentlich zwar «Basteln», aber es ist mehr als das. Denn er hat einen Sinn für ästhetisch wirkende Kuriositäten entwickelt, der mit einem grossen Erfindungsreichtum beim Einsatz des Materials einhergeht. Manches verbindet er mit Draht, oder er verwendet verkohltes Holz als Podest. Seine Objekte stehen, hängen, liegen und fliegen.

Ein zweites Leben für das ausgemusterte «Zeug»

Im Atelier befinden sich ein Pult, ein Stuhl und zwei Sessel. Die Aussicht ist grandios, der Blick auf das alte Zeughaus, auf andere gleich hohe Häuser und deren Dächer, senkrecht darunter führt der Weg zur Badstube. Obwohl mitten in der Altstadt, herrscht im Atelier absolute Ruhe. Wenn Hans Ryser arbeitet, läuft kein Radio, keine Musik. Er sagt:

«Da hocke ich am Pult, und manchmal kommt etwas, manchmal kommt nichts.»

Meistens kommt etwas, weil er sich nicht einschränkt, weil er offen ist für den noch so kleinen Impuls, den ihm ein noch so kleines Ding geben kann. Am Ausgangsmaterial jedenfalls liegt es nicht, denn davon hat er eine grosse Auswahl – vor allem Knochen, Wirbel, Tierschädel, ausserdem altes Werkzeug, Tennisbälle, Schwämme, Murmeln, Stumpen, rostiger, beim Vorbesitzer in Ungnade gefallener Schrott. Hans Ryser gibt diesem «Zeug» ein zweites Leben, erhebt es quasi in eine neue Dimension, in der es etwas Besonderes wird.

Eine Hacke mit aufgesteckter Heugabel und Schädel wird zum Flugkörper, eine Wirbelsäule zur senkrechten Skulptur, Kinderspielsachen zum fröhlich-farbigen Domino.

Irgendwie ist er immer noch Physiotherapeut

«Seit acht Jahren mache ich das», sagt er. Bis 69 hat er in seinem Geschäft im XL-Zentrum beim Bahnhof gearbeitet, dann war Schluss. Aber seine Profession begleitet ihn immer noch. Wenn er seine Objekte ausstellt, erkennt er:

Hans Ryser und Geschäftsführerin Christina Balzano bei seiner Pension.

Hans Ryser und Geschäftsführerin Christina Balzano bei seiner Pension.

Dieter Deiss (3. April 2018)
«Meine physiotherapeutische Mission habe ich nicht abgelegt.»

Er kommt mit den Betrachtern ins Gespräch, macht sie auf die Beschaffenheit von Knochen aufmerksam, erklärt, wo die nicht mehr sichtbaren Sehnen sitzen und wie die Nerven verlaufen, und rät, wie er es rund 50 Jahre lang getan hat, zu Bewegung. Zu seiner Kunst gibt es also noch gratis Tipps für ein besseres, unter Umständen schmerzfreies Leben.

Hans Rysers Leidenschaft für das Sammeln von Knochen hat ihren Ursprung im Urlaub mit seiner Familie auf Kreta. Anstatt am Strand herumzuliegen, war Wandern, Herumstreunen angesagt. In Schluchten fand er Überreste von abgestürzten Weidetieren, packte sie in den Rucksack, nahm sie nach Hause, bleichte sie, sofern sie nicht schon vom Wetter gebleicht waren. «Ich habe sie damals noch nicht benutzt», blickt er zurück, aber:

«Ich habe gewusst, das interessiert mich, irgendwann mache ich etwas daraus.»

Jetzt kombiniert er die Knochen mit anderen Elementen oder schneidet sie zu dünnen Scheiben, um sie auf schwarzen Schieferplatten zu befestigen. So wird aus etwas Selbstverständlichem Kunst mit einem wissenschaftlichen Effekt, indem Ryser den Blick auf mikroskopisch feine Strukturen lenkt, die ein grosses Gewicht aushalten können.

Seine erste Ausstellung hatte er 2019 in Basel, die zweite anlässlich der Laufenburger Kulturnacht diesen Sommer mit Dora Freiermuth und Istvan Akos. «Ich habe gemerkt, ich stelle gern aus. Der Kontakt mit den Leuten gefällt mir.»

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