Coronakrise

«Ich hatte stets eine Kriegskasse» – Aargauer Unternehmer fordert Umdenken wegen Finanz-Problemen

Von einem Unternehmen erwartet Kunz, dass es sich 3 bis 4 Monate ohne Hilfe über Wasser halten kann.

Von einem Unternehmen erwartet Kunz, dass es sich 3 bis 4 Monate ohne Hilfe über Wasser halten kann.

Unternehmer und alt Grossrat Markus Kunz ist schockiert, wie schnell Betriebe in finanzielle Schieflage geraten. Er fordert ein Umdenken.

Markus Kunz nimmt kein Blatt vor den Mund. «Es ist für mich als Unternehmer schlicht nicht nachvollziehbar, wie schnell Grossbetriebe und KMUs aller Branchen wegen der Coronakrise in eine finanzielle Schieflage geraten.» Da würden offensichtlich viele Betriebe «von der Hand in den Mund leben», mutmasst der ehemalige Grossrat und Inhaber eines kleinen Bäckereiimperiums im Fricktal. Dieses hat er Anfang Jahr verkauft und setzt nun ganz auf seine «Konfi Manufaktur», welche renommierte Hotels wie The Dolder Grand mit Konfitüre versorgt.

Von einem Unternehmen – auch von einem Kleinunternehmen – erwartet Kunz, dass es sich drei bis vier Monate ohne Hilfe über Wasser halten kann. «Wer das nicht kann, lebt gefährlich und gefährdet die Existenz seiner Mitarbeitenden», sagt Kunz. Der Fricker hatte in den 33 Jahren, in denen er die Bäckerei geführt hat, stets ein separates Konto für den Krisenfall.

Diese «Kriegskasse», wie er es nennt, war stets so alimentiert, dass er vier bis sechs Monate Mieten und Löhne hätte zahlen können. Auf die Idee eines Krisenkontos brachte ihn damals der Patron eines grossen Industriebetriebs in der Region, der ihm sagte, er könne in einer Wirtschaftskrise ein halbes Jahr durchhalten, ohne zu den Banken rennen zu müssen.

Kunz weiss, dass die Coronakrise nicht vorhersehbar war und deshalb ein Ausnahmezustand ist. Er findet es denn auch richtig, dass der Bund der Wirtschaft mit 42 Milliarden zur Hilfe kommt – mit einem kleinen Aber allerdings: «Die Hilfe überdeckt ein strukturelles Problem, das einige Betriebe haben», sagt er. Sie wären auch ohne Coronakrise gefährdet, könnten nun aber dank der Unterstützung des Staates zumindest vorläufig überleben.

Gesellschaft muss für ­Krisenfall gerüstet sein

Kunz stört auch, dass nun ausgerechnet die Gewerbeverbände, die sonst nichts auf den freien Markt kommen lassen, nach dem Staat rufen. Kunz war selber 15 Jahre Vorstandsmitglied des Aargauischen Gewerbeverbandes. «Extrem» stören ihn auch die Billiganbieter, «die mit ihren Preisen den Markt unterwandern, deshalb keine finanziellen Ressourcen für eine saubere Eigenkapitalquote haben und nun einfach die hohle Hand machen». Als Beispiel nennt er die Billig-Airlines. «Zum Glück ist das Baugewerbe bislang nicht von der Coronakrise betroffen», schiebt Kunz nach. «Sonst hätten wir ein riesiges Debakel, denn auf dem Bau geht vieles nur noch über den Preis.»

Früchte, Pektin und Kochzeit: die Konfitüren-Tipps von Profi Markus Kunz von der Konfi Manufaktur in Herznach

Früchte, Pektin und Kochzeit: die Konfitüren-Tipps von Profi Markus Kunz von der Konfi Manufaktur in Herznach. (Video vom 28. Februar 2020)

Das Grundproblem liegt für Kunz in der heutigen Wohlstandsgesellschaft. «Viele lebten einfach in den Tag hinein und konnten sich gar nicht mehr vorstellen, dass etwas passieren kann.» Das zeige sich an den Hamsterkäufen; «viele haben nicht den geringsten Vorrat zu Hause». Das zeige sich beim Gewerbe, das ein Spiegelbild der unvorbereiteten Gesellschaft sei.

Für Kunz muss eine Lehre aus der Coronakrise sein, dass Gesellschaft wie Unternehmen vorsorgen und sich für den Krisenfall rüsten. «Dieser kann auch unabhängig von einer Pandemie eintreten», sagt Kunz. Als Unternehmen müsse man dies einkalkulieren. Sein Vorschlag: Betriebe könnten eine eigene Schuldenbremse führen – «trotz den heute so verführerisch attraktiven Krediten». Das würde seiner Ansicht nach zur Gesundung der Unternehmensstrukturen beitragen. Er jedenfalls ist froh, dass er seine «Kriegskasse» hatte. «Schon nur, weil ich so ruhiger schlafen konnte.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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