Möhlin
«Freizeitleben? Was ist das schon wieder?»: Wie eine Aargauer Auswanderin die Coronakrise in Kanada erlebt

In Ontario gelten ähnliche Coronarestriktionen wie in der Schweiz. Mit einem grossen Unterschied: Die Restaurants und Bars sind wieder offen. Jacqueline Grice-Hurni erzählt, wie stark das Leben in Kanada derzeit eingeschränkt ist, wie sie die Coronaerkrankung selber erlebt hat – und was sie Menschen rät, die nach Kanada reisen wollen.

Thomas Wehrli
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Jacqueline Grice-Hurni stammt aus Möhlin und wohnt seit 37 Jahren in Kanada.

Jacqueline Grice-Hurni stammt aus Möhlin und wohnt seit 37 Jahren in Kanada.

Zvg

Die Schweiz lockert die Anti-Corona-Massnahmen ab dem kommenden Montag – zumindest etwas: Die Läden können wieder öffnen, die Restaurants bleiben aber bis mindestens am 22. März ganz geschlossen. Die Diskussionen, ob der Lockerungsschritt richtig ist oder zu wenig weit geht, laufen heiss.

Wie meistern andere Länder diese Gratwanderung zwischen Coronaschutz und Freiheitsrechten? Die AZ fragt bei Fricktalern nach, die im Ausland leben.

Jacqueline Grice-Hurni stammt aus Möhlin und wohnt seit 37 Jahren in Kanada. «Wie die Zeit doch vergeht», sagt sie im Gespräch mit der AZ. Jacqueline Grice wohnt in Ontario. Sie arbeitet hier schon viele Jahre in einem Stoffladen. «Wir hatten durch Corona massive Einschränkungen», sagt sie. Die Situation sei ähnlich gewesen wie in der Schweiz.

Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen «und so habe ich mehr Zeit für mich selber», sagt die lebensfrohe Fricktalerin. Es zieht sie oft in die Natur. Zu Hause ist Stricken eine ganz grosse Leidenschaft, was sie auf ihrem Strickblog auch eindrücklich zeigt. Sie hofft, im Frühling wieder mehr draussen sein zu können – und zu reisen. «Vielleicht kann ich auch wieder einmal in die Schweiz kommen», hofft sie.

Jacqueline Grice-Hurni freut sich schon jetzt auf die wärmere Jahreszeit und die aufblühende Natur.

Jacqueline Grice-Hurni freut sich schon jetzt auf die wärmere Jahreszeit und die aufblühende Natur.

Zvg

Wie ist die Coronasituation aktuell in Kanada?

Bis vor einer Woche waren wir im Lockdown. Drei Monate lange durften nur Lebensmittelgeschäfte sowie Geschäfte für den notwendigen Bedarf offen haben. In den Geschäften gilt immer noch Maskenpflicht, zudem ist die Zahl der Kunden beschränkt. Seit letzter Woche sind wir nun aber in der «Red Zone». Damit können auch Fitnessstudios und Coiffeursalons wieder öffnen.

Wie sehr schränken Sie die Massnahmen selber ein?

Ich verlasse meinen Wohnort seit Jahresbeginn nur noch selten. Da ich im Januar Covid-19-positiv war, musste ich 14 Tage in die Isolation. Seither arbeite ich auch nicht, da der Laden bis in dieser Woche geschlossen war.

Wie haben Sie sich angesteckt?

Da bin ich mir nicht sicher. Möglicherweise habe ich mich über eine Person angesteckt, die asymptomatisch war. Man weiss nie, wer Corona hat. Mein Rat: Seid vorsichtig, tragt eine Maske und haltet euch an die Schutzmassnahmen! Es ist kein Vergnügen, mit Covid-19 angesteckt zu sein. Ich habe die Krankheit zum Glück gut überstanden.

Hat man Angst, auch andere anzustecken?

Ja. Ich bin sehr froh, dass ich niemanden angesteckt habe. Alle Personen, die mit mir Kontakt hatten, wurden negativ getestet.

Wie gehen die Leute vor Ort mit Corona um?

Die meisten Menschen halten sich an die Massnahmen. Doch es gibt leider auch Menschen, die denken, das sei alles nur ein «Witz» oder Corona sei bloss eine «Grippe». Ich sage ihnen: Dem ist nicht so!

Wie reagieren die Kunden im Laden auf die Schutzmassnahmen?

Die meisten sehr verständnisvoll. Doch es gibt auch Ausnahmen. Ich habe selber erlebt, dass eine Kundin ohne Maske in den Laden kommen wollte. Wir sagten ihr, dass dies nicht ginge. Leider hat sie das nicht eingesehen.

In der Schweiz spürt man eine grosse Coronamüdigkeit und die Rufe nach Lockerungen werden lauter. Wie ist das bei Ihnen?

Eine Coronamüdigkeit spürt man auch hier; sie ist inzwischen sehr gross. Zum Glück sind wir seit einer Woche in der «Red Zone». So ist es jetzt wieder etwas lockerer. Doch viele wohnen in Hochhäusern oder Apartments und können nicht einfach so in die Natur hinaus.

Wie läuft der Schulunterricht?

In Schulen, Colleges und Universitäten läuft vieles wie in der Schweiz, online. (Lacht.) Da müssen die Schüler schon den Willen haben, etwas zu lernen. Die Kinder und Teenager sind durch die neue Situation auch viel öfters online und gamen mehr am Computer.

Bei uns herrscht Homeoffice-Pflicht. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Die Regierung hat bei uns ebenfalls allen empfohlen, wenn möglich, von zu Hause aus zu arbeiten.

Gibt es auch bei Ihnen eine Personenregel?

Ja, sie ist ähnlich wie in der Schweiz. Man soll in der eigenen Familie bleiben. Das heisst: Besuche sind zu vermeiden, und wenn man Besuche macht, gilt eine Fünf-Personen-Regel im Inneren. Garten-Partys sind bis zu 25 Personen erlaubt. Bei Hochzeiten und Bestattungen dürfen Innenräume nur bis zu 30 Prozent ausgelastet sein und im Freien dürfen maximal 100 Personen zusammenkommen. Auch gilt eine Zwei-Meter-Abstandsregel.

In der Schweiz liegt das Freizeitleben derzeit lahm. Wie ist das bei Ihnen?

Freizeitleben? Was ist das schon wieder? (Lacht.) Ja, das Freizeitleben liegt auch bei uns lahm. Wir sind jetzt im tiefsten Winter und kaum jemand fliegt in die Ferien. Das ist eine grosse Umstellung, denn normalerweise gehen in dieser Jahreszeit viele in den Süden. Auch sonst ist das Leben stark eingeschränkt.

Ist es denn verboten, in den Süden zu fliegen?

Nein, man darf schon in den Süden fliegen – vorausgesetzt, man bekommt überhaupt einen Flug. Doch wenn man zurückkommt, muss man 14 Tage in Quarantäne, sich testen lassen – und dann erst noch in ein Hotel gehen, das von der Regierung bestimmt wird. Das kann ganz schön teuer werden.

Wie steht es mit Restaurants und Bars? In der Schweiz bleiben sie im März noch geschlossen.

Bis vor einer Woche waren auch bei uns die Restaurants und Bars geschlossen. Jetzt sind sie wieder offen. Allerdings sind nicht mehr als vier Personen pro Tisch erlaubt. Zwischen den Tischen muss ein grosser Abstand sein und die Gaststätten dürfen nur zu 30 Prozent ausgelastet sein. Zudem müssen sie um 22 Uhr schliessen. Nach 21 Uhr darf auch kein Alkohol mehr verkauft werden.

Aber die Parks sind offen?

Ja, man kann in den Parks spazieren gehen. In manchen Orten sind auch die Eisbahnen offen. Man kann allerdings nicht einfach eislaufen gehen, sondern muss sich ein Zeitfenster buchen. Auf den Eisfeldern gilt natürlich Maskenpflicht.

Wie verbringen Sie selber die Zeit?

Ich bin viel am Stricken, Backen und Nähen. Natürlich nähe ich auch Masken, das war der Renner im letzten Jahr. Ich liebe es aber auch, in der Natur zu sein. So gehe ich oft spazieren und nehme dabei viele Fotos mit dem Handy oder der Kamera auf – ein grosses Hobby von mir, das ich schon immer hatte.

Und die Arbeit?

Der Stoffladen ist seit dieser Woche wieder offen. Ich arbeite ab März wieder. Darauf freue ich mich sehr.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?

Das Zusammensein mit Menschen vermisse ich sehr. Einen lieben Menschen zu umarmen, auf Reisen zu gehen, Besuche zu machen und Besuche zu empfangen. Mit anderen Worten: Einfach normal zu leben – ohne Maske.

Im Vergleich: Wie ist der Februar 2021 für Sie? Besser als 2020?

Das ist ein riesiger Unterschied von 2020 zu 2021. Vor einem Jahr freute ich mich auf eine Segelschiffsreise in die Karibik. Die «Heineken Regatta», bei der wie Tausende von Segelfans auch ich mitgemacht hatte. Ich traf in Saint Martin sogar ein Team aus Rheinfelden. Ich war völlig sprachlos. So weit weg – und dann treffe ich Schweizer aus meiner ehemaligen Nachbargemeinde an. (Seufzt.) Leider ist Reisen derzeit nicht möglich.

Wie stark sind aktuell die Restriktionen für Touristen?

Sehr gross. Kanada hat die Einreise stark limitiert.

Wenn Sie jemand aus der Schweiz in diesem Jahr besuchen möchte. Was raten Sie ihm?

Im Moment würde ich ihm sagen: Komm besser erst später. Denn wir gehören erst seit einer Woche zur «Red Zone» und die Empfehlung lautet nach wie vor: Zu Hause bleiben.

Wie halten Sie aktuell den Draht zu ihren Bekannten in Kanada?

Mit E-Mails, Anrufen und Facetime.

Wie zu Freunden in der Schweiz?

Kontakt habe ich mit meiner Familie und mit meinen Freunden via Skype und Whatsapp.

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