Frick/Laufenburg
«Gefährdet das Leben der Angehörigen»: Altersheim-Chef Rotzetter über Besuche und Schutzmassnahmen

Andre Rotzetter findet es unverantwortbar, wenn man sich im Umgang mit alten Menschen nicht an die Covid-Schutzmassnahmen hält.

Thomas Wehrli
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«Es geht auch darum, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert»: Andre Rotzetter, Geschäftsführer des VAOF. Ist bald leer: Das Ueker Gemeindehaus.

«Es geht auch darum, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert»: Andre Rotzetter, Geschäftsführer des VAOF. Ist bald leer: Das Ueker Gemeindehaus.

Thomas Wehrli (24.11.2020) Bild: Archiv (29. September 201

Andre Rotzetter nimmt kein Blatt vor den Mund: «Wer seine Angehörigen besucht oder sie zu einem Besuch nach Hause holt und sich nicht an die Schutzmassnahmen hält, gefährdet ihr Leben und das ganz vieler Menschen.» Rotzetter ist Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF), der in Frick und Laufenburg je ein Alters- und Pflegeheim mit rund 100 Plätzen führt.

Was er rund um die Coronapandemie erlebt, «ist zum Teil wie aus einem schlechten Film». Klar, räumt auch Rotzetter ein, der überwiegende Teil der Angehörigen handelt «vernünftig und richtig». Aber eben: «Ein Prozent schert sich um sämtliche Schutzmassnahmen.» Er erzählt von einem Fall, wo die Mutter zu einem Familienfest geholt wurde – und daran auch jemand teilnahm, der typische Covid-Symptome hatte. «Das ist unverantwortlich», so Rotzetter.

Die Nerven sind zum Teil dünn

Denn wenn das Virus, der «fiese Käfer», wie ihn Rotzetter nennt, so ins Heim eingeschleppt werde, müssten die Bewohner auf dem betroffenen Stock – oder im Worst Case im ganzen Haus – in Quarantäne. «Das bringt nicht nur die Bewohner um ein grosses Stück Lebensqualität, sondern belastet das Personal, das ohnehin schon am Limit läuft, noch zusätzlich», so Rotzetter.

Dass beim Personal, das seit März durchgehend mit Schutzmaske arbeitet, die Nerven inzwischen zum Teil etwas dünn sind, «ist menschlich», findet Rotzetter.

Gerade am Wochenende hat ihm ein Kollege von der Situation in einem von Covid betroffenen Pflegeheim erzählt – davon, wie sehr die Bewohner unter den wegbrechenden Sozialkontakten leiden und davon, wie die Situation die Mitarbeitenden an den Rand des Leistbaren treibt.

Eigenes Contact-Tracing funktioniert

Rotzetter hofft, dass das Coronavirus nie den Weg in eines seiner Heime findet. Er weiss aber auch: «Das kann jederzeit passieren.» Verdachtsfälle gab es auch in den beiden VAOF-Häusern, und «rund ein Dutzend Mal» waren Angehörige auf Besuch, die ­Covid-19 hatten, es aber zu dem Zeitpunkt des Besuches noch nicht wussten und sich gesund fühlten. Bislang griff das Virus nicht auf die Bewohner über.

Das sei ein Stück weit Glück, räumt Rotzetter ein, liege aber auch am Schutzkonzept. Dazu gehört neu ein Zutrittssystem; die Angehörigen unterschreiben einen Schutzvertrag und erhalten im Gegenzug einen Badge für die Haupttüre. Und das liegt auch am eigens entwickelten Contact-Tracing-System per Smartwatch, auf das Rotzetter «schon auch stolz ist». Die Testphase sei «sehr gut» verlaufen.

Alle Bewohner würden die Uhr gerne tragen, «viele sogar mit Stolz», und auch die meisten Angehörigen machen mit. Sie bekommen, wie das Personal, beim Eintritt eine Smartwatch, loggen sich ein und geben die Uhr beim Verlassen wieder ab.

Damit kann in einem Coronafall nachvollzogen werden, wer wem wie lange wie nahe war. «So müssen nur jene in Quarantäne, die Kontakt mit dem Infizierten hatten.» Das steigere die Lebensqualität im Covid-Fall ­extrem und entlaste das Personal, ist sich Rotzetter sicher.

Pflegepersonal bringt ­«unglaubliche Leistung»

Aber eben: Auch hier gibt es «schwarze Schafe», wie es Rotzetter formuliert, Leute, die nicht mitmachen wollen. 15 Informationsveranstaltungen für Angehörige hat der VAOF durchgeführt. Rund 350 Angehörige haben teilgenommen, einige hatten keine Zeit und man informiert sie separat – und einzelne «kümmern sich keinen Deut darum».

Just diese seien es dann aber, die Grundsatzdiskussionen über Covid führen wollen – «etwas, wofür wir derzeit wirklich keine Zeit haben». Auch wenig Lust, denn «gerade für ältere Menschen ist eine Covid-Erkrankung keine normale Grippe», sagt Rotzetter. Die Mortalität liege bei einer Erkrankung bei alten Menschen im Pflegeheim bei 20 bis 25 Prozent.

Das Argument, das er dann bisweilen zu hören bekommt, es würden ja ohnehin jedes Jahr rund ein Viertel der Altersheimbewohner sterben, kann Rotzetter nicht mehr hören. «Es geht nicht nur um die Einzelfälle. Es geht vor allem auch darum, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert.»

Die Zahl der Intensivplätze sei beschränkt, die Personalressourcen ebenfalls. «Wenn die Intensivbetten nun zum grossen Teil von Covid-19-Patienten belegt sind – was passiert, wenn ein junger Mann im Strassenverkehr verunfallt und einen IPS-Platz braucht?», skizziert er die Pro­blemstellung, ballt die Faust und fügt hinzu: «Menschen, die mit ihrem Verhalten eine Ansteckung bewusst oder fahrlässig in Kauf nehmen, fehlt jeglicher Respekt vor den Mitmenschen und der unglaublichen Leistung, die das Pflegepersonal seit März Tag für Tag vollbringt.»

Rotzetter ist sich aber auch bewusst: «Alle werden wir nicht überzeugen können.» Für diese Fälle hat der VAOF nun vorgesorgt. Wer keine Besuchervereinbarung unterschreibt und sich nicht verpflichtet, die getroffenen Schutzmassnahmen einzuhalten, kann seine Angehörigen nur noch zeitlich beschränkt besuchen.

Sorgenvoller Blick in Richtung Festtage

«Das Haus ist grundsätzlich geschlossen, damit sich im Haus alle Bewohner ohne Maske bewegen können. Wir können nicht den ganzen Tag über jemanden als Portier abstellen», so Rotzetter. Hier hilft nur während drei Wochen der Zivilschutz aus; er informiert in Frick die Besucher, die keinen Badge haben, weil sie die Vereinbarung (noch) nicht unterschrieben haben, wie sie vorgehen können.

Mit Sorgen blickt Rotzetter auch auf die nahenden Festtage. Es sei wichtig, dass die älteren Menschen mit ihren Angehörigen feiern können. «Aber dabei müssen die Schutzmassnahmen eingehalten werden», fordert der CVP-Grossrat. Denn man könne Träger des Virus sein, ohne es zu merken. Er hofft «auf eine weihnachtliche Erleuchtung bei allen.»