Fricktal
Die Stimmen am Tag nach dem Entscheid: Was die Mittelschul-Debatte gezeigt hat

Die Fricktaler Kantonsschule wird in Stein gebaut. Bei den Grossräten und Grossrätinnen überwiegt am Tag nach dem Entscheid die Freude, dass die Region endlich eine Mittelschule erhält. Gleichzeitig gibt es erste Ideen, was mit dem Standort Rheinfelden passieren könnte, der leer ausging. Wird Rheinfelden nun zum Kompetenzzentrum für Gesundheit?

Thomas Wehrli
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Die Mittelschule wird in Stein gebaut – jetzt geht es darum, dafür die Parameter festzulegen.

Die Mittelschule wird in Stein gebaut – jetzt geht es darum, dafür die Parameter festzulegen.

zVg

Die Würfel sind gefallen: Stein erhält die Fricktaler Mittelschule, Rheinfelden geht leer aus. Am Lobbying der Stadt Rheinfelden lag es nicht; dieses war umfassend und auch professionell. Noch Ende letzter Woche legte die Stadt per Brief und Broschüre allen Grossrätinnen und Grossräten nochmals dar, weshalb Rheinfelden die richtige Wahl ist. Die Mehrheit im Grossen Rat sah es am Dienstag trotzdem anders.

Was bleibt von den Debatten der letzten Wochen und Monate um eine Mittelschule im Fricktal zurück?

Die Erkenntnis, dass gut Ding manchmal wirklich Weile haben will; eine Mittelschule im Fricktal sah das Schulgesetz schon 1981 vor.

Die Erkenntnis, dass Schulthemen immer zu emotionalen Debatten führen.
Die Erkenntnis, dass eine politische Ausmarchung hart geführt werden und doch fair bleiben kann.

Die Erkenntnis auch, dass das Fricktal breit aufgestellt ist und eine Schule dieser Grössenordnung an mehreren Standorten gut möglich gewesen wäre. Selbst die dritte Bewerberin, die Gemeinde Frick, reichte ein gutes Dossier ein. Dass sie dennoch schon in der Anhörung ausser Rang und Traktanden fiel, hing vor allem mit den deutlich höheren Erstehungskosten für das Areal – es wird heute als Firmensitz genutzt – und einer damit verbundenen Planungsunsicherheit zusammen.

Die Erkenntnis aber vor allem, dass das Fricktal ab Schuljahr 2029 nun seine eigene Mittelschule hat – und damit ein 40 Jahre altes Versprechen eingelöst wird.

Bei Fricktaler Grossrätinnen und Grossräten überwiegt die Freude

Entsprechend sind auch alle Fricktaler Grossrätinnen und Grossräte, mit denen die AZ am Tag nach der Abstimmung gesprochen hat, in aller erster Linie über das «Dass» des Entscheides froh.

Christoph Riner (SVP).

Christoph Riner (SVP).

Ata

Christoph Riner (SVP) reiste gestern mit einem guten Gefühl nach Aarau. «Mit dem Wissen im Gepäck, dass wir Fricktalerinnen und Fricktaler heute eine eigene Mittelschule erhalten.» Er ging dabei davon aus, dass es in Richtung Stein laufen dürfte – diesen Standort hatte auch die SVP favorisiert –, dass die Standortfrage aber nochmals intensiv diskutiert würde.

Was dann auch so kam. «Solche leidenschaftlichen Debatten erlebt man im Grossen Rat nicht alle Tage», weiss er. Jeder habe versucht, seinen Standpunkt nochmals deutlich zu machen, für seinen oder ihren Favoriten zu lobbyieren. Gefreut hat Riner, dass es immer sachlich blieb.

«Es kamen keine falschen Argumente. Nur die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen wurden, waren anders.»

Wer die Schule in einem urbanen Raum sah, stimmte für Rheinfelden; wer mehr einen Ausgleich zwischen Stadt und Land suchte, eher für Stein.

Wobei: Die Kontrastierung von Stadt und Land mag Elisabeth Burgener (SP) nicht mehr hören. Sie sagt:

«Das tönt mir zu stark nach Schwarz-Weiss-Malerei.»

Sie sorgte – zusammen mit Colette Basler – denn auch für viele Farbtupfer in der Diskussion um den richtigen Standort innerhalb der SP-Fraktion.

Die SP sprach sich in der Anhörung für Rheinfelden aus, Burgener favorisierte dagegen Stein. Entsprechend unterstützte sie zusammen mit Basler – als einzige ihrer Fraktion – den Minderheitsantrag aus der Kommission Allgemeine Verwaltung nicht, Rheinfelden statt Stein als Schulstandort im Schulgesetz festzuschreiben.

Abstimmung als erste Vizepräsidentin erlebt

Für Burgener war die Abstimmung am Dienstag ohnehin speziell. Es ging um ein zentrales Zukunftsthema für ihre Region – und sie «musste» schweigen. Denn Burgener ist erste Vizepräsidentin des Grossen Rates und wird im kommenden Jahr das Präsidium übernehmen. Und in dieser Funktion hält man sich aus den Debatten heraus.

Elisabeth Burgener (SP).

Elisabeth Burgener (SP).

Sandra Ardizzone

Zumindest öffentlich. In der Fraktion allerdings versuchte sie «aufzuzeigen, weshalb wir gut mit dem Standort Stein leben können». Weil es eine gute Option sei, sagt sie – und weil hier ein Campus realisiert werden könne, in den die jungen Menschen gerne gingen. Zudem ist Burgener überzeugt, dass die ganze Region von dem notwendigen Ausbau des öffentlichen Verkehrs profitieren wird – nicht nur Stein.

Froh ist Burgener – und das betonen viele Grossrätinnen und Grossräte im Gespräch –, dass der Entscheid zu Gunsten von Stein nicht knapp, sondern eindeutig ausfiel (81:48 Stimmen) und dass sich nach geschlagener Debatte alle hinter Stein stellten: Die Schlussabstimmung fiel einstimmig aus.

Alfons P. Kaufmann (Die Mitte) kann Burgener da nur zustimmen. Ein knapper Entscheid hätte einen fahlen Nachgeschmack hinterlassen. Für Kaufmann, der selber für Stein war, gilt es nun, in Rheinfelden einen anderen Schwerpunkt zu errichten.

Kompetenzzentrum Gesundheit als Vision

Seine Vision ist es, dass das Zähringerstädtchen zu einem kantonalen Kompetenzzentrum für Gesundheit wird. «Die Voraussetzungen dafür sind gegeben», sagt Kaufmann und verweist auf das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) und die vielen Kliniken und Praxen, die es in Rheinfelden gibt.

Alfons P. Kaufmann (Die Mitte).

Alfons P. Kaufmann (Die Mitte).

zVg

Für Kaufmann muss das BZF neben Brugg zum zweiten kantonalen Zentrum in der Ausbildung von Fachkräften im Gesundheitsbereich weiterentwickelt werden. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt:

«Wir müssen die Chance nutzen, bevor Baden oder ein anderer Ort dies tut.»

Dass etwas mit dem BZF geschehen muss, sagt auch Gertrud Häseli (Grüne). Sie ist auch am Tag nach der Abstimmung noch enttäuscht über den Entscheid und «die Sturheit der Fricktalerinnen und Fricktaler, das Thema nicht ganzheitlich zu sehen». Das BZF müsse nun einen Effort leisten und sich neue Felder erschliessen. Häseli:

Gretrud Häseli (Grüne).

Gretrud Häseli (Grüne).

zVg
«So wie es jetzt ist, ist es eine halbe Berufsschule und das ist schade für das Geld.»

Wo die neuen Themenfelder liegen, müsse das Berufsbildungszentrum definieren, sagt Häseli. Die Idee von Kaufmann findet Häseli «eine Option». Wichtig sei, dass etwas gehe und das BZF zu einem richtigen Bildungszentrum werde «und nicht im heutigen Zustand verharrt, der ihm dank Heimatschutz zugesprochen wurde».

Chemie- oder IT-Schwerpunkt sind denkbar

Die Chance nutzen muss jetzt auch der Kanton und in Stein eine Schule bauen, die für Generationen hält; so wie es die Alte Kantonsschule in Aarau tut, die 1802 gegründet wurde. Bruno Tüscher (FDP) sagt;

«Es gilt nun, dass die Verantwortlichen bald zusammensitzen und die Rahmenparameter für die Schule definieren.»
Bruno Tüscher (FDP).

Bruno Tüscher (FDP).

zVg

So etwa, welche Schwerpunkte man in Stein setzen will. «Naheliegend sind Themen, die im Sisslerfeld stark verankert sind.» Chemie beispielsweise. «Aber ich kann mir auch einen IT-Schwerpunkt gut vorstellen», sagt Tüscher mit Blick nach Kaiseraugst, wo das IT-Innovationszentrum von Roche steht.

Bei der Umsetzung sind alle gefordert

Zuversichtlich ist Tüscher, dass die Schule rechtzeitig – also 2029 – startklar ist. Seine Fraktion stellte am Dienstag den Antrag, Gas zu geben und die Schule bereits 2025 in Betrieb zu nehmen. Der Antrag scheiterte mit 19:110 Stimmen klar. Tüscher ist überzeugt, dass man es bis 2025 geschafft hätte. «Wir haben im Aargau viel Erfahrung mit Schulbauten», sagt er und meint damit nicht nur den Kanton, sondern auch Aargauer Firmen, die europaweit Schulbauten aufstellen.

Béa Bieber (GLP).

Béa Bieber (GLP).

Markus Raub

Béa Bieber (GLP), der es am Dienstag wichtig war, «nochmals für Rheinfelden zu kämpfen, weil ich überzeugt bin, dass der Standort eine Top-Option ist», schaut nach verlorener Abstimmung ebenfalls bereits vorwärts.

«Es geht nun darum, dass in Stein die bestmögliche Schule gebaut wird.»

Dazu müssten alle zusammenspannen. «Bei der Konkretisierung und dem Bau sind alle gefordert.» Und für Bieber muss der Blick auch geweitet werden: «Es muss auch eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Kantonen angestrebt werden.»

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