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«Die Schreiber sind keine Könige»: Verbandspräsident Michael Widmer zum Rollenwandel des Gemeindeschreibers

Der Fricker Gemeindeschreiber Michale Widmer präsidiert sein einem Jahr den Verband der Aargauer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber. Im Interview spricht er über die digitalen Herausforderungen, die Autonomie der Gemeinden und wie sich der Beruf des Gemeindeschreibers verändert hat.

Thomas Wehrli
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Michael Widmer ist seit November 2016 Gemeindeschreiber von Frick und präsidiert den Aargauer Verband der Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

Michael Widmer ist seit November 2016 Gemeindeschreiber von Frick und präsidiert den Aargauer Verband der Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Nach der Erkrankung seines Vorgängers übernahm der Fricker Gemeindeschreiber Michael Widmer im November 2019 die Führung des Verbandes Aargauer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber als damaliger Vizepräsident interimistisch. Im letzten August wurde Widmer an einer digital durchgeführten Generalversammlung dann als Präsident gewählt. Ein Gespräch über die digitalen Herausforderungen, die Autonomie der Gemeinden, die Kundenfreundlichkeit der Gemeindeverwaltungen – und ob Gemeindeschreiber immer noch die kleinen Könige im Dorf sind.

Sie haben vor einem Jahr das Präsidium übernommen. Was reizt Sie an der Verbandsarbeit?

Michael Widmer: Es reizt mich, mich für die Interessen der Gemeinden und besonders all meiner Berufskolleginnen und -kollegen einzusetzen.

Ist es nicht einfach ein Verband mehr?

Nein, der Verband ist wichtig. So setzen wir uns aus der Optik der Praktiker für die Interessen der Gemeinden bei Anhörungen von kantonalen Gesetzesvorlagen ein. Weiter führen wir eine digitale Mustersammlung für unsere Mitglieder und unter www.gemeinden-ag.ch bieten wir eine sehr beliebte Jobbörse für alle offenen Stellen von Aargauer Gemeinden an. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Verbands ist die Aus- und Weiterbildung des Gemeindepersonals. Die Gemeindepersonalfachverbände betreiben dazu gemeinsam mit dem Kanton ein eigenes Bildungsinstitut, das Institut für Public Management.

Wohin wollen Sie den Verband in den nächsten Jahren führen?

Als Verband unterstützen wir unsere Mitglieder in ihrer beruflichen Tätigkeit. Dabei hinterfragen wir uns immer wieder, ob die Dienstleistungen des Verbands noch den aktuellen Bedürfnissen entsprechen. Für mich sind dabei derzeit die Digitalisierung wie auch die Aus- und Weiterbildung besonders wichtige Themen.

Wie stark fordert die Digitalisierung die Gemeinden heraus?

Der digitale Wandel ist eine grosse Herausforderung. Die Digitalisierung als globaler Megatrend findet statt, ob wir dies wollen oder nicht. Unser Anspruch als Verband ist es, unsere Mitglieder dabei zu unterstützen, diesen Wandel aktiv mitgestalten zu können. So planen wir zusammen mit der Gemeindeammännervereinigung und weiteren ­Gemeindepersonalfachverbänden gemeinsam mit dem Kanton ein digitales Einwohnerportal, über das die Einwohnerinnen und Einwohner künftig möglichst viele digitale Leistungen von Kanton und Gemeinden zentral beziehen können.

Wie steht es um den Gemeindeschreibernachwuchs?

Besonders ländliche Gemeinden, die nicht entlang der Hauptverkehrsachsen liegen, bekunden oft Mühe, versierte Gemeindeschreiber rekrutieren zu können. Unser Bildungsinstitut bildet gemeinsam mit der Fachhochschule Nordwestschweiz alle zwei Jahre Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber aus. Die Ausbildungslehrgänge sind sehr begehrt und jeweils ausgebucht. Allerdings nehmen später längst nicht alle den Job eines Gemeindeschreibers an. Hier gilt es zu analysieren, weshalb das so ist.

Ist also der Fachkräftemangel auch bei den Gemeinden spürbar?

Ja, die Gemeinden stehen auf dem Stellenmarkt auch in Konkurrenz mit der Privatwirtschaft. Die Gemeinden müssen als Arbeitgeberinnen attraktiv bleiben für den Berufsnachwuchs, wozu konkurrenzfähige Sozialleistungen gehören. Auch flexible Arbeitszeitmodelle, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie begünstigen, sind zunehmend gefragt.

Früher waren die Gemeindeschreiber die kleinen Könige im Dorf – sind sie das immer noch?

Die Schreiber sind keine Könige, für das Funktionieren der Gemeinden dennoch wichtig: Angesichts der hohen und weiter zunehmenden Regulierungsdichte sind die Gemeindeschreiber als rechtliches Gewissen der Gemeinde auch in Zukunft gefragt. Die politisch interessierte kritische Bevölkerung hat zudem eine hohe Erwartungshaltung gegenüber den Gemeinden, wobei Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber bei der Information und Kommunikation gefordert sind. Dagegen haben sich die Gemeindeschreiber aus der Politik herauszuhalten. Dann besteht auch kein Risiko, dass sie zu Königen werden.

Wie hat sich der Beruf verändert?

Wo früher mit der Schreibmaschine gearbeitet wurde, steht heute der PC im Vordergrund. Die Kommunikation über E-Mail tritt anstelle des direkten Gesprächs.

Aber auch seine Rolle hat sich gewandelt.

Ja, früher waren die Gemeindeschreiber gerade in kleinen Gemeinden oft für alle Verwaltungszweige zuständig und daher das eigentliche Gesicht der Verwaltung und der erste Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Gemeinde. Dies ist heute nicht mehr so. Der Gemeindeschreiber ist innerhalb von Verwaltungen mit spezialisierten Fachabteilungen jedoch immer noch als Generalist gefragt, der zudem als Bindeglied zwischen Verwaltung und Gemeinderat wie auch zwischen Gemeinderat und Bevölkerung tätig ist. Gemeindeschreiber sind zudem zunehmend mit klassischen Managementaufgaben der Führung, der Organisation und der Kommunikation wie auch als Vermittler gefordert.

Die Gemeinden sind eng mit dem Kanton verzahnt. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. So gibt es im Aargau beispielsweise das «Konsultationsgremium Kanton-Gemeinden», indem sich zwei Regierungsräte quartalsweise mit Delegationen der Gemeindeammännervereinigung, des Verbands der Finanzfachleute und unseres Verbands treffen, um laufende Projekte und anstehende Reformen zu besprechen. Die kantonale Verwaltung steht Anliegen der Gemeinden in aller Regel offen und interessiert gegenüber. Dies zeigt sich auch am Beispiel des eigens für die Bewältigung der Covid-Pandemie eingesetzten Gremiums, das sich aus Kantons- und Gemeindevertretern zusammensetzt.

Wo sehen Sie in der Zusammenarbeit Optimierungsmöglichkeiten?

Wie überall könnte man auch hier das eine oder andere noch besser machen. Für mich gehört es dabei zur guten Zusammenarbeit, meine Ideen für Optimierungen den Partnern nicht via Medien, sondern im direkten Gespräch mitzuteilen.

Es besteht seit längerem eine Tendenz zur Zentralisierung. Ist das der richtige Weg?

Spürbar ist besonders die seit Jahren andauernde Tendenz zur Spezialisierung. Zu Beginn meiner Gemeindeschreiberlaufbahn in Oeschgen im Jahr 1998 war ich selbst auch noch Gemeindeschreiber, Finanzverwalter und Steueramtsvorsteher in Personalunion. Dies ist heute nicht mehr denkbar. Damit die einzelnen Verwaltungsabteilungen die erwartete Qualität erbringen können und zugleich Stellvertretungen möglich sind, ist eine gewisse Mindestgrösse der Verwaltung wie auch der einzelnen Abteilungen erforderlich.

Wie autonom kann eine Gemeinde heute noch agieren?

Die Aargauer Gemeinden haben eine grosse Autonomie, Visionen und Strategien über ihre künftige Organisation und Entwicklung zu erarbeiten. Zudem haben sie weitreichende Freiheiten bei der Planung und Realisierung von Projekten. Dazu gehören die ganze Infrastruktur der Gemeinde wie auch soziale Angebote wie beispielsweise Tagesstrukturen an den Schulen.

Aber die Autonomie ist kleiner geworden.

Im Bereich der Verwaltung ist die Autonomie in den letzten Jahren sicher ­kleiner geworden, was der starken Regulierung, beispielsweise der Raumplanungs-, der Bau- oder der Sozialhilfegesetzgebung geschuldet ist.

Ist die Gemeinde nicht einfach in vielem die Ausführungsinstanz des Kantons?

Doch, dies betrifft vor allem den Gesetzesvollzug im Steuer-, Raumplanungs-, Finanz- und Sozialhilfewesen. Es gehört dabei jedoch mit zum Föderalismus, dass Gesetze für ein ganzes Land oder innerhalb des ganzen Kantons gelten und die tiefere Staatsebene in einigen Bereichen primär Vollzugsaufgaben hat.

Wie autonom sind die Aargauer Gemeinden im interkantonalen Vergleich?

Im interkantonalen Vergleich stehen die Aargauer Gemeinden punkto Autonomie sehr gut da. So sind die Gemeinden für das ganze Baubewilligungswesen zuständig, ebenso für die Sozialhilfe. Im Kanton Baselland gehört das Baubewilligungswesen zu den Kompetenzen des Kantons. Im Kanton Solothurn wurde die Sozialhilfe in Sozialhilferegionen ausgelagert. Auch sind in etlichen Kantonen die Kantone selbst für die Steuerveranlagungen und das Inkasso der Steuern zuständig, dies im Gegensatz zum Aargau.

Was braucht es, um möglichst autonom bleiben zu können?

Der Anspruch der Gemeinden, auch in Zukunft möglichst autonom bleiben zu können, verpflichtet: Die Kundinnen und Kunden erwarten eine hohe Qualität der Leistungen und eine rasche Abwicklung ihrer Anliegen. Ich bin überzeugt, dass es auch in Zukunft richtig ist, möglichst viele Aufgaben lokal zu lösen und den Gemeinden dazu weitreichende Entscheidungskompetenzen zu überlassen, ganz nach dem Motto «think global, act local».

Die Gemeindeverwaltungen waren lange wenig kundenorientiert aufgestellt. Wie ist das heute?

Diese Frage müssen die Kundinnen und Kunden, die Bevölkerung, beantworten. Nach meiner Wahrnehmung ist bei den Gemeinden eine positive Entwicklung im Gang. Der Anspruch der Kundenorientierung kann jedoch nicht immer erfüllt werden. Ist beispielsweise ein Baugesuch nach den gesetzlichen Vorgaben nicht bewilligungsfähig, so kann es nicht bewilligt werden – auch wenn die Gemeinde dies gerne möchte. Die Kundenorientierung, die Kommunikation als auch der Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen sind zudem wichtiger Bestandteil der Aus- und Weiterbildungen, die unser Bildungsinstitut anbietet.

Wohin müssen sich die Gemeindeverwaltungen entwickeln?

Die Bevölkerung hat heutzutage den Anspruch, möglichst viele Dienstleistungen zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt aus in digitaler Form beziehen zu können. Davon sind auch die Dienstleistungen der öffentlichen Hand nicht ausgenommen. Beispiele sind elektronische Umzugsmeldungen, digitale Baugesuchsverfahren wie auch die Möglichkeit, elektronisch Dokumente zu bestellen und zu bezahlen. Generell müssen die Verwaltungen agil und anpassungsfähig bleiben.

Wer zahlt, befiehlt – bei den Gemeinden sind dies die Stimmberechtigten. Wie weit ist das Realität?

Das direktdemokratische System gibt den Stimmberechtigten viele Einflussmöglichkeiten auf die Ausgaben der Gemeinden in die Hand. So können die einzelnen Positionen des Budgets zur Diskussion gestellt werden. Ausserdem können die Stimmberechtigten über Projektierungs- und Baukredite befinden. Jede stimmberechtigte Person ist eingeladen, von diesen Rechten Gebrauch zu machen.

2021 wird für die Aargauer Gemeinden ...

... ein spannendes Jahr mit vielen Herausforderungen.

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