Wenn Träume wahr werden, ist die Tour de Suisse (TdS) nicht weit: Hätte ihm jemand 2012, als die TdS bereits einmal in Gansingen Halt machte, gesagt, in sechs Jahren sei die Gemeinde im Mettauertal erneut Etappenort – «dann hätte ich ihm gesagt: Träum weiter!», sagte Mario Hüsler am Donnerstag vor den Medien.

Hüsler war damals Vizeammann und Präsident des lokalen TdS-OKs. Heute ist er Gemeindeammann – und wieder im lokalen TdS-OK. Denn: Am 11. Juni fährt der TdS-Tross ins Fricktal ein. Die dritte Etappe endet an diesem Juni-Montag in Gansingen, die vierte startet am Tag darauf in Gansingen.

Tour de Suisse 3. Etappe Oberstammheim - Gansingen

Der Traum wird also wahr. Dass es dazu kommt, hat vorab drei Gründe. Erstens sind die Gansinger ein ausgesprochen radsportbegeistertes Völklein; der Veloclub VMC Gansingen feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen, seine Radsportschule geniesst über die Region hinaus einen guten Ruf. Zweitens wissen die Gansinger, wie man feiert. Beides zusammen summiert sich Mitte Juni zu einem fünftägigen Volksfest, an dem – zumindest – an den beiden TdS-Tagen «der Ausnahmezustand im Dorf herrschen wird», prophezeit OK-Präsident Emanuel Hüsler. Und wer die Gansinger kennt, der weiss: Das ist nicht übertrieben.

Und drittens? Drittens wohnt der Generaldirektor der TdS, Olivier Senn, in Gansingen. Es wird also auch für den TdS-Boss eine ganz spezielle Etappe, zumal der Tross Gansingen dreimal anfahren wird. Zweimal geht es auf eine Zusatzschlaufe, beim dritten Mal wird ins Ziel gesprintet. «Es geht dreimal an meinem Elternhaus vorbei», meinte Senn schmunzelnd. «Meine Eltern müssen also theoretisch nicht einmal vor die Haustüre, um zu sehen, was der Sohn macht.»

Tour de Suisse Höhenprofil 3. Etappe

Tour de Suisse Höhenprofil 3. Etappe

Nairo Quintana mit dabei

Sie werden aber wohl, wie tausende Radsportbegeisterte, entlang der Strecke mit ansehen, was Senn macht – und vor allem, wie das Fahrerfeld fightet. «Es wird ein starkes Feld sein», ist sich Senn nach den ersten Meldungen sicher. Denn zwischen TdS und Tour de France, dem absoluten Highlight für alle Radprofis, liegt in diesem Jahr eine Woche mehr; viele Topstars nutzen deshalb die TdS als letzten Test vor der Grand-Tour. So wird das ganze Tour-de-France-Team von Moviestar mit Leader Nairo Quintana ebenso am Start sein wie Bauke Mollema und die Sprinter-Weltelite in corpore. Peter Sagen, André Greipel, John Degenkolb – sie alle werden in den Flachetappen um den Sieg sprinten. Vielleicht auch in Gansingen, denn die 182,8 Kilometer lange Etappe von Oberstammheim (ZH) ins Fricktal ist mit ihren 1986 Höhenmetern «eine Etappe für alle», so Senn.

Drei möchten sie besonders gerne gewinnen: Peter Sagan sowie die beiden Schweizer Michael Albasini und Silvan Dillier. Letzterer geniesst als Schneisinger natürlich Heimvorteil. Emanuel Hüsler war kürzlich mit dem Radprofi auf Streckenbesichtigung. «Ich konnte ihm einige Tipps geben, wo er angreifen könnte.» Wo? Hüsler lacht. «Das verrate ich nicht.»

Tour de Suisse Höhenprofil 4. Etappe

Tour de Suisse Höhenprofil 4. Etappe

Für die Zuschauer besonders attraktiv ist die 29,3 Kilometer lange Zusatzschlaufe, die durch die Bezirke Laufenburg, Brugg und Zurzach führt. Sie wird zweimal gefahren und erst auf ihr dürfte sich das Rennen entscheiden. Aber auch der Region bringt die Schlaufe einen Mehrwert: Die Dörfer sind so länger in den guten Stuben präsent. Bei einer TV-Übertragung in 120 Länder ist das keine schlechte Werbung. Vielleicht, so hofft Mario Hüsler, werde der eine oder andere ja denken: Hier würde es mir auch noch gefallen. Dazu allerdings muss einer besser mitspielen als 2012: der Wettergott. Das Wetter sei «verbesserungswürdig», blickt Senn zurück.

Ein Dorf steht zusammen

Anders als 2012 ist Gansingen diesmal nicht nur Ziel-, sondern auch Startort. Das ermöglicht es, «das ganze Spektrum zu erleben», sagt Senn. Will heissen: Am Zieltag wird Gansingen in eine Volksfeststimmung versinken, am Tag darauf haben Radsportfans die Möglichkeit, die Profis hautnah zu erleben.

Dass dafür viel Arbeit – oder besser: Freiwilligenarbeit nötig war und noch ist, verhehlt Emanuel Hüsler nicht. Stemmen kann das ein Dorf wie Gansingen nur, weil viele mithelfen. «Ich bin stolz auf unser Dorf und unsere aktiven Vereine», sagte Mario Hüsler. Das kann er auch, denn das Dorf spielt perfekt mit. Die Einwohner nehmen Einschränkungen in Kauf, stellen ihre Vorplätze und Parkplätze zur Verfügung – ja, KMUs räumen für die Renntage sogar ihr Domizil.

Tour de Suisse 4. Etappe Gansingen - Gstaad

Noch sind längst nicht alle Arbeiten erledigt. So müssen noch temporäre Abstellplätze für die grossen Tour-Busse erstellt werden und auch sonst fordern die engen Verhältnisse im Dorf das OK heraus. «Wir sind aber auf der Zielgeraden», bilanziert Emanuel Hüsler – nach mehr als zwei Jahren Vorbereitung.

Die Zielgerade. Sie ist ein Highlight der dritten Etappe. 700 Meter lang ist sie nach der letzten Kurve – ein Traum für jeden Sprinter. Wer wird das Rennen machen? «Ein Schweizer», hoffen beide Hüsler. Auf den Sieger wartet dabei ein spezieller Preis: Der Cheisacherturm en miniature, gefertigt von Kunstdrechsler Robi Oeschger und bestückt mit einer hochprozentigen Flasche. Oben prangt eine «100». Es stehe für 100 Jahre VMC, so der Künstler, «und dafür, dass der, der den Preis will, 100-prozentig fit sein muss».

Den hochprozentigen Inhalt – natürlich auch aus der Region, das ist dem OK wichtig – dürfte der Gewinner schön in der Flasche lassen. Denn am Dienstag steht die vierte Etappe an – von Gansingen quer durch die Schweiz nach Gstaad.