Fricktal Regio
«Die Gemeinden sind unter Druck»: Rekrutierung von Behördenmitarbeitern wird immer schwieriger

Am Gemeindeseminar von Fricktal Regio diskutierten Behördenvertreter und Fachleute die steigenden Anforderungen an Gemeinden.

Nadine Böni
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Am ersten Tag des Gemeindeseminars nahmen rund 80 Personen teil – natürlich virtuell.

Am ersten Tag des Gemeindeseminars nahmen rund 80 Personen teil – natürlich virtuell.

Screenshot: Zoom/zvg

Natürlich blieb auch das alljährlich stattfindende Gemeinde­seminar des Planungsverbands Fricktal Regio nicht vor der Coronapandemie verschont. Dem Verband sei es aber wichtig gewesen, das Seminar trotz Veranstaltungsverbot durchzuführen, sagte Präsident Christian Fricker. Und so trafen sich am Mittwoch rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Fricktal – virtuell selbstverständlich.

Während des Seminartags dann war die Pandemie nur am Rande ein Thema. Vielmehr ging es um die Zukunft der Fricktaler Gemeinden, und: die Möglichkeiten, die bestehenden und künftigen Herausforderungen zu bewältigen. Titel des ersten Seminartags: «Gemeinden im Stresstest».

Als eine Herausforderung nannte Gastreferat Jonas Willis­egger vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie der Hochschule Luzern den Wandel in der Gesellschaft. So etwa die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in Richtung Zentren und die dadurch beschleunigte Alterung der Bevölkerung in ­peripheren Regionen. Auch das höhere Bedürfnis nach Mobi­lität und damit verbunden das steigende Verkehrsaufkommen, die Digitalisierung der Arbeitswelt sowie die neuen Ansprüche der jüngeren Generationen sprach Willisegger an.

Viele Gemeinden fühlen sich überfordert

«Städte und Gemeinden haben allesamt unterschiedliche Ressourcen und Probleme, müssen aber alle den Service public erbringen», sagte er. Rekrutierungsprobleme für Ämter im Gemeinderat oder Positionen auf der Verwaltung, komplexe Gesetzgebungen sowie der geringe Handlungs- und Gestaltungsspielraum für die Gemeindebehörden brächten die Gemeinden zusehends unter Druck, so Willisegger. Er verwies unter anderem auf das Gemeindemonitoring 2017, bei dem schweizweit über 20 Prozent der Gemeinden angaben, sich in den Bereichen Raum- und Zonenplanung sowie Sozialhilfe überfordert zu fühlen.

Als Lösungsansatz nannte er einerseits neue Führungsmodelle, die den Gemeinderat von operativen Geschäften entlasten und ihm Kapazitäten für strategische Ziele verschaffen. Andererseits verwies Willisegger auf die interkommunale Zusammenarbeit in einzelnen Bereichen bis hin zur Fusion.

«Es ist opportun, die Struktur zu überdenken»

Ein Thema, das in weiteren Referaten vertieft wurde. So war auch Gemeindeberater Jean-­Claude Kleiner zu Gast, der schweizweit diverse Zusammenschlüsse von Gemeinden begleitet hat, aktuell auch in der Region den Fusionsprozess zur Gemeinde Böztal (siehe Box). «Wir wollen mit Strukturen von gestern die Probleme von morgen lösen, obwohl wir heute schon unsere Grenzen spüren», sagte Kleiner und regte an: «Es ist opportun, die Gemeindestrukturen zu überdenken.» Regionales Denken und Handeln werde immer wichtiger.

Eine spontane Umfrage un-ter den Teilnehmenden des Seminars ergab, dass mehr als die Hälfte der Gemeinden die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren intensivieren oder gar Fusionen angehen oder zumindest prüfen wollen. Für Kleiner ein «erfreuliches Resultat». Seine Devise: «Eine Fusion kann eine Gemeinde und eine Region weiterbringen. Fusionen sollen ermöglicht, aber nicht erzwungen werden.»